Jahrzehntelang war Wettbewerbsfähigkeit ein zentrales Leitmotiv der Wirtschaftspolitik in Europa. Mit der Einführung des Euro kam Wettbewerbsfähigkeit jedoch aus der Mode. Bei einer gemeinsamen Währung, hieß es oft, komme es vor allem auf die gesamtwirtschaftliche Position der Währungsunion nach außen hin an. Interne Ungleichgewichte seien weniger tadelnswert, da Währungskrisen nun unmöglich wären.
Auch die ökonomische Forschung trug dazu bei, das Konzept der Wettbewerbsfähigkeit zu verwässern. Paul Krugman sprach 1994 von Wettbewerbsfähigkeit als einer „gefährlichen Obsession“. Neuere Studien betonten vor allem die sogenannte Nicht-Preis-Wettbewerbsfähigkeit und damit die Rolle von Werbung, Vertriebskanälen oder Serviceleistungen. Der häufige Schluss: Kosten sind nicht alles; der häufige Fehlschluss: Kosten sind nicht wichtig.
Dies war das intellektuelle Umfeld der ersten Jahre der Währungsunion. Zu den wenigen, die die rasanten Lohnsteigerungen in zahlreichen Euroländern mit großer Sorge sahen, gehörte der damalige EZB-Präsident Jean-Claude Trichet. Seine Mahnungen stießen auf wenig Widerhall. Erst vor kurzem erinnerte Bundeskanzlerin Angela Merkel daran: „Jean-Claude Trichet als EZB-Präsident hat uns oft auf die Entwicklung der Lohnstückkosten hingewiesen. Aber es wurde zu wenig gehört.“ Zu verlockend waren die Theorie des Aufholwachstums auf Seiten der Defizitländer und die Renditen für die Kapitalgeber aus Überschussländern. Erst viele Jahre später stellten alle Beobachter fest, dass sich im Eurogebiet ein schwerwiegendes Problem der Wettbewerbsfähigkeit aufgebaut hatte. Heute ist klar, dass es sich hierbei um das zentrale realwirtschaftliche Problem vieler Euroländer handelt und es einer Lösung noch harrt.
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Der Autor ist Generaldirektor und Berater des Präsidenten in der Europäischen Zentralbank. Er trägt aktiv zur Gestaltung der EZB-Politik und der institutionellen Ausgestaltung der Währungsunion bei. Bevor Thimann 1998 zur EZB kam, arbeitete er im Internationalen Währungsfonds. Der 1966 geborene Ökonom hat in Bonn studiert, an der London School of Economics seinen Abschluss gemacht und an der Universität München promoviert. Der Beitrag gibt seine persönliche Meinung wieder.
Denn in einer offenen Wirtschaft können nicht wettbewerbsfähige Länder kein ausgeglichenes Wachstum und keinen hohen Beschäftigungsstand gewährleisten. Sie sind vielmehr von Nachfragepolitik - sei es Fiskal- oder Geldpolitik - abhängig, welche jedoch nicht dauerhaft Impulse liefern kann. Auch vor diesem Hintergrund hat EZB-Präsident Mario Draghi beim Eurogipfel im März zu diesem Thema vorgetragen und Anfang Juli im Europäischen Parlament wiederum die Bedeutung der Wettbewerbsfähigkeit betont.
Wettbewerbsfähigkeit ist die Fähigkeit von Unternehmen, in einer von Außenhandel und internationaler Produktion gekennzeichneten Wirtschaft rentabel zu bestehen und Marktanteile im In- und Ausland zu behaupten. Dafür gibt es anerkannte und selbst laut Krugman „unbestrittene Messgrößen“: Lohnstückkosten und effektive Wechselkurse, jeweils als Maß für den internationalen Kosten- und Preisvergleich. Dies ist der Kern der Wettbewerbsfähigkeit und ihrer Messung.
Wettbewerbsfähigkeit ist nicht gleich Produktivität. Die beiden Begriffe werden in der wirtschaftspolitischen Diskussion oft vertauscht, doch dies führt zu falschen Empfehlungen. Wettbewerbsfähigkeit, die Fähigkeit, im Handel rentabel zu bestehen, beruht auf Preisen und Kosten und gehört zur nominalen Seite der Wirtschaft. Sie kann verbessert werden durch eine Abwertung oder durch Preisreduzierungen aufgrund von Kosteneinsparungen. Sie ist relativ und misst sich im Vergleich zu Handelspartnern. Es ist ein Nullsummenkonzept: Die Verbesserung eines Landes bedeutet zwangsläufig die Verringerung der Wettbewerbsfähigkeit seiner Partnerländer und umgekehrt.
