http://www.faz.net/-gqe-7l0jn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 05.01.2014, 14:05 Uhr

Philosoph Bernd Ladwig „Die Moral gebietet, auf Fleisch zu verzichten“

Dürfen Menschen Tiere essen? Oder für medizinische Versuche einsetzen? Und was ist mit Mücken, die Autofahrern an die Windschutzscheibe klatschen? Ein Gespräch mit dem Philosophen Bernd Ladwig.

© Caro / Oberhaeuser

Herr Ladwig, darf man Tiere essen?

Im Prinzip ja. Die ethisch entscheidende Frage ist nicht die nach dem Fleischverzehr. Vielmehr geht es um die Frage, was man Tieren antun muss, um sie zu verzehren.

Was heißt das praktisch?

Nahezu alle Formen von Fleischverzehr setzen voraus, dass Tiere zu diesem Zweck gezüchtet, unter hochproblematischen Bedingungen gehalten und schließlich getötet werden. Und das scheint mitunter den Lebensbedingungen metropolitaner westlicher Gesellschaften nicht zulässig zu sein.

Das überrascht mich jetzt. Tierhaltung, wie sie zum Beispiel von deutschen Landwirten praktiziert wird, ist ethisch nicht zulässig?

Ja, sie ist in fast allen Fällen nur um den Preis zu haben, dass Tiere in ihrem Wohlergehen massiv geschädigt werden. Sie können kein für sie erfreuliches Leben haben.

Waren Sie schon einmal in einem modernen Schweinestall?

Nein, da kommt man ja auch nicht ohne weiteres rein. Ich verlasse mich da auf Filme und andere Informationsquellen.

Also hat der Westen die moralische Pflicht, das Fleischessen aufzugeben?

Ja.

Haben denn Tiere den gleichen moralischen Status wie Menschen? Sprich: Muss man Tiere und Menschen unbedingt gleich behandeln?

Gegenfrage: Wie könnte man denn willkürfrei einen ungleichen Status begründen? Da würde ich nun sagen, alle Versuche, einen solchen Unterschied zu begründen, fußen auf mehr oder weniger verkappter Religion und sind deshalb nicht verallgemeinerbar. Oder sie beruhen auf empirischen Annahmen etwa über typische Fähigkeiten von Menschen im Unterschied zu allen Tieren, die aber auch nicht auf alle Menschen zutreffen. Frei von Willkür wird man nicht sagen können, warum sämtliche Tiere einen anderen moralischen Status als sämtliche Menschen haben sollten. In der Konsequenz bedeutet das: Die Leute, die Tiere züchten, mästen und schlachten wollen, müssen dafür moralische Gründe nennen. Solche Gründe sind aber weit und breit nicht in Sicht.

Das klingt ja so, als ob Sie Tiere essen auf die Ebene von Kannibalismus bringen.

Damit berühren Sie die Grundsatzfrage. Die Tierrechtsbewegung hat einen Begriff geprägt für die Diskriminierung von nichtmenschlichen Tieren: Speziesismus. Das ist ein unschönes Wort, mit dem aber eine Analogie gezogen werden soll zu den bekannten Formen der Diskriminierung unter Menschen wie Sexismus oder Rassismus. Dahinter steckt die Überzeugung, dass die Artgrenze zwischen Tieren und Menschen moralisch genauso irrelevant ist wie die Grenze zwischen Mann und Frau oder Schwarz und Weiß.

Wie bitte? Tiere und Menschen diskriminieren ist auf derselben moralischen Ebene?

Im Prinzip ja. Daraus folgt aber nicht, dass man Tiere und Menschen in allen Hinsichten gleich behandeln muss und kann. Ein offensichtlicher Unterschied besteht ja in den unterschiedlichen Fähigkeiten, Bedürfnissen und berechtigten Interessen. Da kann der Mensch moralisch sogar gezwungen sein, Tiere anders zu behandeln. Aber in der elementaren Frage des Wohlergehens ist zunächst einmal nicht einzusehen, warum Tiere schlechter behandeln, werden dürfen.

Das gilt für Spinnen, Ratten und Hunde gleichermaßen?

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Gespräch mit Marina und Herfried Münkler Ein Traum für Deutschland

Hat die Flüchtlingsdebatte die Wirkung eines nationalen Jungbrunnens? Das Buch Die neuen Deutschen erzählt von einem Land, das seine besten Zeiten noch vor sich hat. Mehr Von Christian Geyer, Andreas Kilb und Regina Mönch

26.08.2016, 17:26 Uhr | Feuilleton
Alternative Ernährung Berlin als Trendstadt für Veganer

Immer mehr Menschen wollen sich vegan, also ganz ohne tierische Produkte ernähren: 900.000 sollen es in ganz Deutschland sein. Fast zehn Prozent davon leben Schätzungen zufolge in Berlin, und so ist es nicht überraschend, dass die deutsche Hauptstadt hier Trendsetter ist. In Berlin gibt es mehr vegane Restaurants als in Paris oder London, und immer mehr vegane Betriebe schießen aus dem Boden. Mehr

23.08.2016, 02:00 Uhr | Gesellschaft
Immer volle Backen Hamster sammeln so viel, wie es geht

Die Bundesregierung empfiehlt, Vorräte für schlechte Zeiten anzuschaffen. Kleinsäugerexperte Peter Fritzsche erklärt, warum man dabei vom Hamstern spricht – und wie viel Nahrung ein echter Hamster hamstert. Mehr Von Christoph Strauch

23.08.2016, 22:45 Uhr | Gesellschaft
Indonesien Streit um Mega-Bauprojekt auf Bali

Auf der Ferieninsel Bali gehen die Menschen auf die Straße. Sie wehren sich gegen die geplante Luxusferienanlage mitten in der Bucht von Benoa, ein Projekt für 13 Milliarden Euro. Die Regierung von Bali hofft, dass durch die Ferienanlage die Wirtschaft und der Tourismus angekurbelt werden. Mehr

27.08.2016, 16:20 Uhr | Gesellschaft
Lebensmittelqualität TTIP gehört in die Tonne

Foodwatch-Chef Thilo Bode im Gespräch über seine Klage gegen den Freihandel, die Macht der Konzerne und Beifall von der falschen Seite. Mehr Von Ralph Bollmann

27.08.2016, 19:15 Uhr | Wirtschaft

Nach dem Golde drängt alles

Von Christian Siedenbiedel

Schon in Goethes „Faust“ heißt es: „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles“. Was aber rückt das Gold heute wieder so in den Mittelpunkt des Interesses der Anleger? Der Brexit? Sorgen um die Weltwirtschaft? Etwas ganz anderes? Mehr 3 10

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“