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Öl Keine Rezession durch den Energiepreisschock

02.09.2005 ·  "Der Schock durch den Ölpreisanstieg ist für Deutschland heftig. Aber er ist nicht stark genug, um die Wirtschaft in eine Rezession fallen zu lassen", sagt Joachim Scheide, der Leiter der Konjunkturabteilung des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel.

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"Der Schock durch den Ölpreisanstieg ist für Deutschland heftig. Aber er ist nicht stark genug, um die Wirtschaft in eine Rezession fallen zu lassen", sagt Joachim Scheide, der Leiter der Konjunkturabteilung des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Er läßt sich seine bescheidene Zuversicht eines Wirtschaftswachstums von rund 0,7 Prozent in diesem und einer leichten Beschleunigung im kommenden Jahr nicht nehmen.

1 Prozent des BIP

Die erhöhte Ölrechnung werde Deutschland weniger als ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) kosten, sagte Scheide dieser Zeitung. Diesem Einkommensverlust stehe die zusätzliche Exportnachfrage aus den erdölexportierenden Ländern entgegen. "Selbst bei einem dauerhaft hohen Ölpreis von 65Dollar je Barrel gibt es keine Rezession", ist Scheide überzeugt. Im Durchschnitt der ersten acht Monate dieses Jahres lag der Ölpreis in London bei 53 Dollar je Barrel (159 Liter).

Als Folge der Schäden durch den Hurrikan Katrina in den Vereinigten Staaten schwankt der Preis aktuell um die 70 Dollar. Die zumindest zeitweisen Engpässe in der amerikanischen Raffineriekapazität, von der rund 10 Prozent vorerst ausfallen, haben die dortigen Preise für Erdgas und Kraftstoffe noch deutlich stärker als die Ölpreise in die Höhe schnellen lassen. Die Belastung für die Wirtschaft der Vereinigten Staaten wächst. Schon sprechen erste Volkswirte von Rezessionsgefahren dort. Eine Dämpfung des Wirtschaftswachstums in Amerika würde ausreichen, um auch die deutsche Wirtschaft zu treffen, deren zögerliche Aufwärtsbewegung sich vor allem aus dem Export speist.

Recycling der Petrodollar

Diese besondere Lage der hiesigen Wirtschaft läßt den Ölpreisanstieg aus deutscher Sicht als ein zweischneidiges Schwert erscheinen: Zum einen profitiert Deutschland derzeit weit stärker als andere Staaten vom Recycling der Petrodollar. Die zusätzliche Nachfrage aus den Staaten der Organisation Erdöl exportierender Länder und aus Rußland kommt Deutschland in einem überdurchschnittlichen Maß zu Gute. Das kann den ölpreisbedingten Kaufkraftexport der Deutschen zwar nicht ausgleichen, aber dessen Folgen mildern. Deutlich werde dies vor allem in den Auftragsbüchern der Hersteller von Investitionsgütern, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank.

Zum anderen aber fehlt der deutschen Wirtschaft die eigene Wachstumskraft, die sie den Anstieg des Ölpreises besser verkraften ließe. "Weltweit ist der Ölpreis als Folge einer immer noch wachsenden Nachfrage gestiegen. Die Weltkonjunktur hat sich ja kaum abgeschwächt", sagt Scheide. Der erwünschte Preisanstieg wirke so darauf hin, Wachstumsübertreibungen zu begrenzen. Für Deutschland gelte dies freilich nicht. Hier wirkt der Ölpreisanstieg letztlich wie ein kleiner Angebotsschock. Die großen deutschen Wirtschaftsverbände haben deshalb kaum noch Hoffnung, daß in diesem Jahr ein Wachstum von 1Prozent erreicht werden kann.

Verbraucher zahlen 820 Euro mehr für Energie

Für die hiesigen Verbraucher und Unternehmen stellen die hohen Öl- und Energiepreise eine deutliche Belastung dar, die sich schon vor dem sprunghaften Anstieg der Kraftstoffpreise am Mittwoch zeigte. In der Rechnung der privaten Haushalte hat sich Strom in diesem Jahr bis Juli um 4Prozent verteuert. Gas wurde nach den Angaben des Statistischen Bundesamtes 6 Prozent teurer, Benzin und Diesel rund 16 Prozent. Leichtes Heizöl kostete im Juli sogar 31 Prozent mehr als zu Jahresbeginn - und dabei sind die meisten Heizöltanks in Deutschland für den Winter noch nicht einmal gefüllt.

