07.09.2005 · Wegen des hohen Ölpreises wettern die Sozialdemokraten gegen die Spekulanten. Der Kölner Ökonom Juergen B. Donges widerspricht. Die Spekulation am Ölmarkt nutze der Volkswirtschaft.
Die Schätzungen über die Spekulationsprämie im Ölpreis gehen weit auseinander. Sie reichen von 5 bis 30 Dollar je Barrel (159 Liter). Bei einem Ölpreis von zuletzt rund 65 Dollar ist das wenig oder viel. Der SPD ist es zuviel. Ihr Vorsitzender, Franz Müntefering, will sich "die vornehmen, die da als Finanzindustrie ohne Rücksicht auf Volkswirtschaften versuchen, in solchen Situationen möglichst viel Geld zu machen". Der Kölner Ökonom und frühere Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Juergen B. Donges, erklärt, warum Spekulanten nützlich sind.
Herr Donges, ist es verwerflich, wenn Spekulanten über Käufe an den Terminmärkten, an denen künftige Öllieferungen gehandelt werden, die Preise in die Höhe treiben?
Das hängt davon ab, warum die Spekulanten das tun. Wenn sie es aus Sorge darüber tun, daß die Preise weiter steigen werden, dann ist es vernünftig, daß sie vorher versuchen, sich einzudecken. Das geht in die Preise. Reine Spekulationspreise aber sind auf Dauer nicht durchzuhalten. Das bildet sich wieder zurück.
Nutzen die Spekulanten eine Notlage aus, zum Schaden der Allgemeinheit?
Nein, im Gegenteil. Wenn die Spekulanten erwarten, daß der Ölpreis weiter hoch bleibt, dann gibt ihr Verhalten eigentlich ein positives Signal für die Volkswirtschaften. Man kann sich dann frühzeitiger auf das neue Energieszenario mit hohen Preisen einstellen, als wenn man wartet, bis es Realität wird. Insofern leisten die Spekulanten, vielleicht ungewollt, den Volkswirtschaften einen guten Dienst. Der nötige weitere Strukturwandel, also Energiesparen und technische Entwicklungen im Bereich alternativer Energiequellen wie der Nukleartechnik, wird befördert.
Den Ölkonzernen wird vorgeworfen, sie würden mit üppigen Preiserhöhungen für Benzin und Diesel ihre Profitgier befriedigen. Handeln die Ölunternehmen verantwortungslos?
Man kann sich als Normalverbraucher schon fragen, wann Tankstellen die Preise anheben sollten. Ob man sie anhebt, sobald sich irgend etwas auf dem Ölmarkt zeigt, und dann die Preiserhöhung auch auf die an den Tankstellen lagernden Bestände anwendet, die ja noch zu niedrigeren Preisen eingekauft wurden. Man kann nicht bestreiten, daß da ein "windfall profit", ein unerwarteter Gewinn, angefallen ist. Andererseits darf man nicht vergessen, daß der Fiskus an den guten Gewinnen der Ölunternehmen partizipiert, weil sie Steuern zahlen.
Wenn der Ölpreis steigt, steigt auch der Wert der gelagerten Benzinbestände. Warum sollten die Kunden dann nicht höhere Preise zahlen?
So kann man auch argumentieren. Öl, das man nicht mehr fördern muß, steigt auch im Wert. Ich hätte mir als Unternehmen aber schon überlegt, so schnell die Benzinpreise heraufzusetzen. Anderseits haben die Preise auch schnell wieder nachgegeben. Darüber spricht niemand. Der Markt scheint zu funktionieren.
Den Ölkonzernen wird vorgehalten, daß sie nach dem Wirbelsturm Katrina für Europa bestimmtes Benzin über den Atlantik schaffen, um in den Vereinigten Staaten große Gewinne zu erzielen.
Warum soll das ein Vorwurf sein? Wenn in den Vereinigten Staaten als Folge von Produktionsausfällen mehr raffinierte Produkte nachgefragt werden und wenn Ölkonzerne die Produkte dann dahin bringen und bessere Preise erzielen, ist das ein normales Phänomen in einer integrierten Weltwirtschaft. Daß Produktion dorthin gebracht wird, wo sie besonders nachgefragt wird, ist eine Grundregel der Ökonomie.
Die globalen Ölmärkte sind keine vollständigen Märkte. Viele Staaten schotten ihre Ölproduktion vor internationalen Investoren ab. Fallen Preisanpassungen deshalb heftiger aus als an einem völlig wettbewerblichen Markt?
Das ist ein Oligopol, das ist so.
Also ein Markt mit wenigen Anbietern.
Ja. Was mir auffällt, ist, daß wenn eine Ölgesellschaft mit Preiserhöhungen loslegt, die anderen sofort nachziehen. Ob das ein abgestimmtes Verhalten ist, weiß ich nicht. Aber über einen längeren Zeitraum betrachtet und auch noch preisbereinigt, kann man nicht sagen, daß das Öl so viel teurer geworden ist, als es vor zwanzig Jahren war. Man hat sich durchaus darauf einrichten können. Da hilft natürlich, daß in einer Reihe von Volkswirtschaften, darunter Deutschland, die Energieintensität der Produktion seit dem ersten Ölpreisschock zurückgefahren wurde. Das macht eine Volkswirtschaft weniger anfällig, auch gegen starke Preisausschläge. Das ist der Weg, den man fortsetzen muß. Deshalb finde ich es völlig unpassend, daß man aus rein ideologischen Gründen aus der Nukleartechnologie aussteigt, wenn man doch eine Technologie hat, die man beherrscht. Ökonomische Gründe für diese Entscheidung gibt es ja nicht.
Müssen wir uns auf dauerhaft höhere Energiepreise einstellen?
Ja. Die Angebotsverhältnisse auf dem Ölmarkt sind so, daß an der Grenze der Kapazitäten produziert wird, weil in der Vergangenheit nicht genügend investiert wurde. Und auf der Nachfrageseite treten China und Indien als große Nachfrager auf. Zuwenig Beachtung findet, daß China, Indien und andere asiatische Länder den gleichen Fehler machen, den wir inEuropa früher auch mal gemacht haben. Sie halten staatlicherseits den Energiepreis niedrig oder subventionieren sogar die Nutzung von Energie. So wird die Nachfrage zusätzlich angeheizt. Früher oder später werden sie die Rechnung dafür bezahlen müssen.
Die G7-Gruppe hat eine Initiative gestartet, um mehr Transparenz in den Ölmarkt zu bekommen und um damit die Spekulation einzudämmen. Ist dies eine echte Hilfe für niedrigere Preise oder ein Placebo?
Was heißt denn mehr Transparenz? Wir haben eine Börse und die Terminmärkte, wie will man denn da noch mehr Transparenz bekommen? Solange wir in einem System bleiben, in dem es Unternehmen gibt, die Dispositionsfreiheit haben, hat da der Staat nichts drin zu suchen. Das adäquate Instrument ist, daß man alle Voraussetzungen schafft, daß in der Breite auf dem Energiemarkt Wettbewerb herrscht. Das schließt ein, daß man noch mal über die Nuklearenergie nachdenkt.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.419,90 | −1,28% |
| EUR/USD | 1,2371 | +0,01% |
| Rohöl Brent Crude | 103,23 $ | −0,02% |
| Gold | 1.540,00 $ | −2,50% |
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