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Ostafrika Der Aufschwung im Schatten des Mount Kenia

03.05.2011 ·  In Ostafrika floriert die Wirtschaft. Während in Deutschland Spendenaufrufe das Afrika-Bild prägen, stürzen sich dort wagemutige Unternehmer ins Geschäft.

Von Christian von Hiller, Nairobi
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Kinga hat seine Vorstellung von der Welt: „Mombasa, das ist Afrika“, sagt der Touristenführer am Strand des kenianischen Badeorts. „Aber Nairobi, das ist Europa.“ Zu hektisch, laut und umtriebig ist die Hauptstadt Kenias in seinen Augen. „In Nairobi, da geht es doch nur um Geld und Business.“ Und in der Tat geht ein Riss durch Kenia, ein Riss, der nicht entlang von Arm und Reich verläuft, sondern zwischen den Geschäftsleuten, den „Business Men“, und den anderen wie Kinga.

In seinem ausgebleichten T-Shirt mit Sonnenbrille und Rasta-Locken durchstreift er Tag für Tag das Riff vor dem Strand von Mombasa auf der Suche nach Touristen, die eine Segeltour unternehmen wollen oder einen Ausflug zu den Korallenriffs. Stolz zeigt er seinen Plastikausweis, der ihn zum amtlichen Touristenführer macht. „Langsam, aber sicher.“ Routiniert spricht er mit breitem Grinsen die Deutschsätze auf, die er im Laufe der Jahre gelernt hat. „Eile mit Weile.“

Vom Boom profitieren viele

Die Bruchlinie in Kenia verläuft zwischen den alten Strukturen, die vom Geld der Touristen aus Europa und ihrer Entwicklungshilfe geprägt sind, und den neuen, mutigen Unternehmern. Seitdem der ehemalige Oppositionspolitiker Mwai Kibaki in den Wahlen von 2002 den langjährigen Autokraten Daniel arap Moi als Staatspräsident ablöste, wirkt auch die Wirtschaft zunehmend wie befreit. Auf magere 1,1 Prozent belief sich 2002 noch das Wirtschaftswachstum. In den Jahren danach wuchs das Bruttoinlandsprodukt jedes Jahr um mehr als 5 Prozent. Allein im Krisenjahr 2008 ging das Wachstum auf 4,1 Prozent zurück, im Folgejahr auf 2,6 Prozent.

Vom Wirtschaftsboom im Schatten des Mount Kenya profitieren viele. Früher waren Unternehmer vor allem dann in Afrika erfolgreich, wenn sie nahe an den Herrschenden waren. Doch heute entstehen Konsummärkte, die jedem offenstehen. Edward Mureithi ist einer jener Unternehmer, die am Aufschwung, der das Land erfasst hat, teilhaben. Er ist Bauunternehmer im vornehmsten Viertel Nairobis, in Karen. Dort, wo die dänische Schriftstellerin Karen Blixen ihre Farm besaß und ihr Weltroman „Out of Africa“ spielt, ist eine vornehme Villenkolonie entstanden.

Engpässe auf dem Immobilienmarkt

„Ich könnte mein Geschäft mühelos verdoppeln“, sagt Edward. Denn viele Afrikaner wollen, wenn sie zu Geld kommen, in Immobilien investieren. Regelmäßige Mieteinnahmen gelten in einem Land, in dem es keine Sozialversicherung gibt, als beste Absicherung fürs Alter. Das Einzige, was Edward zur schnelleren Expansion fehlt, ist zusätzliches Kapital.

Denn wie in vielen afrikanischen Metropolen herrschen auch auf dem Immobilienmarkt in Nairobi enorme Engpässe. Da ist zum einen der demographische Druck: 4,9 neugeborene Kinder kamen im Jahr 2008 laut CIA World Factbook auf eine Frau. 42 Prozent der Kenianer sind zudem jünger als 15 Jahre. Zum andern entsteht eine Mittelschicht, die bessere Wohnungen auch bezahlen kann.

