01.07.2011 · China feiert die Parteigründung vor 90 Jahren mit 28 Kinofilmen und zehntausenden Betriebsausflügen. Viele Unternehmen stehen tagelang still. Das kostet Milliarden.
Von Christian Geinitz, PekingChina lässt sich seine Geschichte einiges kosten, vor allem die kommunistische. Zu den Feierlichkeiten für die Gründung der Kommunistischen Partei vor 90 Jahren an diesem Freitag greifen Staat und Wirtschaft tief in die Tasche. Mehrere Milliarden Yuan fließen in Jubiläumsmünzen, Filme, Feste, Bücher oder fallen als Kosten an, weil wegen der Betriebsfeiern und Erinnerungsreisen der Belegschaften die Produktion stillsteht. Der rote 100-Yuan-Schein mit Maos Konterfei, Chinas höchste Banknote, passt gut in die kostspielige Festzeit.
Am augenfälligsten zeigt sich der Aufwand in der Filmproduktion. Chinas Traumfabriken haben 90 Spielfilme und Fernsehstücke gedreht – allein 28 Kinostreifen, um an die Geschehnisse im Juli 1921 in Schanghai zu erinnern. Der wichtigste der Jubiläumsfilme heißt „Die Gründung einer Partei“. Er orientiert sich an dem Erfolg von „Die Gründung einer Republik“ von 2009 über die Ausrufung des kommunistischen Staates 1949. Statt 13 Millionen Zuschauer wie das alte Werk will das neue 30 Millionen anziehen und doppelt so viel Geld einspielen. Das wären 840 Millionen Yuan oder 91 Millionen Euro. Damit könnte das Parteistück der größte Kassenschlager aller Zeiten in China werden – hinter dem amerikanischen Zukunftskracher „Avatar“.
Zumindest in den angekündigten Rekorden ist China noch immer eine Planwirtschaft, weshalb das Ziel sicher erreicht wird. Nach Auskunft von Xu Lijun von der Ent-Group, der führenden Marktforschungsagentur für Chinas Unterhaltungsindustrie, flossen allein in der ersten Woche mehr als 200 Millionen Yuan in die Kinokassen. Das sei fast das Dreifache der Produktionskosten gewesen. Dennoch gibt es Indizien, dass die Geschichte viele Zuschauer nicht vom Kinosessel reißt. So ist die Bewertungsfunktion auf Internetseiten wie Douban.com oder Mtime.com blockiert. Hier kann man zwar Voten für Gassenhauer aus dem kapitalistischen Ausland abgeben, etwa für „Fluch der Karibik 4“, „Fast and Furious 5“ oder den deutschen Zeichentrickversuch „Konferenz der Tiere“. Für den Parteischinken aber werden die Klicks nicht gezählt.
Ohnehin richtet sich Chinas Kinolandschaft mehr nach Macht als nach Markt. Der Verleih liegt in der Hand eines staatlichen Duopols, die Zahl ausländischer Werke ist begrenzt. Das Magazin „Kan Tian Xia“ zitiert den Vizepräsidenten des Neuen Filmverbands, Gao Jun, mit den Worten: „Bevor ,Die Gründung einer Partei‘ nicht genug Umsatz gemacht hat, zum Beispiel 800 Millionen Yuan, werden weitere ausländische Filme nichts ins Kino gelassen, etwa ,Transformers 3‘.“ Für den gemachten Erfolg des Heldenepos spricht auch, dass es zu einer Pflichtveranstaltung für Betriebsausflüge geworden ist. Schon zur Mittagsvorführung drängeln sie sich in den Hallen der Lichtspielhäuser.
Der gemeinsame Kinobesuch zählt zu den sogenannten roten Aktivitäten (Hongse Huodong), mit denen Staatseinrichtungen und Unternehmen den Jahrestag begehen. Zuletzt war viel zu lesen über die „Rote Metropole“ Chongqing am Jangtse. Dort setzt der ehrgeizige Parteisekretär Bo Xilai seit zwei Jahren einen folkloristischen Maoismus durch, mit SMS-Propaganda, Spruchbändern oder dem gemeinsamen Absingen von Revolutionsliedern. Angesichts der Feierlichkeiten sind derzeit im Land unzählige Einrichtungen so rot getüncht wie Chongqing.
Besonders beliebt sind in den Betrieben Gesangswettbewerbe und rote Ausflüge (Hongse Lüyou) an die Stätten der Parteigeschichte. Dafür fallen Reise- und Speisekosten an, zuweilen müssen Unterkünfte bezahlt werden. Hinzu kommt der Arbeits- und Umsatzausfall an solchen inoffiziellen Feiertagen. Ein Beispiel aus einem staatlichen Rechenzentrum in Peking veranschaulicht das. Anlässlich des Jubiläums unternehmen die 100 Mitarbeiter einen einwöchigen roten Ausflug nach Shenzhen. Die Kosten dafür, einschließlich des Flugs und des Arbeitsausfalls, betragen rund 502 000 Yuan.
Zuhause in Peking sieht sich das Kollektiv für weitere 4000 Yuan den Parteifilm an. An zehn Tagen übt sich die Hälfte des Personals für jeweils zwei Stunden in patriotischen Liedern. Das schlägt noch einmal mit etwa 26 000 Yuan zu Buche. Insgesamt ist dem Betrieb seine rote Gesinnung 532 000 Yuan wert, etwa 58 000 Euro, oder 580 Euro je Mitarbeiter. Chinesischen Medien zufolge halten fast alle Staatsunternehmen auf eigene Rechnung rote Aktivitäten ab. Selbst wenn sich nur ein Zehntel beteiligt und dafür ein Zehntel des genannten Pro-Kopf-Betrags ausgibt, betrüge der Gesamtaufwand bei etwa 64 Millionen Beschäftigten rund 3,4 Milliarden Yuan.
Auch Chinas Beamte, Krankenhausärzte, Lehrer und Universitätsbedienstete kommen in den Genuss von Freistunden und roten Wandertagen. Chinas öffentlicher Dienst beschäftigt fast 50 Millionen Menschen. Wenn jeder Zehnte Jubiläumskosten verursacht, sind das weitere 2,7 Milliarden Yuan. Selbst dieser vorsichtigen Schätzung nach kostet das feierliche Erinnern rund 6,1 Milliarden Yuan oder 660 Millionen Euro. Rechnet man die Ausgaben der Privatwirtschaft und der mehr als 2,2 Millionen Soldaten hinzu, die ebenfalls rote Treffen feiern, dürften leicht eine Milliarde Euro zusammenkommen.
Neben Reiseveranstaltern, Gastronomen oder Filmemachern profitieren auch entlegene Branchen wie Flaggenschneider und Souvenirverkäufer. Die Gesangswettbewerbe und Rollenspiele aus der Parteigeschichte treiben die Einnahmen der Kostümverleiher in die Höhe. Besonders gefragt seien rote Kleider, Waffen und Armeeuniformen, verrät Xue Rui, Eigentümer des Ausstatters Jing Ya in Peking. Der Gewinn im Feiermonat Juni sei um 30 Prozent höher als sonst. „Das Geschäft läuft wunderbar“, freut sich der Händler. „Unsere Lager sind leer, seit einer Woche nehmen wir keine Bestellungen mehr an.“ Mit dem Kommunismus lässt sich in China offenbar gutes Geld verdienen.
Christian Geinitz Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.
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