02.07.2008 · Auf dem Arbeitsmarkt sieht es gut aus, hieß es noch gestern. Heute warnt die OECD vor einer „problematischen Arbeitsmarktlage“ in Deutschland. Vor allem die Chancen für Menschen mit Migrationshintergrund blieben relativ schlecht, bescheinigt der OECD-Beschäftigungsausblick 2008.
Von Nadine BösDie Arbeitsmarktsituation in Deutschland hat sich zwar verbessert, bleibt aber problematisch. Das ist das Ergebnis des diesjährigen OECD-Beschäftigungsausblicks, der an diesem Mittwoch veröffentlicht worden ist. Die Studie, die alljährlich von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ausgearbeitet wird, zeigt zudem, dass die Beschäftigungschancen zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in Deutschland „sehr ungleich verteilt sind“, wie es in dem Papier heißt. Insbesondere Frauen und Migranten seien davon betroffen.
Die Beschäftigungsquote bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund liege um etwa 15 Prozent niedriger als die der vergleichbaren Gruppe ohne Migrationshintergrund. Zur Hälfte sei dieses Phänomen über Bildungsunterschiede zu erklären, schreiben die Autoren der Studie. „Ein weiterer bedeutender Faktor dürfte die Diskriminierung am Arbeitsmarkt sein“, heißt es weiter.
„Noch mehr Gesetze könnten kaum etwas erreichen“
Als Therapie gegen dieses Phänomen schlägt die OECD vor, die Antidiskriminierungsbehörden dazu zu ermächtigen, auch bei fehlenden Beschwerden Untersuchungen einzuleiten und bei Verdacht auf Diskriminierung gegen Unternehmen vorzugehen. Zwar lobt die Organisation die deutsche Antidiskriminierungs-Gesetzgebung, fordert jedoch in dieser Hinsicht noch weiter reichende Gesetze. So solle Deutschland erwägen, „die Antidiskriminierungsstelle dazu zu autorisieren, bei individuellen Beschwerden Ermittlungshilfe zu leisten“, heißt es.
Doch selbst Gewerkschaftern, die sich stark für das Antidiskriminierungsgesetz eingesetzt haben, würden noch weitere Maßnahmen zu weit gehen: „Noch mehr Gesetze könnten in dieser Hinsicht kaum etwas erreichen“, sagte Nafiz Özbek, Leiter des Ressorts Migration bei der IG Metall, zu FAZ.NET. „Vielmehr muss sich in den Köpfen etwas ändern.“ In Zeiten des Fachkräftemangels müsse Deutschland „so attraktiv wie Amerika werden“. Dabei seien „ungenutzte Gesetze überflüssige Luxusgüter“. Das Umdenken müsse vielmehr durch gemeinsame Kampagnen von Arbeitgebern und Gewerkschaften erzielt werden.
Arbeitgeber wehren sich gegen Diskriminierungsvorwurf
Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) wehrt sich ebenfalls gegen „weitere Regulierungen“. ZDH-Generalsekretär Hanns-Eberhard Schleyer sagte zu FAZ.NET: „Wir lehnen jede weitere Antidiskriminierungsgesetzgebung ab.“ Im Handwerk sei ohnehin Bildung das relevantere Problem. „Es zählt nur die Qualität der Mitarbeiter, nicht die Herkunft.“ Deshalb müsse schon in der frühkindlichen Bildung angesetzt werden. Diskriminierung finde indirekt durch schlechte Bildungschancen von Migranten statt.
Ganz ähnlich argumentiert die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Der Diskriminierungsvorwurf sei in keiner Weise belegt: „Tatsache ist: Das derzeitige Bildungsniveau von Kindern und Jugendlichen mit Migrations-hintergrund ist alarmierend: Ihr Anteil an den Hauptschulen ist überproportional, vielfach besitzen sie keine oder nur sehr schlechte schulische oder berufliche Abschlüsse“, sagte Jürgen Wuttke, Leiter der Abteilung Arbeitsmarkt beim BDA. Schuld daran seien vor allem sprachliche Defizite.
Erfreuliche Beschäftigungsdaten, Probleme bei Langzeitarbeitslosen
Insgesamt lag der Anteil der Beschäftigten an der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter im Jahr 2007 leicht über dem OECD-Durchschnitt. Das bedeutet, eine Verbesserung für Deutschland: Zu Beginn des Jahrzehnts lag diese Quote nämlich noch auf durchschnittlichem Niveau. Am besten schneiden Island, die Schweiz, Dänemark und Norwegen im OECD-Vergleich ab. In Deutschland entfalle „ein großer Teil des Beschäftigungswachstums der letzten Jahre auf Teilzeitarbeitsplätze“, heißt es zudem in der Untersuchung.
Die auf Umfragedaten basierende standardisierte Arbeitslosenquote verbesserte sich von mehr als 10 Prozent im Jahr 2005 auf 8,4 Prozent im Jahr 2007, wie die Organisation weiter mitteilte. Jedoch schneidet Deutschland bei den Langzeitarbeitslosen vergleichsweise schlecht ab. „Gut 56 Prozent aller Arbeitslosen in Deutschland suchten 2007 bereits seit über einem Jahr nach einer Stelle, verglichen mit weniger als 30 Prozent im OECD-Durchschnitt“, heißt es in dem Papier. Der Anteil der Langzeitarbeitslosen lag damit nur in der Slowakei höher als in Deutschland. Dagegen sei der Anteil der Langzeitarbeitslosen in Frankreich oder Spanien wesentlich geringer als in Deutschland, obgleich der Anteil der Gesamtarbeitslosen dort ähnlich hoch sei wie hierzulande.
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