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Oliver Kahn im Gespräch „Wir Sportler müssen auch neu anfangen“

 ·  Das Ende einer beruflichen Laufbahn kommt für jeden irgendwann. Für Sportler eher als für andere. Der frühere Nationaltorwart und als „Titan“ bekannte Oliver Kahn spricht im Interview über das Loslassen, sein Leben nach der Karriere und neue Visionen.

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Herr Kahn, Sie haben vor drei Jahren, mit 38, als Torwart aufgehört. Was treibt Sie heute um?

Ich bin sehr beschäftigt. Ich mache in Salzburg meinen MBA, habe ein Motivationsbuch für Jugendliche geschrieben und bin dabei, die Oliver Kahn-Stiftung zu gründen, die zum Ziel hat, junge Menschen stark zu machen. Mit meinen Partnern verfolge ich sehr spannende Geschäftsmöglichkeiten.

Hatten Sie während der Karriere bereits Ziele für die Zeit danach?

Es war ja klar, dass ich nicht ewig Torwart bleiben kann. Damit setzt man sich als Spitzensportler früh auseinander. Mein Vater hat immer zu mir gesagt: „Überleg Dir was für später, bilde Dich weiter.“ Das habe ich immer gemacht, jeder Profisportler sollte sich so gut wie möglich auf ein Leben nach der Karriere vorbereiten.

Sie könnten es einfach gemütlich angehen: Golfen, reisen, ein paar Werbeverträge.

Das ist überhaupt nicht meine Art. Ich habe nach meinem Karriereende zunächst viel gegolft. Aber nach einer gewissen Zeit entwickelte ich schnell wieder das Interesse, etwas zu bewegen. Heute golfe ich kaum noch. Mir fehlt die Zeit.

Wie schwer war es als Sportstar, los zu lassen?

Verdammt schwer. Sie beherrschen eine Sache richtig gut und dann sollen Sie diese Profession aufgeben zu einem Zeitpunkt, an dem andere Karrieren meist erst losgehen.

Haben Sie nie wie andere damit geliebäugelt, noch eine Saison dranzuhängen?

Nein. Ich habe alles erlebt, was der Fußball hergibt. Alle Höhen, alle Tiefen. Ich habe fast alle Titel gewonnen, die zu gewinnen sind. Was hätte mich dazu bewegen sollen?

Auch Top-Manager tun sich schwer mit dem Absprung, versuchen bis ins hohe Alter im Geschäft zu bleiben. Warum?

Eine Spitzenposition bietet - neben den Anstrengungen, die unvermeidlich sind, um dorthin zu kommen - permanente Herausforderungen, die diese Menschen rund um die Uhr beschäftigen. Dann fällt das plötzlich alles weg. Das ist vermutlich oft so, als ob jemand oder man selbst plötzlich den Stecker herauszieht.

Man verliert auch an Macht, Bedeutung und Popularität.

Auch das, klar. Viele verkraften das nicht oder nur schwer.

Sind Sie vor drei Jahren zunächst in ein Loch gefallen?

Da war schon Leere. Und die ist nicht gerade leicht auszuhalten. Ich war zuvor immer rund um die Uhr verplant - Training, Spiele, Termine. Und dann plötzlich nichts mehr. Das ist hart. Aber es bleibt einem nicht erspart. Das Beste ist, eine Pause einzulegen und zu versuchen, nichts zu tun, auch wenn es schwer fällt.

Warum ist das notwendig?

Nur so kann man diesen Schnitt im Leben verarbeiten.

Ist es leichter mit 40 am Ende der Karriere zu stehen als mit 65?

Natürlich. Wir Sportler können neu anfangen, müssen es sogar. Mit 65 ist der Abschied vom Berufsleben endgültiger. Da fällt es schwerer, sich eine neue Vision zu suchen. Im Sport gelten Sie mit 42 zwar als „Opa“, ansonsten gilt aber, was Edmund Stoiber kürzlich zu mir meinte: „Mensch, Kahn, so jung wie Sie wäre man gerne. Ihnen steht die ganze Welt offen.“

Trotzdem kommen viele Sportler im normalen Leben nicht zurecht.

