Wenn die Not am größten ist, hilft beten. Und so beginnt die große Ölpreiskonferenz, zu der der König von Saudi-Arabien kurzfristig die großen Ölproduzenten und -verbraucher nach Dschidda ans Rote Meer geladen hat, am Sonntagnachmittag mit einem Gebet. König Abdullah bin Abdulaziz Al Saud, der den Titel "Hüter der zwei heiligen Moscheen" trägt, lässt Suren aus dem Koran vorbeten. Anschließend sagt der greise Herrscher das, worauf die Welt gewartet hat: Saudi-Arabien ist bereit, seine Ölförderung auszuweiten - in der Hoffnung, den kontinuierlichen Preisanstieg auf dem Weltölmarkt zu unterbrechen. Aber er nennt keine Zahl. Das enttäuscht viele Besucher; sie hatten mehr erwartet.
Seit Jahresbeginn hat der Preis um 40 Prozent auf Werte um 140 Dollar das Fass angezogen. Die deutschen Autofahrer spüren das mit Preisen oberhalb von 1,50 Euro für Diesel und Benzin, während der Liter an den Tankstellen in Dschidda keine 10 Cent kostet. Der Ölpreis treibt die Inflation und dämpft das Wachstum. Das trifft die Industriestaaten, aber auch die Produzenten, die einen großen Teil ihrer Petrodollars in den Industriestaaten investiert haben. Und es trifft vor allem die armen Länder, vielfach mit muslimischer Bevölkerung, für die der "Hüter der zwei heiligen Moscheen" besondere Verantwortung trägt. Deshalb regt der König einen Fonds an, der den armen Ländern helfen soll, ihre Energierechnung zu bezahlen. 500 Millionen Dollar will er beisteuern.
Im Herbst soll ein weiteres großes Ölfeld ans Pipelinenetz gehen
Gründe gibt es genug, sich an einen Tisch zu setzen, auch wenn die Einladung aus dem Haus Saud extrem kurzfristig kam. Nur zehn Tage vor dem Termin hat der König die Regierungschefs oder Energieminister aus drei Dutzend Industrie- und Schwellenländern, der Gruppe der Öl exportierenden Staaten (Opec) und anderer Produzenten sowie die Vorstandsvorsitzenden großer Ölkonzerne wie Exxon, Chevron, BP oder Shell in die Sommerhitze der Millionenmetropole gebeten. Sie verstanden die Botschaft als Beleg für die Dringlichkeit des Problems und die Bereitschaft der Saudis, sich aktiv an dessen Lösung zu beteiligen.
Saudi-Arabien, der größte Ölproduzent, fördert aktuell etwa 9,7 Millionen der weltweit täglich produzierten 86 Millionen Barrel. Doch während andere Förderstaaten nach Schätzungen von Energieexperten weitgehend am Limit produzieren, haben die Saudis noch Kapazitäten frei. Wie viel, weiß außer ihnen niemand, vielleicht 2,5 Millionen Barrel. Im Herbst soll ein weiteres großes Ölfeld ans Pipelinenetz gehen und bis zu 500.000 Barrel am Tag freigeben. Zweimal haben die Saudis die Förderung zuletzt ausgeweitet: Im Mai, als der amerikanische Präsident George Bush das Land bereiste, wurden 300.000 Barrel (je 159 Liter) zusätzlich aus dem Wüstensand gepumpt, Mitte Juni wurden nach einem Treffen des saudi-arabischen Ölministers mit UN-Generalsekretär Ban Ki-moon weitere 200.000 Barrel versprochen. Die hat der Markt ohne nachhaltige Regung verschluckt.