Wagemutige Unternehmer stürzen sich ins Geschäftsleben

Als ein solcher Vertreter der Mittelschicht sieht sich Peter Kahihu. Er war Finanzvorstand einer der größten Banken des Landes. Und dennoch machte er sich lieber selbständig und gründete Wanji's Food. Das Unternehmen stellt Aperitivsnacks her. Er wohnt in einer großzügigen Wohnsiedlung in Lavington, einem der besseren Viertel von Nairobi. Seine Kinder gehen auf eine internationale Schule und sprechen Englisch mit amerikanischem Akzent. Neben seinem Mercedes der E-Klasse gönnt er sich einen geräumigen Landrover.

„Die Nachfrage nach lokalen Lebensmitteln, die auf internationalem Standard sind, ist enorm“, erzählt Kahihu, ein dynamischer Mittvierziger mit kurz geschorenem Haar. „Ich könnte mein Geschäft leicht über den Kontinent ausdehnen.“ Sein größtes Hindernis: Ihm fehlt das Kapital für Fernsehwerbung, damit er die Marke Wanji's Food in ganz Afrika bekannt machen kann. In Kenia selbst hat er die erste wichtige Hürde schon genommen: Alle Supermarktketten stellen seine Snacktüten ins Regal.

Während in Deutschland Spendenaufrufe das Afrika-Bild prägen, entsteht ein anderes Bild des Kontinents: Wagemutige Unternehmer stürzen sich ins Geschäftsleben, gründen Unternehmen, erschließen neue Märkte und geben dem Wort „Risikofreude“ seine ursprüngliche Bedeutung zurück. Das betriebswirtschaftliche Wissen ist häufig da, die Märkte entstehen, und auch der Wille, die versäumten Jahre des Stillstands aufzuholen. Allein das Kapital fehlt.

„Die deutsche Wirtschaft kommt in Kenia nicht in die Pötte“

Der Optimismus in Kenia geht weitgehend an der deutschen Industrie vorbei. „Die deutsche Wirtschaft kommt in Kenia einfach nicht in die Pötte“, sagt Margit Hellwig-Boette, die deutsche Botschafterin in Nairobi. „Andere Länder sind da schneller und risikofreudiger.“ Und in der Tat dominieren asiatische Unternehmen aus China, Indien, selbst Malaysia, Indonesien und Thailand die Wirtschaft Kenias, selbst in Branchen wie dem Maschinenbau, in denen deutsche Hersteller den Weltstandard setzen.

Dabei bringen sie sich möglicherweise um eine einmalige Chance. Kenia selbst hat zwar nur 38 Millionen Einwohner. Doch zusammen mit ihren Nachbarländern plant die Regierung, Ostafrika zu einer Wirtschafts- und Währungsunion nach europäischem Vorbild zusammenwachsen zu lassen. Dann entstünde hier ein 120 Millionen Konsumenten großer Markt. Dabei sind die Investoren aus dem kommunistischen Riesenreich immer weniger willkommen in Afrika. Sie stehen im Ruf, nur zum eigenen Vorteil zu investieren. Häufig sind die geschenkten Autobahnen, die sie bauen, von schlechter Qualität. Und schon jetzt wird um riesige Infrastrukturaufträge gerungen. Denn in Uganda sind große Ölvorkommen entdeckt worden, die eines Tages durch Kenia an die Küste transportiert werden sollen. Dazu sind Pipelines, Straßen, Eisenbahnlinien und ein neuer Hafen notwendig.

Mit solchen Projekten könnte die deutsche Wirtschaft gute Geschäfte machen, wirbt Hellwig-Boette. Die Solarbranche entwickelt sich rasant, auch Windparks entstehen überall, zuletzt auf den Ngong-Bergen vor Nairobi, die Karen Blixen oft in ihren Romanen beschrieb. Finanzdienstleistungen entwickeln sich rasant. Selbst Mittelständler, von denen es niemand gedacht hätte, melden Erfolge. So ist der Bleistifthersteller Staedtler Mars GmbH & Co KG in Nürnberg in Kenia bestens eingeführt. „Ganz erfolglos sind wir auch nicht“, meint Hellwig-Boette schmunzelnd.

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