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Donnerstag, 20. Juni 2013
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OECD-Bildungsdirektorin Ischinger „Flickschusterei und Mangelerscheinungen“

 ·  Deutschland gibt mehr Geld als andere Länder für seine Hochschulen aus - mit weniger Effekt. Das sagt Barbara Ischinger im Interview mit der F.A.Z. Seit vier Jahren ist sie Bildungsdirektorin der OECD.

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Wie leistungsfähig ist das deutsche Hochschulsystem im Vergleich?

Umfassend lässt sich das kaum beantworten. Aber wir haben zum Beispiel Angebot und Bedarf an Akademikern in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern erfasst: In Deutschland sind 36 Prozent der industriell Beschäftigten in diesem Feld tätig, der Anteil der Hochschulabsolventen und Doktoranden in diesen Fächern ist deutlich niedriger. Industrie und Wissenschaft müssen Strategien entwickeln, um dieses Defizit aufzufangen.

Kann das duale System der Berufsbildung, das es in anderen Ländern so nicht gibt, diese Lücke schließen?

Daraus hat Deutschland in der Vergangenheit geschöpft. Aber in der Zukunft sind analytische Fähigkeiten gefragt, die Aufgaben werden komplexer, statt um Routine geht es um Innovation. Wir sind nicht mehr im Industriezeitalter. Da ist die Frage, ob sich die Berufsbildung zu den Hochschulen öffnet und umgekehrt. Einen entsprechenden Trend gibt es.

Wo wird die Industrie die benötigten Ingenieure finden – unter deutschen Abiturienten oder eher im Ausland?

Das muss jedes Land, jede Hochschule selbst entscheiden. Da gibt es kein allgemeingültiges Rezept. Aber es werden Anstrengungen nötig sein, um diese Studienfächer attraktiver zu gestalten. Außerdem zieht die Wirtschaft Absolventen aus anderen Fächern an, um die Lücke zu schließen. In Amerika ist es umgekehrt: Dort gibt es eine Überproduktion von Naturwissenschaftlern, die dann zum Beispiel als Banker arbeiten.

War die europäische Hochschulreform unter diesen Gesichtspunkten richtig?

Die deutschen Universitäten waren nicht gut vorbereitet auf die Einführung von Bachelorstudiengängen, vielleicht hätte man sie den Fachhochschulen überlassen sollen. Aber der Bologna-Prozess war notwendig, um mehr Transparenz und Internationalisierung zu schaffen. Dass die Hochschulen nicht allesamt erfolgreich damit umgehen, liegt auch an ihrer mangelhaften finanziellen Ausstattung. Mit den vorhandenen Bordmitteln war oft nur Flickschusterei möglich.

Ist Geld also der entscheidende Faktor für die Qualität eines Bildungssystems?

Nein, es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen Finanzierung und Qualität. Deutschland gibt laut unserem Bildungsbericht mit rund 91 000 Dollar je Student mehr aus als der OECD-Durchschnitt. Trotzdem sieht man an einigen Hochschulen Mangelerscheinungen, etwa beim Betreuungsverhältnis.

Welche Kriterien sind entscheidend, wenn es die Finanzen nicht sind?

Wir arbeiten derzeit an einem Fragenkatalog, mit dem wir analog zum Pisa-Test für Schulen den Lernerfolg an Hochschulen messen wollen. Zuerst geht es um analytisches Denken, später sollen Wirtschaftswissenschaften und Ingenieurwissenschaften auf Bachelorniveau hinzukommen. An der Machbarkeitsstudie dafür nehmen 14 Länder teil. Japan, Australien und Russland sind dabei. Aus Deutschland gab es kein Interesse.

Das Gespräch führte Sebastian Balzter.

Quelle: F.A.Z.
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