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Parlamentswahl in Frankreich : Präsident der Bosse

Der, den Frankreichs Unternehmer für den modernen Napoleon halten: Emmanuel Macron, hier auf einem Werbeplakat am Auto des Unternehmers Bruno Bonnell (rechts). Bild: AFP

Es ist eine Begeisterung, die weit über das Übliche hinausgeht. Dutzende französische Unternehmer ziehen für Präsident Emmanuel Macron in den Parlamentswahlkampf. Warum bloß?

          Bruno Bonnell steht vor einer Kirche in Villeurbanne, einer Nachbarstadt von Lyon, und deutet hinter sich: „Hier hatte ich meine Kommunion, hier wurde ich gefirmt.“ Vor einer Schule sagt er: „Hier führte ich als Gymnasiast meine ersten politischen Debatten.“ In einer Bäckerei plaudert er mit der Verkäuferin: „Wissen Sie, in dem Schwimmbad gegenüber habe ich schwimmen gelernt.“ Vor einem früheren Bürogebäude erzählt er: „Hier habe ich mein erstes Unternehmen gegründet. Es war praktisch das erste Start-up Frankreichs.“

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Bruno Bonnell ist ein Unternehmensgründer, der mit seinen 58 Jahren schon viel gesehen hat. Bullige Figur, kahler Schädel, ein einnehmendes Lächeln. Freundlich tritt er den Menschen gegenüber. Nicht nur in Villeurbanne ist er zu Hause. Der in Algerien geborene Franzose ist ein Routinier, wenn es darum geht, neue Firmen ins Leben zu rufen und sie durch Übernahmen oder Verkäufe zum Wachsen zu bringen. Eine Weile gehörte ihm sogar das legendäre amerikanische Videospiel-Unternehmen Atari. „Ich gründe Unternehmen, wie andere Kinder zeugen“, sagt er. Wobei seine Zahl von mehr als dreißig Unternehmensgründungen jene seiner sechs Kinder (von zwei Frauen, das jüngste fünf Jahre alt) deutlich übersteigt.

          Ein Unternehmensgründer, der schon viel gesehen hat: Bruno Bonnell
          Ein Unternehmensgründer, der schon viel gesehen hat: Bruno Bonnell : Bild: AFP

          Bonnell hat sogar etwas mit Donald Trump gemeinsam, auch wenn er vom amerikanischen Präsidenten überhaupt nichts hält. In der französischen Variante der „Apprentice“-Show trat der Franzose vor zwei Jahren als Richter und Animator im Fernsehen auf. Sein Spruch für die Auslese lautete aber nicht „you’re fired“ („vous êtes viré“), sondern französisch-verständnisvoll „vous n’êtes pas prêt“ – „Sie sind nicht so weit“.

          „Der Mann hat keine Angst vor den Kugeln“

          Dieser Mann, der mitten im Leben steht, lässt sich eigentlich nicht so leicht beeindrucken. Jedenfalls war das so, ehe er vor einem Jahr dem französischen Präsidentschaftskandidaten Emmanuel Macron begegnete. „Als ich ihn am 2. Juni 2016 im Rathaus von Lyon erlebte, wie er vor tausend Leuten sein Programm darlegte, da sah ich Napoleon auf der Brücke von Arcole.“ Dieser historische Moment ist in einem berühmten Gemälde verewigt, auf dem der Feldherr die französischen Truppen gegen die Österreicher in eine siegreiche Schlacht führt. „Der Mann hat eine echte Vision, und er hat keine Angst vor den Kugeln“, sagt Bonnell und meint jetzt wieder Macron. Der neue französische Präsident, ein moderner Napoleon? Man weiß, mit welcher Hingabe sich die Soldaten damals für ihren Machthaber ins Gefecht warfen. Heute, im 21. Jahrhundert, gibt es dafür durchaus eine Entsprechung. Sie ist nicht militärischer, sondern politischer Natur.

          Die Begeisterung von Macrons Gefolgsleuten für ihren Helden geht spürbar über das Übliche hinaus – auch bei etlichen Unternehmern. Wie anders ist es zu erklären, dass Dutzende von ihnen in den französischen Wahlkreisen für Macrons Bewegung „En Marche“ bei den Parlamentswahlen am 11. und 18. Juni für ein Abgeordnetenmandat kandidieren? Sie haben beruflich alles erreicht, bauten sich ihre eigenen Existenzen auf und leben in Welten, in denen sie das Sagen haben. Und nun wollen sie all das aufgeben, um sich in Paris in den Dienst einer Armee von Abgeordneten zu stellen, die getreu der politischen Praxis meistens unter dem Kommando der Regierung steht.

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