19.02.2009 · Wer die erste globale Krise des 21. Jahrhunderts verstehen will, muss John Maynard Keynes lesen. Seine Radioansprachen aus den Dreißiger Jahren kommen daher, als seien sie gestern über den Äther gegangen. Von heute an veröffentlicht die F.A.Z. eine Auswahl seiner Texte.
Von Rainer Hank„Es liegt eine neue Idee in der Luft.“ Mit diesem Satz beginnt der britische Ökonom John Maynard Keynes am 14. März 1932, mitten in der dramatischen Weltwirtschaftskrise, eine Radioansprache in der BBC: „Staatliche Planung“ heißt diese neue Idee, „etwas, wofür wir vor fünf Jahren im Englischen noch nicht einmal ein gebräuchliches Wort hatten“.
Listig verschweigt der Ökonom, dass es seine eigenen im Entstehen begriffenen Ideen waren, die er in der Luft liegen sah und die er nun in einer Serie von Radioansprachen einem breiten Publikum zu erläutern suchte. Keynes brachte eine Revolution des ökonomischen Denkens in die Welt und ließ diese so an einem Urknall teilhaben. Das Radio war in den dreißiger Jahren das avancierteste Medium, dessen sich jeder bediente, der die Massen beeinflussen wollte.
Vom Sparen und Investieren
Der große Gelehrte war kein Mann des Elfenbeinturms. Der Intellektuelle, dessen Hauptwerk („General Theory“) nicht gerade als Bettlektüre durchgeht, liebte zugleich die einfachen Bilder: „Darum, ihr patriotischen Hausfrauen, brecht gleich morgen früh auf und geht zu den wundervollen Ausverkäufen, die überall angezeigt sind“, rief er in einem Vortrag über den „Zusammenhang von Sparen und Investieren“. Denn Einkaufen mache nicht nur Spaß, es nütze auch der Beschäftigung in Lancashire, Yorkshire und Belfast.
Schon in seinem großen Essay „The End of Laissez-Faire“, veröffentlicht 1926 und so brillant und sarkastisch geschrieben wie stets, hatte Keynes, der 1883 geboren wurde und seit 1920 als Professor in Cambridge lehrte, eine tiefsitzende Ambivalenz der Menschen gegenüber dem Kapitalismus erkannt. Einerseits wüssten die Leute genau, dass der Wohlstand der Nationen sich ausschließlich dem Geldtrieb verdanke. Andererseits hegten sie eine latente Abscheu gegenüber der Art und Weise, wie sehr das Gewinnstreben alles in seinen Bann ziehe. „Unsere Aufgabe ist es“, schließt Keynes, „eine Sozialordnung zu entwerfen, die so effizient wie möglich ist, um ihre wirtschaftlichen Ziele zu erreichen, ohne dass wir unsere Vorstellungen von einem guten Leben verraten müssten.“
Keine schwere These: Die unzureichende Nachfrage
Zum wohl bedeutendsten Ökonomen des zwanzigsten Jahrhunderts aber machte Keynes seine Deutung der Großen Depression. Die These ist nicht schwer zu verstehen: Dreh- und Angelpunkt sei die unzureichende gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Wenn das Bedürfnis der Leute nach Gütern und Dienstleistungen zurückgeht, fallen die Einnahmen der Unternehmen. Das führt dazu, dass die Firmen ihre Produktion schrumpfen lassen und Leute entlassen, was abermals auf die Nachfrage drückt und sie zwingt, mit weiteren Kürzungen zu reagieren: eine Dynamik, die in die Katastrophe führt.
Um diese Spirale zu stoppen, muss der Staat quasi als Ersatznachfrager einspringen und mit viel Geld klotzen. Er darf sich nicht davon abschrecken lassen, dies mit hohen Schulden zu finanzieren. Denn alsbald, so die Hoffnung, führten die Staatsausgaben dazu, dass die Firmen wieder Produkte herstellen, so dass sie und ihre Zulieferer wieder Gewinne machen und Leute einstellen.
Seine Ansprachen: Aktueller denn je
„Keynes on Air“, die Radioansprachen des Weltökonomen, muss lesen, wer die erste globale Krise des 21. Jahrhunderts verstehen will. Es ist verblüffend, wie die Themen sich gleichen. Die Ansprache vom 25. November 1932 über das „Für und Wider von Protektionismus“ kommt daher, als sei sie erst gestern über den Äther gegangen. Keynes bekennt sich einerseits zur Standardlehre des Freihandels, wonach der Wohlstand aller Menschen am besten wächst, wenn jedermann sich auf Tätigkeiten konzentriert, die er am besten kann.
Das hindert ihn nicht, vehement für den Schutz der heimischen Automobilindustrie einzutreten mit dem Argument, die Autobranche sei von nationalem Interesse, „indem sie einer bestimmten, typischen Sorte Engländer überaus ansprechende und reizvolle Aufgaben und Probleme stellt“. Ohne staatlichen Schutz würde die Autoindustrie der Wucht der ausländischen Konkurrenz ausgesetzt und in den Bankrott getrieben. Frankreichs Premier Nicolas Sarkozy, Amerikas Präsident Barack Obama und der westdeutsche Landesfürst Jürgen Rüttgers klingen, als hätten sie Keynes gelesen.
Die nachfolgenden Generationen waren dem kinderlosen Keynes egal
Heute wie damals kommt in der westlichen Welt ein „klug gesteuerter Kapitalismus“ in Mode, in der Hoffnung, die staatliche Intervention könne die Instabilitäten der Märkte korrigieren. Allein so zu denken war seit den siebziger Jahren ziemlich verpönt. Jetzt preist der Zeitgeist, den Paul Krugman, der Wirtschaftsnobelpreisträger des vergangenen Jahres, auf den Begriff bringt, den „keynesianischen Moment“. Kaum einer unter Krugmans Kollegen wagt noch zu widersprechen.
Dass wir den großen Deuter der Depression heute entdecken, ist unser Glück und unsere Tragik. Ob nämlich die Rezepte der dreißiger Jahren auch die angemessene Therapie für heute sind, ist längst nicht ausgemacht. Dass das viele Geld, das der Staat in die Hand nimmt, nachfolgenden Generationen einmal zur unerträglichen Last und den Staaten zum Verderben werden kann, war dem kinderlosen Keynes egal. „Auf lange Sicht sind wir alle tot“, pflegte er zu sagen. Auch ob Keynes sich heute an seine Rezepte von damals halten würde, ist fraglich. „Das ganze modernistische Zeug geht langsam schief und wird albern“, meinte er zu Ende seines Lebens und vertraute seinem Kollegen und Widersacher Friedrich A. von Hayek an, in seinem nächsten Buch gedenke er seine Theorie gründlich zu überprüfen. 1946 ist Keynes gestorben.
Rainer Hank Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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