Das passiert nur, wenn man vorher verdrängt hat, was völlig klar ist: Uns bleibt nur wenig Zeit für die Sportkarriere.

Kurz nach Ihrem Rückzug als Spieler hatten Sie das Angebot, Schalkes Manager zu werden. Warum haben Sie abgelehnt?

Das wäre definitiv zu früh für mich gewesen. Sie müssen sich erst einmal sammeln, bevor Sie neu starten können. Den Fehler machen viele Sportler: Sie stürzen sich möglichst bald in eine neue Aufgabe, weil sie Angst haben vor der Langeweile und dem Nichtstun. Wissen Sie, wie schwer das auszuhalten ist, wenn man über Jahrzehnte permanent mit Leistungssteigerung beschäftigt war?

Wie füllt man danach die neu gewonnene Freizeit?

Das fällt anfangs sehr schwer. Der Leistungssport ist eine Beschäftigung mit viel Adrenalin, mein Gehirn war über Jahre hinweg voll auf Konzentration getrimmt, mein Körper auf Höchstleistung. Und dann soll man plötzlich gemütlich frühstücken, zu Hause sitzen und überlegen, was das Leben noch so bringt. Da kommen ganz schwere Momente. Zudem spielt der Körper verrückt. Ich bin beispielsweise mitten in der Nacht aufgewacht und joggen gegangen, weil mein Körper das brauchte. Ich war wie auf Drogenentzug.

So reagiert vermutlich nur der Körper eines Leistungssportlers.

Den physiologischen Schock kennen andere vermutlich nicht. Aber Manager durchleben sicherlich ähnlich heftige Umstellungsprobleme. Jeder Topjob ist doch irgendwie eine Sucht. Aber nach der Anfangskrise geht es wieder bergauf. Nach und nach entwickelt sich Neugier auf andere Dinge.

Was motiviert Sie? Geld müssten Sie doch nie wieder verdienen?

Geld steht nie am Anfang einer großen Karriere. Oder meinen Sie, Bill Gates hat an Geld gedacht, als er in seiner Garage angefangen hat? Die Jungs hatten eine Idee im Kopf, eine Vision. Geld spielt erst eine Rolle, wenn die Begeisterung nachlässt, die einen anfangs treibt. Ich stehe jetzt wieder am Anfang, voller Energie.

Ihnen ging es immer um Titel. Fehlt Ihnen nun dieser Antrieb?

Nein. Wenn ich Jugendliche in der JVA besuche oder mit Schülern arbeite, bin ich genauso bei der Sache wie früher. Wenn Sie bei Jugendlichen etwas erreichen wollen, reicht es nicht, dass der Oli Kahn einmal vorbeischaut, in die Kameras lächelt und wieder verschwindet. Sie müssen einen Draht zu den jungen Menschen finden, die Sache langfristig anlegen, es ernst meinen. Sonst richten Sie bei den Heranwachsenden nur Schaden an und können kaum etwas Nachhaltiges bewirken.

Warum engagieren Sie sich mit der Sepp Herberger-Stiftung für jugendliche Straftäter?

Jeder hat eine zweite Chance verdient, auch diese Jugendlichen. Ihre Resozialisierung ist sicherlich schwierig. Das Projekt „Anstoß für ein neues Leben“ versucht auf Basis meines „Du packst es - Programms“ die Jugendlichen dabei zu unterstützen, sich Ziele für die Zeit nach der Haft zu setzen, beispielsweise einen Schulabschluss anzugehen oder eine Ausbildung.

Sie selbst haben jetzt die Trainer-Schulung begonnen. Sehen wir Sie demnächst als Manager des FC Bayern München?

Kurzfristig ganz sicher nicht. Aber natürlich suche ich mir Aufgaben in Bereichen, von denen ich etwas verstehe.

Aber Sie werden nie wieder die Nummer eins, der Titan, sein.

Ein Glück! Der war ich doch lange genug. Ehrgeizig bin ich aber noch immer: Ich habe nicht vor, beim MBA im Herbst mit einer Vier durchzurutschen. Aber ich muss nicht mehr unbedingt der Beste sein. Ich kann heute von mir sagen: Ich fühle mich wohler denn je.

Das Gespräch führte Bettina Weiguny.

Quelle: F.A.Z.
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