Verharrten die Preise auf dem Durchschnittsniveau des ersten Halbjahrs und hielten die privaten Haushalte ihren Verbrauch konstant, müßte ein Haushalt mit durchschnittlichem Energieverbrauch in diesem Jahr rund 370 Euro mehr als 2004 für Wärme, Licht und Kraftstoffe ausgeben - oder 820 Euro mehr als im Jahr 2000. Der Steueranteil von zuletzt mehr als 1900 Euro ist in der Gesamtsumme von 4690 Euro für dieses Jahr enthalten. Das zeigen Berechnungen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) für diese Zeitung. Die höhere Energierechnung schmälert das Budget, das für den Kauf anderer Güter zur Verfügung steht und hemmt die Entwicklung der Binnenwirtschaft.

Können Unternehmen überwälzen?

Die Unternehmen haben die Belastung durch die höheren Energiekosten bislang aus den bis zuletzt kräftig gestiegenen Gewinnen finanzieren können. "Die Gewinnentwicklung zeigt, daß da noch genug übrigbleibt", sagt Kater von der Deka-Bank. Unternehmen sind da weniger zuversichtlich. In den Betrieben werde sich die Auswirkung des hohen Ölpreises erst in einigen Monaten zeigen, sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Ludwig Georg Braun, am Donnerstag im Deutschlandradio. "Dann ist es die Frage, ob es uns gelingt, die Preise abzuwälzen auf die Abnehmer oder nicht."

Einen Großteil der zusätzlichen Ausgaben für Energie transferieren Verbraucher und Unternehmen letztlich an das ölexportierende Ausland. 2004 lagen die gesamten Ausgaben der deutschen Wirtschaft für die Mineralöleinfuhr nach Angaben des IW netto bei 34,4 Milliarden Euro, das waren rund 5Milliarden Euro mehr als imVorjahr. In diesem Jahr werden sie noch einmal kräftig steigen. Gemessen am nominalen BIP ist das zwar mehr als in den neunziger Jahren, aber erheblich weniger als in den siebziger und frühen achtziger Jahren.

Hohe Energieeffizienz

Darin spiegelt sich nach Ansicht von Volkswirten die bessere Energieeffizienz der deutschen Wirtschaft wider. "In den vergangenen 25 Jahren hat sich die Wirtschaftsleistung verdoppelt, obwohl der Ölverbrauch mehr oder weniger gleich geblieben ist", sagt Kater. Zugleich aber zeigt der vergleichsweise geringe Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Ölpreisrechnung, daß der Ölpreisanstieg weniger einschneidend ausfällt als früher. In der Ölkrise 1973/74 verdreifachte der Ölpreis sich in drei Monaten. Zuletzt hat es dazu dreieinhalb Jahre gebraucht, stellt die Hypo-Vereinsbank fest. Das läßt den Unternehmen und Verbrauchern mehr Zeit, sich auf die neuen Bedingungen einzustellen.

Und noch ein weiteres hat sich nach Einschätzung von Volkswirten gegenüber den früheren Ölpreisschocks geändert. Sei es aus Einsicht oder unter dem Druck des internationalen Wettbewerbs: Tatsache ist, daß die Gewerkschaften bislang nicht versuchen, die hohen Energiekosten für Lohnerhöhungen zu nutzen. Der sekundäre Inflationsdruck, den die höheren Ölpreise früher auslösten, ist weitgehend ausgeblieben. Das gibt den Zentralbanken Spielraum, den Leitzins länger niedrig zu lassen. Die alte Formel, nach der ein Ölpreisanstieg zu höheren Löhnen, zu höheren Preisen und damit zu höheren Leitzinsen führt, gilt zumindest derzeit nicht mehr, sagt Kater. Eine Garantie, daß dies auf Dauer so bleibe, gebe es aber nicht.

Ölpreis bleibt hoch

Berechnungen wie des Internationalen Währungsfonds, nach denen ein 10 Prozent höherer Ölpreis den Euro-Raum binnen zwei Jahren 0,3 Prozentpunkte Wachstum kostete, sind nach Ansicht des Kieler Ökonomen Scheide jedenfalls deutlich zu hoch gegriffen - eben weil der Ölpreisanstieg weltweit nachfragegetrieben sei und weil sich die wirtschafts- und lohnpolitischen Reaktionsmuster geändert hätten. Das ist in den Modellberechnungen, die auf historischen Datenreihen beruhen, nicht erfaßt.

Das Kieler Institut überarbeitet derzeit seine Wachstumsprognose für Deutschland, die bisher eine Beschleunigung des Wachstums auf 1,3 Prozent im kommenden Jahr anzeigte. Nur eines verrät Scheide schon jetzt: In den vergangenen Jahren habe das Institut immer wieder angenommen, daß spekulative Kräfte auf dem Ölmarkt wirkten und daß der Ölpreis deshalb wieder sinken werde. "Das machen wir jetzt nicht mehr", sagt Scheide. Als Folge der großen Nachfrage und des knappen Angebots werde der Ölpreis längerfristig hoch bleiben.

Quelle: F.A.Z., 02.09.2005, Nr. 204 / Seite 14
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