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Veröffentlicht: 31.01.2011, 10:58 Uhr

Photovoltaik „Eine völlig verrückte Subventionsmaschinerie“

Der Umweltökonom Joachim Weimann beklagt im F.A.Z.-Interview einen sinnlosen Klimaaktivismus in Deutschland. Seiner Ansicht nach sollte Photovoltaik überhaupt nicht gefördert werden. Zudem kritisiert Weimann die geringen Investitionen in die Forschung.

© dapd „Deutsche Subventionen gehen nicht in die Entwicklung von Zukunftstechnik, sondern in die Produktion”

Herr Professor Weimann, es wird wieder über die Höhe der Einspeisevergütung für Solaranlagen gestritten. Trotz Kürzungen nehmen die Kosten lawinenartig zu. Dieses Jahr verdoppeln sie sich auf 6,8 Milliarden Euro. Ist das zu viel?

Ich sehe nicht, warum wir die Photovoltaik überhaupt fördern sollten. Das einzige Argument dafür wäre, dass man sie als Zukunftstechnologie sieht und ihre Entwicklung fördern will. Aber das hat mit der Einspeisevergütung nicht funktioniert. Die Photovoltaikbranche wendet nur etwa 2 Prozent ihres Umsatzes für Forschung auf. Zum Vergleich: Bei Biotechnologie liegt dieser Anteil um die 30 Prozent, bei der Nanotechnologie bei 40 Prozent, im Maschinenbau bei 6 Prozent. Die Photovoltaikbranche bietet inzwischen eine mittlere Technik an, die billiger in China produziert wird. Die deutsche Subvention geht nicht in die Entwicklung von Zukunftstechnik, sondern ausschließlich in die Produktion.

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Aber immerhin hilft die Stromproduktion mit Photovoltaikanlagen, den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) zu senken?

Nein. Zur Begrenzung des CO2-Ausstoßes haben wir in Europa den Emissionshandel. Wenn man durch Fördermaßnahmen für erneuerbare Energien zusätzlich Emission zu vermeiden versucht, läuft das ins Leere. Es führt lediglich dazu, dass sich die Emissionsmengen anders verteilen. Wenn viele Solaranlagen Strom produzieren, dann benötigen die Energiekonzerne weniger Zertifikate, der Preis dafür sinkt, andere Industrien kaufen zu und emittieren mehr CO2. Die Gesamtmenge der Emissionen sinkt nicht.

Joachim Weimann, Uni Magdeburg © Rene Spalek Vergrößern Joachim Weimann, Uni Magdeburg

Die Politik steuert gern im Detail. Sie greift ein mit Ge- und Verboten - etwa dem Verbot der Glühbirne -, um bestimmte Techniken zu fördern. Ist das sinnvoll?

Ich kenne kein Beispiel, wo durch direkte staatliche Vorgaben technologische Entwicklungen tatsächlich erfolgreich vorangetrieben werden konnten. Jetzt sehen wir, dass die staatlich erzwungenen Energiesparlampen zu hohe Quecksilberanteile haben. Der Staat ist furchtbar schlecht darin, technische Entwicklungen vorauszusehen. Im Gegensatz dazu ist der Wettbewerb am Markt ein effizientes Entdeckungsverfahren. Er probiert viele verschiedene Lösungsansätze aus und lässt die überleben, die sich als die besten herausstellen. Staatlicher Zwang kann in technische Sackgassen führen.

Das gilt auch für die Photovoltaik?

Wir sind schon jetzt gefangen in einer Situation, in der wir über die nächsten zwanzig Jahre für den Solarstrom hohe Abnahmepreise garantiert haben. Damit werden den Stromkunden in den nächsten zwei Jahrzehnten mindestens 50 bis 60 Milliarden Euro Kosten aufgebürdet. Jeder einzelne Arbeitsplatz in der Photovoltaikbranche samt Zulieferbetriebe wird mit 40 000 Euro subventioniert - mehr als im Steinkohlebergbau. Es läuft eine völlig verrückte Solar-Subventionsmaschinerie, aber man wird sie schwer wieder anhalten können, dafür gibt es zu starke Lobby-Interessen. Insgesamt greift die Klimapolitik den Menschen schon tief ins Portemonnaie, wenngleich das Geld diskret, zum Beispiel über die Stromrechnung abgezweigt wird.

Das fällt den Leuten nicht so auf, die Deutschen lieben die Sonnenenergie.

Deutschland hat aber keine intensive Sonneneinstrahlung. Andere Formen der CO2-Vermeidung sind viel günstiger.

Was kostet die Einsparung einer Tonne CO2 mit einer Solaranlage?

Nach einer älteren Schätzung der Deutschen Energieagentur etwa 700 bis 800 Euro. Inzwischen dürften die Kosten gesunken sein, aber sie liegen noch immer in der Größenordnung von 300 bis 500 Euro je Tonne CO2-Vermeidung.

Und für Windkraftanlagen?

Für Windkraftanlagen wurden früher 100 bis 150 Euro geschätzt. Das ist aber wohl zu niedrig, weil Offshore-Anlagen und der Netzausbau teurer sind als gedacht. 150 Euro liegen mindestens um den Faktor 10 über den Grenzvermeidungskosten, die der Zertifikatepreis von 15 Euro anzeigt. Das ist der Preis der Vermeidung einer Tonne CO2 durch Steigerung der Energieeffizienz in Industrieanlagen und herkömmlichen Kraftwerken. Der Emissionshandel bietet den Königsweg zur günstigsten Einsparmöglichkeit.

Ein auf Europa beschränkter Emissionshandel ist aber auch nutzlos, schließlich entstehen Emissionen global.

Völlig richtig. Wenn wir keine große globale Koalition unter Einschluss von Amerika, China, Indien, Brasilien schaffen, dann sind alle Anstrengungen in Europa sinnlos. Dann sollten wir damit aufhören und uns besser auf die Anpassung an den Klimawandel konzentrieren. Viele Länder, etwa China, werden nicht bereit sein, unseren Weg der CO2-Vermeidung nachzugehen, weil dieser Weg zu teuer ist. Die Schwellenländer wollen Kompensationen. Da ist es sehr ärgerlich, dass wir in Europa Ressourcen für sinnlosen Klimaaktivismus verschwenden, anstatt sie dort einzusetzen, wo sie den größten Effekt an CO2-Einsparung haben.

Das Gespräch führte Philip Plickert.

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