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Ostdeutschland Die Zahl der Zufriedenen im Osten wächst

19.08.2005 ·  Obwohl die wirtschaftliche Aufholjagd Ostdeutschlands ins Stocken geraten ist, sind die Menschen dort immer zufriederner mit ihrer Situation. Dies ergab eine Umfrage in der von einem weiteren Abstieg bedrohten Region.

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Edmund Stoiber hat mit seinen Äußerungen über die Ostdeutschen für Aufregung gesorgt. „Es darf nicht sein, daß die Frustrierten über das Schicksal Deutschlands bestimmen“, hatte der CSU-Vorsitzende auf einer Wahlkampfveranstaltung gefordert. Doch zeigt eine Untersuchung der Unternehmensberatung McKinsey vom vergangenen Herbst, daß die Zufriedenheit der Ostdeutschen mit ihrem Wohnort wächst.

Waren im Jahr 2003 nur 41 Prozent zufrieden, sind es der neuen Studie zufolge 52 Prozent. „Die Kluft zwischen Ost und West ist kleiner geworden“, glaubt McKinsey-Direktor Thomas von Mitschke. „Während die Zufriedenheit in einigen Wachstumsregionen Ostdeutschlands zunimmt, sinkt sie in Westdeutschland zum Teil beträchtlich.“

Aufholprozeß erlahmt

Allzu rosig sieht nach einer aktuellen Untersuchung der Adenauer-Stiftung mit dem Titel „Möglichkeiten der wirtschaftlichen Entwicklung strukturschwacher Regionen in Ostdeutschland“ die Situation in den neuen Ländern allerdings nicht aus. Danach liegt die vielbeschworene Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West in weiter Ferne. Es könne sogar noch schlimmer kommen, da ohne zusätzliche Maßnahmen die Wirtschaftskraft im Osten weiter sinken werde, warnen die Autoren.

Ein Blick auf die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) spricht dafür, daß der Aufholprozeß im Osten erlahmt ist. Demnach haben die neuen Länder zwar bis in die Mitte der neunziger Jahre einen Aufschwung erlebt. In den vergangenen fünf Jahren stagnierte die wirtschaftliche Leistung aber in Gesamtdeutschland. Im Zuge dieser Entwicklungen blieb auch die Lohnentwicklung nach einem sprunghaften Anstieg bis 1995 in den vergangenen Jahren relativ konstant.

Bruttolohn fast verdoppelt

Während die Beschäftigten in Ostdeutschland kurz nach der Wende 1991 noch durchschnittlich einen Bruttolohn von 12.616 Euro als Entgelt für ihre Arbeit erhielten, hat sich der Wert 14 Jahre später fast verdoppelt. Mit 22.517 Euro je Arbeitnehmer verdient ein Erwerbstätiger in den neuen Bundesländern durchschnittlich 5000 Euro weniger als ein Beschäftigter in den alten Bundesländern. Ein Jahr nach der Wiedervereinigung lag der Unterschied noch bei 9000 Euro je Arbeitnehmer. Doch dieser Aufholprozeß ist ins Stocken geraten.

Parallel zu den Löhnen sind auch die Renten in den neuen Bundesländern zunächst sprunghaft gestiegen und liegen jetzt mit einer durchschnittlich verfügbaren Eckrente von 943 Euro knapp unter dem Westniveau von 1073 Euro.

„Die Stimmungslage in den neuen Bundesländern ist wechselhaft“, sagt Klaus-Heiner Röhl vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln. Seiner Einschätzung zufolge ist etwa ein Drittel der ostdeutschen Bevölkerung dauerhaft unzufrieden. „Dazu zähle ich den harten Kern der PDS-Anhänger und die Langzeitarbeitslosen“, erklärt Röhl. „Diese Leute haben eine gewisse Grundeinstellung und lehnen das Demokratiesystem ab.“

Auffällig sei dabei, daß es sich überwiegend um ältere Menschen handele, die sich vor der Entstehung der DDR bewußt für diesen Weg und dieses System entschieden hätten. Die hohe Zahl von Langzeitarbeitslosen im Osten und Aussagen wie die jüngst von Stoiber getätigten führten beim unzufriedenen Teil der ostdeutschen Bevölkerung zu einer Bestätigung ihrer Frustration. „Man hört immer wieder, daß sich die Ostdeutschen als Bürger zweiter Klasse fühlen“, sagt er.

Deutliche Unterschiede bei der Arbeitslosigkeit

Besonders deutlich werden die Unterschiede beim Blick auf die Arbeitslosenquote. Während 9,4 Prozent der westdeutschen Bevölkerung im Juli 2005 keinen Arbeitsplatz fanden, waren 20,2 Prozent der Bewohner im Osten Deutschlands ohne Arbeit. Die Kluft zwischen Ost und West hat sich in den vergangenen zehn Jahren vertieft und die 4 Prozentpunkte Differenz von 1991 gehören längst der Vergangenheit an.

„In Ostdeutschland gibt es vor allem viele Langzeitarbeitslose, die sich aus der Gesellschaft ausgegrenzt fühlen“, stellt Röhl fest. Er erwartet, die Arbeitslosigkeit werde im Osten erst dann sinken, wenn die geburtenschwachen Jahrgänge auf den Markt kommen. Nach der Wende hatte es einen enormen Einbruch der Geburtenrate gegeben.

Die Zahl der Erwerbstätigen ist parallel zur steigenden Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern seit 1991 stetig gesunken. 2004 gab es etwa 20 Prozent weniger Erwerbstätige als zu Beginn der neunziger Jahre. Im Westen blieb die Zahl der Erwerbstätigen ungefähr gleich.

Rückläufige Investitionen

Die Bruttoanlageinvestitionen - zum Beispiel der Kauf von Maschinen oder von Software - sind nach einem rapiden Anstieg Mitte der neunziger Jahre wieder stark gesunken. Gründe dafür könnten laut Brigitte Loose vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) die fehlenden Neuansiedlungen, die geringe Einkommensentwicklung und die rückläufigen Bevölkerungszahlen sein.

Aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit wandern immer noch viele Jugendliche in den Westen Deutschlands, während gleichzeitig die Geburtenzahl rückläufig ist. Den enormen Zuwachs in den neunziger Jahren erklärt sie mit ineffektiven Investitionen und deren Spätfolgen. „So nutzten viele die Sonderabschreibungen im Rahmen von Steuersparmodellen und investierten wahllos in den Wohnungsbau, wo heute viele Immobilien leerstehen“, sagt Loose.

Quelle: laha., F.A.Z., 19.08.2005, Nr. 192 / Seite 13
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