20.10.2008 · Otmar Issing ist ein überzeugter, aber kein fanatischer Marktwirtschaftler. Als Geldpolitiker musste sich Issing naturgemäß mit der wachsenden Rolle der Finanzmärkte befassen. Jetzt soll er die Expertenkommission der Regierung für eine Reform der Finanzmärkte leiten. Ein Porträt.
Von Gerald BraunbergerDas Ausmaß der Finanzkrise mag Otmar Issing überrascht haben, nicht aber ihr Ausbruch. Denn neben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hatte auch die Europäische Zentralbank (EZB) lange vor dem Beginn der Krise vor einem mangelnden Risikobewusstsein der Banken gewarnt. Issing gehörte bis zum Jahre 2006 als Chefvolkswirt zu den wichtigsten Führungspersonen der EZB. Wie seine Kollegen von der BIZ musste er zur Kenntnis nehmen, dass die Banken alle gutgemeinten Warnungen ignorierten. Als kurz nach dem Ausbruch der Krise Gesundbeter aus den Banken deren baldiges Ende prophezeiten, äußerte sich Issing skeptisch. Die Misere könnte länger dauern, als viele meinten, sagte er damals voraus.
Nun soll der 72 Jahre alte Issing die Expertenkommission der Bundesregierung für eine Reform der internationalen Finanzmärkte leiten, nachdem der ursprüngliche Kandidat der Bundeskanzlerin, der ehemalige Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer, innerhalb der großen Koalition nicht durchsetzbar war. Gleichzeitig wird Issing in ein vergleichbares Beratergremium der Europäischen Kommission eintreten.
Eine gute Wahl
Issing ist eine gute Wahl, denn der gebürtige Franke verbindet jahrzehntelange Praxis mit theoretischer Kenntnis des Finanzwesens und einem festen ordnungspolitischen Fundament. Issing hatte es als Professor für Volkswirtschaftslehre bis in den Sachverständigenrat gebracht, ehe er als Chefvolkswirt zunächst in den Zentralbankrat der Deutschen Bundesbank eintrat. Im Jahre 1998 wechselte er dann zur EZB. Nach seinem Abschied 2006 trat er in ein Beratergremium der Investmentbank Goldman Sachs ein. Issing hat mehr Währungs- und Finanzkrisen erlebt als die meisten Börsenhändler und Finanzanalysten und lässt sich so schnell nicht aus der Ruhe bringen.
Während seiner Zeit in der Bundesbank und in der EZB erwarb sich Issing den Ruf eines geldpolitischen „Falken“, der nur für niedrige Inflationsraten eintrete und sich um eventuelle wirtschaftliche Kosten einer solchen Strategie nicht kümmere. Issing hat sich gegen dieses Bild öffentlich nicht gewehrt, weil nach seiner Ansicht die Rolle eines „Stabilitätspredigers“ nicht unbesetzt bleiben darf. In seinem Denken und Handeln aber war er sehr viel flexibler als unterstellt; er betrachtet sich als einen „realistischen Ökonomen“ und nicht als realitätsfremden Ideologen.
„Eine Blase erkennt man erst, wenn sie platzt“
Als Geldpolitiker musste sich Issing naturgemäß mit der wachsenden Rolle der Finanzmärkte befassen. Forderungen, die Zentralbanken sollten ihre Politik nicht nur an der Sicherung des Geldwertes ausrichten, sondern auch Entwicklungen an den Finanzmärkten berücksichtigen, hat er sowohl mit Verständnis als auch mit Skepsis kommentiert. Könne es Aufgabe einer Zentralbank sein, eine starke Hausse am Aktienmarkt mit Zinssenkungen zu brechen und dadurch die Depots von Millionen Anlegern zu schädigen, fragte er einmal eher rhetorisch. Wenig Vertrauen hat er auch in die Fähigkeit von Regierungen und Zentralbanken, eine gesunde Hausse von einer Spekulationsblase zu unterscheiden. „Eine Blase erkennt man erst, wenn sie platzt“, meint er hierzu.
Issing ist ein überzeugter, aber kein fanatischer Marktwirtschaftler. Er schätzt insgesamt das Werk Friedrich von Hayeks, hält aber gar nichts von dem Vorschlag des verstorbenen Nobelpreisträgers, anstelle des seit Jahrzehnten kursierenden staatlichen Geldes einen Wettbewerb privater Währungen zu installieren.
Den Euro hat Issing im Laufe der Zeit mögen gelernt. Als die Einführung der Gemeinschaftswährung in den neunziger Jahren beschlossen wurde, stand er ihr skeptisch gegenüber. Seitdem Issing als erster Chefvolkswirt der EZB nicht wenig zum Ansehen des Euro beigetragen hat, schätzt er ihn. Den Erfolg des Euro sieht er aber noch nicht als garantiert an: Vor allem in einer ungesunden Finanzpolitik und in einem wuchernden Sozialstaat sieht er potentielle Gefährdungen. Da spricht der Marktwirtschaftler Issing.
Gibt es noch unabhängige Ökonomen?
Bodo Schäfer (InitiativeneueasozialeMarktwirtschaft)
- 22.10.2008, 22:00 Uhr
Gerald Braunberger Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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