09.09.2010 · Umweltschützer fordern mehr Urwald und mehr Laubwälder in Deutschland. Waldbesitzer fürchten allerdings solche Pläne, denn sie verdienen mit ihrem Nutzwald Geld. Und Nadelholz lässt sich am besten verkaufen.
Von Henrike Roßbach, SensbachtalSeit dem 19. Jahrhundert ist der deutsche Wald als Sehnsuchtslandschaft beschrieben worden – in Gedichten, Märchen und Sagen. Das romantische Waldbewusstsein der Deutschen lässt sich irgendwo zwischen „Freischütz“ und Heimatfilm verorten. Dabei war der Wald schon immer auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Einer, der dies stets betont, ist Philipp Freiherr zu Guttenberg. Seit März ist der 36 Jahre alte Präsident der deutschen Waldbesitzerverbände. Doch manchmal hat er das Gefühl, vor Blinden über Farben zu sprechen, wenn er in Berlin einen Vortrag über den Wald hält.
Kürzlich saß er aber nicht in seinem Verbandsbüro, sondern spazierte mit Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner durch den hessischen Odenwald. Die Ministerin war auf Sommerreise. Sie wollte sich ein Bild machen vom deutschen Wald, seiner ökonomischen und ökologischen Bedeutung. Nebenbei ist sie immerhin auch selbst Waldbesitzerin – wobei das ein großes Wort für ihr kleines Wäldchen ist.
Aigner plant eine Waldstrategie
Im stillen Sensbachtal sagte Guttenberg, es sei für ihn wie Weihnachten, im Wald über den Wald reden zu dürfen. Geschenke hat die Ministerin allerdings nicht mitgebracht. Stattdessen kündigt sie für die nächsten Wochen eine Waldstrategie an. Außerdem will sie sich für einen Waldklimafonds einsetzen; erforscht werden soll, wie mit den Auswirkungen des Klimawandels auf den Wald umgegangen werden kann. Geld dürfte allerdings vor 2013 für einen solchen Fonds kaum vorhanden sein.
Ein knappes Drittel der Fläche Deutschlands – gut 11 Millionen Hektar – ist von Wald bedeckt. 44 Prozent davon sind in Privatbesitz. Der Rest gehört den Ländern und Kommunen, ein kleiner Teil auch dem Bund. 71 Baumarten wachsen dort. Aber drei Viertel des Waldes bestehen aus Fichten, Kiefern, Buchen und Eichen.
Ganz rational steht der mythische deutsche Wald für einen Holzvorrat von 3,4 Milliarden Kubikmetern, der größte in ganz Europa. Im vergangenen Jahr wurden 48 Millionen Kubikmeter geschlagen; im Schnitt wachsen jedes Jahr 100 Millionen Kubikmeter nach. 80.000 Menschen arbeiten in der Forstwirtschaft, die jährlich 5 Milliarden Euro umsetzt. Die Holzwirtschaft beschäftigt 590.000 Menschen und erwirtschaftet einen Umsatz von 94 Milliarden Euro.
Die lohnintensive Verarbeitung von Laubholz für Möbel, Furniere, Fußböden oder Fässer ist größtenteils schon ins Ausland abgewandert. Inzwischen werden deutsche Buchen in Containern bis nach China verschifft. Im Land geblieben ist dagegen die maschinenlastige Verarbeitung von Nadelholz für den Bau, für Spanplatten oder für Zellstoff.
Unter den zwei Millionen Privatwaldbesitzern gibt es viele, die nur winzige Baumbestände besitzen. Häufig schließen sie sich zu Forstbetriebsgemeinschaften zusammen. Nur etwa 300 Waldbesitzer haben mehr als 1000 Hektar. Und selbst sie überlassen das Fällen der Bäume oft Spezialunternehmen, die den dafür nötigen Maschinenpark besitzen.
Waldbesitzer bekommen wenig von den EU-Subventionen
In Sturmjahren fällt so viel Holz an, dass die Preise nach unten rauschen. Und wenn das Holz nicht schnell genug aus dem Wald geholt wird, macht sich zu allem Überfluss auch noch der Borkenkäfer breit. Die Orkane der vergangenen Jahre – Kyrill, Lothar oder Wiebke – haben die Waldbesitzer viel Geld gekostet. Derzeit bewegen sich die Preise zum ersten Mal wieder auf dem Niveau von 1989. Seit damals waren sie stetig gesunken. Anders als die Landwirte bekommen die Waldbesitzer nur wenig von den EU-Agrartöpfen ab. 1,5 Prozent der Agrarsubventionen fließen in die Wälder.
Wenn Aigner oder Guttenberg über den Wald sprechen, loben sie ihn gern als Garanten der Artenvielfalt, als Kohlenstoffspeicher und Klimafaktor. Doch auch wenn die Waldbesitzer heute wesentlich schonender wirtschaften als früher: Ihre Interessen unterscheiden sich dennoch deutlich von denen der Umweltschützer. Letztere verlangen zum Beispiel, dass in Deutschland mehr Mischwälder gepflanzt werden, weil das der natürlichen Vegetation entspreche. Heute aber machen Fichten und Kiefern mehr als die Hälfte des Baumbestands aus. Die Waldbesitzer betonen, dass der heimische Markt zu 90 Prozent Nadelholz verlange.
Mischwald ist nicht rentabel
Schon jetzt würde mehr Mischwald angepflanzt, als ökonomisch notwendig wäre. Guttenberg befürchtet deshalb in zehn Jahren eine Lücke zwischen Angebot und Nachfrage. Er warnt vor einer zu starren Ideologie: „Aus Eiche kann man keinen Dachstuhl zimmern.“ Auch unter den Waldbesitzern umstritten ist zudem die Frage, ob Bäume, die hierzulande nicht heimisch sind, gepflanzt werden sollen. Guttenberg attestiert etwa der amerikanischen Douglasie großes wirtschaftliches Potential. Zum Beweis zeigt er auf ein Gruppe gleichaltriger Fichten und Douglasien – die Fremdlinge haben deutlich dickere Stämme. „Wir brauchen ertragsstarke Wälder“, sagt er. Außerdem müsse der Wald an die Klimaveränderungen angepasst werden, an Stürme und Trockenheit.
Gestritten wird auch über die Urwaldfrage. Nach Angaben der Waldbesitzer bindet ein bewirtschafteter Wald mehr Kohlendioxid als ein nicht bewirtschafteter. Trotzdem sieht die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt, die noch von der Großen Koalition beschlossen wurde, eine „Stilllegung“ von 5 Prozent der Wälder bis 2020 vor; Naturschützer fordern gar 10 Prozent. Die Waldbesitzer bringt das in Rage. Guttenberg rechnet vor, dass dieses Vorhaben 2,3 Milliarden Euro koste und zahlreiche Arbeitsplätze gefährde. Das Verfahren, nach dem die Flächen ausgesucht werden, steht bislang ebenso wenig fest wie die Frage, ob die Waldbesitzer entschädigt werden, wenn ihr Nutzwald zum Urwald umgewidmet wird.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 9.004,64 | +0,64% |
| EUR/USD | 1,3239 | +0,01% |
| Rohöl Brent Crude | 118,24 $ | +0,29% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |