http://www.faz.net/-gqe-74fv1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 19.11.2012, 13:06 Uhr

Pläne der Bundesregierung Altenpfleger sollen schneller geschult werden

Arbeitslose sollen zu Pflegern werden. Die Bundesregierung erwägt eine kürzere Umschulung in zwei statt drei Jahren. Bis 2030 könnte bis zu eine halbe Million Pfleger fehlen.

von
© Bergmann, Wonge Fachkräfte-Mangel: Derzeit dauert die Besetzung einer offenen Stelle in der Altenpflege rund 115 Tage.

Angesichts des drohenden Mangels an Pflegekräften plant die Bundesregierung, die Umschulungszeiten von Arbeitslosen zu verkürzen. Durch „eine weitergehende Anrechnung von Vorqualifikationen und Berufserfahrung auf die Umschulungsdauer“ zum Altenpfleger soll das Potential besser erschlossen werden, heißt es in einer Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Anfrage der Grünen-Fraktionen, welche dieser Zeitung vorliegt. Im Klartext bedeutet dies: Die Verkürzung von einer drei- auf zweijährige Umschulung soll erleichtert werden.

Sven Astheimer Folgen:

Die Beratungen zu den Änderungen sind aber noch nicht abgeschlossen. Die Grünen-Politikerinnen Elisabeth Scharfenberg und Brigitte Pothmer kritisierten die Pläne scharf. Sie fürchten eine Aufweichung der Ausbildungsstandards: „Wenn zukünftig schon allgemeinste Erfahrungen im Altenpflegebereich für eine verkürzte Ausbildung ausreichen sollen, dann droht die Dequalifizierung des Berufsbildes.“ Das sei weder den Beschäftigten noch den Pflegebedürftigen zuzumuten.

„Schwarz-Gelb will kein Geld investieren“

Wie aus der Anfrage weiter hervorgeht, prüft der Bund immer noch die auf drei Jahre befristete Übernahme der kompletten Umschulungskosten. Im Sommer hatte das Arbeitsministerium diesen Schritt im Rahmen der „Ausbildungs- und Qualifizierungsoffensive Altenpflege“ schon für 2013 angekündigt. Bislang liegt jedoch noch kein Gesetzentwurf vor. Derzeit darf die Bundesagentur für Arbeit die Umschulungen nur für zwei Jahre finanzieren, für das dritte Jahr müssen zum Beispiel die Bundesländer aufkommen. Häufig scheitert das Vorhaben daran, dass kein Financiers gefunden wird. Obwohl alle Bundesländer mit Engpässen in der Altenpflege konfrontiert sind, haben sich erst wenige, etwa Hessen, zur generellen Finanzierung des dritten Jahres bereit erklärt.

Die Bundesagentur für Arbeit hatte den Bundesländern deshalb schon vor Monaten in dieser Zeitung eine Pflegeblockade vorgeworfen. Während der Wirtschaftskrise 2009 und 2010 hatte die Arbeitsagentur im Rahmen des Konjunkturpakets II schon einmal die kompletten Kosten übernehmen können. Damals stieg die Zahl der Umschüler deutlich. Seit dem Ende des Pakets sind die Teilnehmerzahlen nach Angaben der Grünen im Bundesdurchschnitt um rund 40 Prozent gesunken. Die Grünen-Politiker vermuten nun, dass die beiden Vorhaben in direktem Zusammenhang stehen. „Offenbar will Schwarz-Gelb in die dreijährige Umschulung kein Geld investieren“, lautet ihr Vorwurf.

Mehr zum Thema

Die Regierung setze stattdessen darauf, „eine dreijährige Förderung durch eine radikal verkürzte Ausbildung nahezu überflüssig zu machen.“ Derzeit dauert die Besetzung einer offenen Stelle in der Altenpflege laut Arbeitsagentur rund 115 Tage, das ist deutlich mehr als im Durchschnitt aller Berufe. Fachleute sind sich einig, dass der Bedarf an Pflegern angesichts der starken Alterung der Gesellschaft in den kommenden Jahrzehnten noch erheblich zunehmen wird. Laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung könnten bis zum Jahr 2030 rund eine halbe Million Vollzeit-Pflegekräfte fehlen.

Das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland bis 2030 um fast die Hälfte auf knapp dreieinhalb Millionen steigen wird - laut der Bertelsmann-Stiftung wird sie sich in manchen Kommunen sogar weit mehr als verdoppeln, bestätigte ein Sprecher. Die Prognosen für die Bundesländer fallen sehr unterschiedlich aus. Der höchste Anstieg wird für Brandenburg mit rund 72 Prozent erwartet. In Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Baden-Württemberg, Bayern und Schleswig-Holstein je um mehr als die Hälfte steigen, etwas weniger in Sachsen, Thüringen und Niedersachsen. Die geringsten Anstiege werden in den Stadtstaaten Hamburg (32 Prozent) und Bremen (28 Prozent) erwartet.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Tagung in Meseberg Merkel lobt Integrationsgesetz als Meilenstein

Wenn du dich reinhängst, wird was aus dir: So beschreibt Wirtschaftsminister Gabriel das Versprechen des neuen Integrationsgesetzes. Das sind die wichtigsten Punkte des Entwurfs für ein Integrationsgesetz. Mehr

25.05.2016, 12:18 Uhr | Politik
Rheinland-Pfalz Malu Dreyer als Ministerpräsidentin wiedergewählt

Malu Dreyer ist mit den Stimmen der rot-gelb-grünen Koalition im ersten Wahlgang zur rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin wiedergewählt worden. 52 der 101 Abgeordneten stimmten für die SPD-Politikerin und machten damit den Weg für ihre zweite Amtszeit als Regierungschefin frei. Mehr

18.05.2016, 16:07 Uhr | Politik
Die Renten-Versprechen der SPD Wie Manna vom Himmel

Höhere Renten für alle? Union und Sozialdemokraten locken mit neuen Versprechen und tun so, als spiele Geld keine Rolle. Doch diese Zeiten sind vorbei, findet Deutschlands großer Renten-Experte. Mehr Von Axel Börsch-Supan

27.05.2016, 15:48 Uhr | Wirtschaft
Nicht gesucht, doch gefunden Grün-schwarze Koalitionspremiere in Baden-Württemberg

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann und der CDU-Landesvorsitzende Thomas Strobl haben die Einigung auf das Regierungsbündnis zwischen Grünen und CDU bekannt gegeben. Den Grünen war es bei den Landtagswahlen am 13. März gelungen, erstmals bei einer Landtagswahl stärkste Kraft zu werden. Mehr

03.05.2016, 08:09 Uhr | Politik
Hessens Polizei Innenminister Beuth sieht keinen Nachwuchsmangel

Hessens Polizei sucht Nachwuchs, die Zahl der Bewerber ist im Vergleich zum letzten Jahr gesunken. Die Zahl politisch motivierter Straftaten ist dagegen gestiegen. Mehr Von Ralf Euler, Wiesbaden

27.05.2016, 11:17 Uhr | Rhein-Main

Hilfe für die Umwelthilfe

Von Carsten Knop

Die Deutsche Umwelthilfe stört sich daran, dass Dieselmotoren nicht immer so sauber sind, wie die Werbung verspricht. Aber sie ist auch nur eine Organisation mit eigenen Interessen. Mehr 8 32


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Nachteile für Migranten Viele Türken in Deutschland sind arm

Weniger Einkommen, weniger Wohnraum, weniger Bildung: Die Lebensverhältnisse vieler Migranten sind schwierig – auffällig stark gilt das für Bürger türkischer Herkunft. Mehr Von Dietrich Creutzburg, Berlin 100 153

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden