Deutschland protestiert. Nach den Demonstrationen in New York und Los Angeles marschiert die Republik gegen die Macht der Finanzmärkte. In München zogen am Samstag nach Angaben der Veranstalter rund 1000 Menschen durch die Innenstadt, in Köln trafen sie sich am Chlodwigplatz, in Berlin versammelten sich 10.000 am Alexanderplatz. In Frankfurt, im Herz des deutschen Kapitalismus, war eine Demonstration mit 200 Teilnehmern angemeldet worden. Es kamen 8000.
Es sind keine Spinner, die in Deutschlands Innenstädten Transparente schwenken. Es sind Bürger. Wie in Amerika ist es die Mittelschicht, die demonstriert. Die Berichte über eine bevorstehende zweite Bankenrettung nach Lehman treibt sie auf die Straße. Mütter mit Kinderwagen und Ehepaare in Partnerjacken ziehen am Samstagmittag brüllend durch das Frankfurter Bankenviertel hin zur Europäischen Zentralbank. Es geht ihnen um Gerechtigkeit: Die Banker, die Verursacher der Krise, sollen geben statt immer nur nehmen.
Der ganze Sozialstaat besteht nur noch aus Schulden
Die Bürger haben Angst. Dass die Schuldenkrise uns alle in den Abgrund reißt und dass das ganze Banken- und Staatenretten ihre eigene Zukunft bedroht. Der Bürger fürchtet sich vor dem Abstieg.
„Diese Person möchte keine Banken retten“ steht auf einem Schild, seine Trägerin ist 46 Jahre alt und arbeitet als Stewardess bei Lufthansa. Die Frankfurter Demonstrantin fürchtet, dass ihre 13 Jahre alten Tochter später mal in einer maroden Massenuniversität studieren muss, weil der Staat nach der ganzen Retterei kein Geld mehr für die Bildung hat. Die Frau sagt, sie sei eigentlich ein unpolitischer Mensch. Nie zuvor hat sie protestiert. „Doch jetzt verzockt die Politik den Wohlstand.“ Das Steuergeld fließt nicht in die Zukunft ihrer Tochter, sondern versickert in Banken und Griechenland. „Und wir werden nicht gefragt.“ So reden die meisten, die da durch die Innenstädte ziehen. Dass Banker Schurken sind, steht für sie ohnehin fest. Die Bürger fürchten, dass statt der Politiker in Wahrheit das Kapital regiert. Und wo bleiben dann sie?
Petra Özkan, 59, zieht an der Seite ihres Ehemanns Kamil durchs Bankenviertel, 60 Jahr alt. Sie ist Lehrerin, er Übersetzer. Das Ehepaar hat die Talkshow Maybrit Illner gesehen, als Gast war der Organisator des Frankfurter Demonstrationszugs geladen. Nach der Sendung setzte sich Kamil Özkan an den Esstisch und malte ein Schild: „Empört Euch!“
Der ganze Sozialstaat bestehe doch nur noch aus Schulden, sagt Özkan. Dass es billiger sei, die Banken statt Griechenland zu retten, lässt das Ehepaar nicht gelten: „Die Politik hätte doch Konzepte entwickeln müssen, dass es so weit erst gar nicht kommt.“ Doch stattdessen gehe das Land dem Untergang entgegen.
Es scheint, das Land ist auf dem Gipfel angekommen
Die ungewisse Zukunft ist es, die Furcht bereitet, denn die Gegenwart sieht so schlecht gar nicht aus. Die Ungleichheit hat sich in Deutschland in den vergangenen Jahren nicht extrem auseinanderentwickelt. Anders als in Amerika haben die Demonstranten in Frankfurt und München Jobs. Es gibt es für so viele Menschen Arbeit wie nie seit der Wiedervereinigung - und laut Statistischem Bundesamt auch noch fast so viele unbefristete normale Arbeitsverträge wie im Jahr 1999. Doch ständig lesen die Deutschen, dass Leiharbeit und Zeitverträge zur Regel werden. Und seit Jahren können sich Normalverdiener nicht mehr leisten, weil ihre Lohnsteigerungen von der Inflation und den Steuern aufgefressen werden.
Schon immer hat sich die deutsche Mittelschicht geängstigt, vom Staat ausgeraubt zu werden und den Anschluss zu verlieren. Doch früher haben die Menschen keine Transparente gemalt. Seit dem Chaos jedoch, das mit dem Fall der Lehman-Bank Einzug in die Weltpolitik gehalten hat, ist die Angst riesig geworden. So wie in Amerika die „Occupy Wall Street“-Bewegung die Ungleichheit zum Thema macht, die Amerika seit Jahren aufregt, protestieren die deutschen Demonstranten nun wegen den Sorgen, die sie selbst schon seit Jahren haben.
Das Land, so scheint es, ist auf dem Gipfel angekommen - von dort an kann es nur noch abwärts gehen. Schon lange ist den Deutschen der Glaube an eine Zukunft verloren gegangen, die besser wird als die Gegenwart. Die Berufsanfänger führen heute kein angenehmeres Leben als ihre Eltern, das ist die Wahrnehmung - obwohl die Jungen heutzutage zumindest ein deutlich höheres Gehalt beziehen.
„Jetzt droht alles zusammenzubrechen“
Aber was ist, wenn sie mal alt sind? Die Rente ist unsicher, so erzählen es Ökonomen und Bevölkerungsforscher landauf landab, und die Jungen müssen trotzdem Unsummen für die Alten zahlen. Doch können sie die Rentenbeiträge auch in Zukunft zahlen, wenn diese astronomische Höhen erreichen? Deutschlands Bildungssystem ist mittelmäßig, wie die Pisa-Studien gezeigt haben - und die Situation bessert sich nur langsam. Gleichzeitig lauern in Asien hungrige, billige Arbeitskräfte, die den Deutschen das Lebens schwer machen.
Aus Gießen hat sich der Student Florian Mörschel am Samstag nach Frankfurt aufgemacht. Der Student Mörschel ist 25, er wählt CDU und hat ebenfalls noch nie demonstriert. Konservativ zu sein, sagt Mörschel, heiße für ihn, dass die Strukturen gleich blieben. „Doch jetzt droht alles zusammenzubrechen.“ Was ist, wenn Deutschlands Schulden die Volkswirtschaft ersticken? Wird Mörschel nach seinem Studienabschluss einen Arbeitsplatz finden?
Der Schirm rettet nur die Banken und Versicherungen
Tatsächlich sind viele Deutsche stärker aus der Finanzkrise herausgekommen, als sie hinein gegangen sind. Dank Kurzarbeit und der Nachwirkungen der Hartz-Reformen schrumpfte die Arbeitslosigkeit wieder schnell. Und im aktuellen Aufschwung wuchs das Gefühl, dass tatsächlich wieder in einigen Berufen Leute gesucht werden. Die ersten Gehälter wurden erhöht, Streiks gewonnen, und es gab die ersten Tariferhöhungen über der Inflationsrate. Es sah so aus, als könne der Wohlstand in Deutschland bald wieder wachsen. Die Hoffnung war zurückgekehrt.
Doch jetzt ist da die Enttäuschung. Die Bankenkrise zeigt wieder ihre Fratze. Die Börsen brechen wieder ein, die Finanzwelt erinnert an ein großes Kasino. Und wieder sollen Banken gerettet werden um den Preis, dass die Lasten für Staat und Steuerzahler steigen. „Können wir Bildung künftig überhaupt noch zahlen?“, fragt Mörschel.
In Frankfurt versammelt sich die Masse schließlich vor dem Gebäude der Europäischen Zentralbank. Der Rettungsschirm, an dem Deutschland einen Anteil von bis zu 400 Milliarden Euro hält, rette doch nur die Banken und Versicherungen, das ist hier die Mehrheitsmeinung. Ein Protestler ruft ins Megafon, die Bundesregierung verwechsele die Bremse mit dem Gaspedal. „Lasst uns eine Bewegung im Land aufbauen, die so stark it, dass unsere Forderungen nicht mehr ignoriert werden können“, schallt es über den Platz.
Die Menge jubelt. Endlich passiere mal etwas, sagt ein Demonstrant: „Bevor es zu spät ist.“
Sorry, werter Autor...
Christian Fink (Christian_Fink)
- 16.10.2011, 15:54 Uhr
Jammern ist kein Konzept
Norbert Czech (nczech)
- 16.10.2011, 14:28 Uhr
"Der ganze Sozialstaat besteht nur noch aus Schulden"
Gernot Radtke (Autonomus)
- 16.10.2011, 13:30 Uhr
Vielleicht zu Spät.!!!
Rolf Molter (Aufstand)
- 16.10.2011, 11:37 Uhr
Hilflos, unkonstruktiv und wenig selbstkritisch
Pete Thoureau (Pete_Thoureau)
- 16.10.2011, 10:09 Uhr