Michael Glos setzt die Hoffnungen nicht allzu hoch
Die große Frage am Sonntagabend, als die Regierungschefs und Konzernbosse in Dschidda wieder zum Flughafen streben, lautet deshalb, wie wohl die Märkte reagieren werden. Ein Mitglied der saudischen Herrscherfamilie baut denn auch vor: "Wenn die Preise am Tag danach nicht runterkommen, bedeutet das nicht, dass die Konferenz gescheitert ist", sagt Prinz Abdulaziz bin Salman. "Wir sehen uns das ganze Bild an und suchen langfristige Lösungen." Auch Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) setzt die Hoffnungen nicht allzu hoch: Das Treffen könne an den Märkten sogar mit Enttäuschung aufgenommen werden, mit dem Ergebnis, dass der Preis weiter steige. Den möglichen politischen Kollateralschaden hat Glos auch im Blick: "Das würde bedeuten, dass das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Staaten sinkt." Doch wertet er allein das Zustandekommen der in dieser Form nie dagewesenen Konferenz schon als Erfolg. "Von ihr sollte das Signal ausgehen: Wir sind uns einig in dem Willen, dem jetzt scheinbar unaufhaltsamen Preisanstieg Einhalt zu gebieten." In den ihm zugestandenen sieben Minuten Redezeit wirbt Glos für den deutschen Weg: "Wir sind Vorreiter in Sachen Energiesparen und Energieeffizienz." Der König ist da schon wieder gegangen.
Die Ursachenanalyse für die Marktturbulenzen fällt unterschiedlich aus. Unstrittig ist, dass die wachsende Nachfrage der Schwellenländer wie China und Indien ein Grund für die steigenden Preise ist. Die Produktion komme bei steigender Nachfrage nicht mehr mit, beklagte der amerikanische Energieminister Samuel Boldman: "Wenn es kein zusätzliches Ölangebot gibt, werden die Preise für jeden einprozentigen Nachfrageanstieg um 20 Prozent zulegen." Es ist wohl kein Zufall, dass wenige Tage vor der Konferenz der Irak ankündigte, seine Produktionsmenge möglichst bald um 4 Millionen Barrel zu erhöhen, in Amerika wird über die Erschließung von Ölfeldern vor den Küsten nachgedacht.
Gordon Brown lädt für den Herbst zu einer Folgekonferenz nach London
Doch viele in der Opec sind der Meinung, dass es gar keine Unterversorgung des Marktes mit Öl gibt. Das Sekretariat lässt verlauten, man wolle im September über Fördermengenausweitung entscheiden. Qatar sei strikt gegen eine Erhöhung, die Kuweiter würden mitmachen, wenn die Saudis die Pumpen hochfahren. In der Gemengelage bleibt der König lieber vorsichtig. Das Problem seien fehlende Raffineriekapazitäten und Spekulanten auf den Finanz- und Rohölmärkten. Eine Ausweitung der Mengen würde damit die Preise kaum nachhaltig beeinflussen. Die Amerikaner wiederum halten die Märkte für transparent genug und wollen Eingriffe in die Finanzmärkte verhindern - und sei es nur als Forderung in einer Abschlusserklärung. So finden sich dort die bekannten Hinweise auf die notwendige Ausweitung von Investitionen in neue Produktionsanlagen. Staatliche Subventionen für Energieträger sollen abgeschafft oder zumindest - wie jetzt in China - reduziert werden, die Transparenz auf den Ölmärkten erhöht werden, die Kooperation von Opec und Internationaler Energieagentur bei der Analyse von Marktdaten verbessert werden. Der britische Premierminister Gordon Brown lädt für den Herbst zu einer Folgekonferenz nach London, um die in Dschidda neu begründete Zusammenarbeit auszuweiten und die Preise zu dämpfen. Inschallah - so Gott will.
Warum nicht einfach tauschen?
Marcel Meier (MarcelMeier)
- 22.06.2008, 20:31 Uhr
Würdeloses Betteln um mehr Öl
Armin Quentmeier (thiotrix)
- 22.06.2008, 23:27 Uhr
Fehler - betteln fuer niedrigere Trinkwasser - und Brauchwasser preise.
rio ghert (orant)
- 23.06.2008, 01:04 Uhr
Wozu dienen solche Konferenzen "ohne Nutzen" ?
(bloggi)
- 23.06.2008, 01:31 Uhr
Mit der Ölsteuer macht Deutschland mobil
A. Malliki (a.malliki)
- 23.06.2008, 09:11 Uhr
