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Pflege Zweite Kindheit

02.09.2007 ·  Der Staat will die Pflege älterer Menschen durch deren Angehörige erleichtern. In der Debatte werden Parallelen gezogen zur Kinderbetreuung. Kommt eine zweite „Elternzeit“? Von Christiane Hoffmann und Cornelia von Wrangel.

Von Christiane Hoffmann und Cornelia von Wrangel
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Schon Shakespeare hat die Ähnlichkeit von früher Kindheit und hohem Alter besungen: „Der letzte Akt“ des Lebens sei, so heißt es bei ihm, eine „zweite Kindheit: gänzliches Vergessen, ohn Augen, ohne Zahn, Geschmack und alles“. Ob Säugling oder Greis: Am Beginn und am Ende des menschlichen Lebens steht Hilfsbedürftigkeit. Es verwundert also nicht, dass in der Debatte über die Reform der Pflege Parallelen gezogen werden zwischen der elterlichen Fürsorge für Kinder und der Fürsorge, die Kinder, die sich oft selbst schon dem Rentenalter nähern, ihren pflegebedürftigen Eltern angedeihen lassen.

Denn Fürsorge ist in unserer modernen Gesellschaft ein rares und teures Gut geworden, das schon lange nicht mehr selbstverständlich von den Familien für ihre Angehörigen erbracht wird - zumal da die durchschnittliche Lebensdauer beständig steigt. Im Falle der Pflege versucht der Staat nun, Anreize zu schaffen, um die Verantwortung zurück in die Familien zu verlagern oder dort zu halten. Immerhin werden nach wie vor mehr als zwei Drittel der Pflegebedürftigen in Deutschland zu Hause versorgt. „Nach dem Modell der Elternzeit“ soll eine Pflegezeit eingeführt werden, eine bis zu sechs Monate lange unbezahlte Auszeit vom Arbeitsplatz mit Rückkehrrecht.

Begriff „Elternzeit“ auf beide Auszeiten anwendbar

Und „analog zur Freistellung von Eltern im Krankheitsfall ihrer Kinder“ wird es, wenn Gesundheitsministerin Ulla Schmidt ihre Pläne durchsetzen kann, eine Freistellung von bis zu zehn Tagen geben, wenn Angehörige die Pflege organisieren müssen. Das heißt, jeder soll sich dafür Sonderurlaub nehmen können. Vermutlich werden die Parallelen bald weiter reichen: In Kanada gibt es schon betriebliche Altenkrippen, in denen Arbeitnehmer ihre pflegebedürftigen Angehörigen vor der Arbeit abgeben und nach Dienstschluss wieder abholen können.

Auf den ersten Blick springen die Ähnlichkeiten ja auch ins Auge: Bei der Kindererziehung wie der Altenpflege geht es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für jene, die sich kümmern. Hier wie dort stellt sich die Frage, wie viel Verantwortung der Staat übernehmen soll und kann und was den Arbeitgebern zuzumuten ist. Und hier wie dort sind es die Frauen, die die Hauptlast der Fürsorge tragen. Sogar der Begriff „Elternzeit“ ließe sich ohne große Mühe auf beide Auszeiten anwenden.

Praktische und moralische Nöte

Aber ist die Pflege älterer Menschen tatsächlich mit der Sorge für Kinder vergleichbar? Die Pflegebedürftigkeit der Mutter oder des Vaters erscheint in der Regel allen Beteiligten als ein Schicksalsschlag. Kinder dagegen werden, was in der gegenwärtigen Betreuungsdebatte oft vergessen zu werden droht, nicht aus altruistischen Motiven in die Welt gesetzt, sondern weil sich die Eltern von ihnen einen Gewinn an Lebensqualität erhoffen. Kinder sind ihren Eltern fraglos anvertraut, im Verhältnis zur älteren Generation geht es dagegen um eine Beziehung zwischen Erwachsenen, die unterschiedliche Qualität haben kann.

Ein Pflegefall kann die jüngere Generation in praktische und oft auch moralische Nöte bringen. Ob die Eltern zu Hause oder in einer Einrichtung versorgt werden, hängt von vielen Faktoren ab: von der Familiensituation, von finanziellen, von räumlichen Möglichkeiten. Mindestens ebenso sehr ist es aber für viele eine Gewissensfrage, ob sie ihre Angehörigen selbst betreuen oder einem Heim überantworten wollen, dessen Qualität, wie der jüngste Pflegebericht zeigt, womöglich eine menschenwürdige Behandlung vermissen lässt.

Viele alte Menschen suchen andere Lösungen

Während viele Eltern, darunter zunehmend auch die Väter, gerne eine Zeitlang beruflich kürzertreten, um sich dem Nachwuchs zu widmen, wird die Pflege der Alten als moralische Pflicht und oft auch als Belastung wahrgenommen. Die Pflege zum Tode mag Momente menschlicher Erfüllung bereithalten; dieser Gewinn ist aber mit Schmerz erworben.

Während Kinder in den ersten Lebensjahren den vertrauten Familienkreis nicht missen wollen, ist es keineswegs mehr selbstverständlich, dass die alten Menschen von den eigenen Kindern umsorgt sein wollen. Weil sie fürchten, zur Last zu fallen, oder so lange wie möglich ihre Selbständigkeit nicht aufgeben möchten - es kann viele Gründe geben, warum sie nach anderen Lösungen suchen.

Aus Sicht der Gesellschaft sind Anreize dafür, mehr Kinder in die Welt zu setzen, eine - auch ökonomisch - sinnvolle Investition. Es liegt im allgemeinen Interesse, die Geburtenrate zu erhöhen. Bei der Pflege stehen andere Motive im Vordergrund: Hier geht es um die Menschlichkeit.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.09.2007, Nr. 35 / Seite 14
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