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Personalwesen : Der Gedöns-Vorstand

Angestellte während einer Mittagspause. Bild: Reuters

Personalarbeit hat einen schweren Stand. Zu oft wird sie als nebensächlich abgetan. Dabei kann sie über Gedeih und Verderb eines Unternehmens entscheiden.

          Wo immer eine Gruppe von Menschen miteinander arbeitet, kristallisiert sich schnell eine Rangordnung heraus. Die höchsten Führungsgremien der Unternehmen bilden da keine Ausnahme. Auch in Vorständen sind nicht alle gleich, sondern manche ein bisschen gleicher. Der Finanzvorstand zum Beispiel genießt seit jeher hohes Renommee, während den Verantwortlichen für IT oder Marketing schon deutlich weniger Glanz zuteil wird. Ganz unten in der heimlichen Vorstandshierarchie aber steht der Personalvorstand. Was für Altkanzler Gerhard Schröder das Familienministerium war, ist in den Chefetagen der Wirtschaft das Personalressort: Gedöns.

          An Zeichen der Geringschätzung mangelt es nicht. Das fängt schon damit an, dass sich nur jeder dritte Dax-Konzern einen eigenen Vorstand für das Personalwesen leistet. Meist wird dieses Aufgabengebiet von anderen miterledigt. Stephan Leithner zum Beispiel, Vorstand der Deutschen Bank, ist der Liste seiner Zuständigkeiten nach ein wahrer Alleskönner: Er verantwortet nicht nur das Geschäft in Europa, sondern auch die Kontaktpflege zur Regierung, Regulierungsfragen, Compliance und – da war noch was – Personal. So verwundert es nicht, dass der vielzitierte Kulturwandel auf sich warten lässt. Heidelberg Cement wiederum misst dem Thema Personal in etwa die gleiche Bedeutung bei wie der konzernweiten Koordinierung zementähnlicher Sekundärstoffe – beides ist zwar auf Vorstandsebene verankert, aber nur als kleiner Teil einer umfangreichen Stellenbeschreibung.

          Unterschätzt und belächelt

          Nicht auszurotten ist auch die Sitte, Manager zum Personalvorstand zu ernennen, die auf diesem Gebiet keine einschlägige Erfahrung haben. Als der Mietwagen-Mogul Erich Sixt kürzlich seine beiden Söhne in den Vorstand holte, bekam einer der beiden die Zuständigkeit fürs Personal übertragen, obwohl er sich zuvor vor allem mit Fusionen und Übernahmen beschäftigt hatte. Auch Frauen werden, so sie denn mal in einen Vorstand berufen werden, bevorzugt mit dem Personalressort betraut, in der – natürlich nur hinter vorgehaltener Hand geäußerten – Annahme, dort könnten sie am wenigsten Schaden anrichten.

          Welch ein Irrtum! Kein anderes Vorstandsamt wird derart unterschätzt wie das des Personalvorstands. Es scheint sich immer noch nicht herumgesprochen zu haben, dass nicht mehr das Geld die knappste Ressource in Unternehmen ist, sondern eine fähige und motivierte Belegschaft. Doch der demographische Wandel ist kein Phantom. Die Dax-Konzerne mögen ihn noch nicht so schmerzlich spüren, doch bei Mittelständlern lässt sich längst besichtigen, wie Aufträge abgelehnt werden müssen, weil es an Leuten fehlt.

          Im Schnitt sind nur 15 Prozent der Mitarbeiter in einem Unternehmen mit Leidenschaft bei der Sache, zeigte kürzlich eine repräsentative Umfrage. Die große Mehrheit macht Dienst nach Vorschrift oder hat innerlich gekündigt. Und trotzdem gilt Führung in vielen Unternehmen immer noch als etwas, um das man sich nebenbei kümmern kann – dann, wenn alles andere, alles Wichtigere erledigt ist. Ein guter Personalvorstand könnte das ändern, wenn, ja wenn es denn einen gäbe.

          Nicht nur die Bedeutung, auch die Komplexität dieses Amtes wird unterschätzt. Dabei muss man sich nur die gegenwärtigen Tarifkonflikte anschauen. Ob bei der Bahn, Lufthansa oder Post: Allerorten müssen die Personalvorstände den Sparkurs der Unternehmensleitung gegen die Forderungen der Gewerkschaften verteidigen. Es ist eine Herkulesaufgabe, bei der sich wenig gewinnen und viel verlieren lässt. Zahlen wie der Verschuldungsgrad oder die Liquiditätsreserve lassen sich vergleichsweise einfach managen, Menschen nicht. Dazu braucht es ein breites Netzwerk im Unternehmen. Das aber hatten viele der jüngst berufenen Frauen nicht, und so erklärt sich auch, warum sie scheiterten.

          Mehr als nur Abwickler sein

          Doch wer glaubt, das konsequente Unterschätzen des Personalvorstands liege allein an ignoranten Aufsichtsratschefs, täuscht sich. Auch die Personalabteilungen haben daran einen wesentlichen Anteil. Still und leise haben sie in den vergangenen Jahren ihr Nischendasein gepflegt, sich mit der Rolle des Abwicklers abgefunden, der Gehaltsabrechnungen verschickt und Arbeitsverträge aufsetzt, statt die Stimme zu erheben. Der bekannteste Personalvorstand im Land ist einer, der keiner mehr ist: Thomas Sattelberger, der vor fünf Jahren der Deutschen Telekom die Frauenquote verordnete. Er wollte gestalten, nicht verwalten.

          In den Vereinigten Staaten genießt „HR“ (Human Resources) mehr Anerkennung, was sich nicht zuletzt darin zeigt, dass Personalexpertise dort als Sprungbrett zum Vorstandsvorsitz taugt. Mary Barra war Personalchefin von General Motors, bevor sie die Führung des Unternehmens übernahm. Man weiß nicht, was in Deutschland weniger aussichtsreich ist: eine Frau auf dem Chefsessel – oder ein ehemaliger Personalvorstand? Doch es gibt Anlass zur Hoffnung. Familienpolitik ist heute ein respektiertes Ressort im Bundeskabinett, selbst der größte Macho würde sich nicht mehr trauen, es als Gedöns abzutun. Bleibt zu hoffen, dass die Personalvorstände bald eine ähnliche Aufwertung erfahren.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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