http://www.faz.net/-gqe-7aa68
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 19.06.2013, 18:13 Uhr

Obama-Besuch in Berlin Angela Merkel im #Neuland der Häme

„Das Internet ist für uns alle Neuland“, sagte Angela Merkel. Im Internet wird der Berlin-Besuch von Barack Obama deswegen unfreiwillig zum Aufreger. Dabei hat Merkel recht.

von
© F.A.Z. Spott im Netz für die Kanzlerin

„Das Internet ist für uns alle Neuland.“ Das hat Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Pressekonferenz mit Barack Obama gesagt. Es ging um den Datenschutz im Internet, um die Frage, wie sich Staaten einerseits vor Terroristen schützen, andererseits die Freiheit ihrer Bürger bewahren können. Zum Lachen ist daran nichts. Eigentlich.

Carsten Knop Folgen:

Im Internet aber sieht das anders aus. In Zeiten der Echtzeitkommunikation über Kurznachrichtendienste wie Twitter kann man Kalauer und Schenkelklopfer raushauen ohne darüber nachdenken zu müssen, wie unreflektiert und verletzend sie sind. So auch hier: „Das hat sie jetzt nicht wirklich gesagt?“, fragten die ersten Internetspezialisten auf Twitter. Und es sollte am Mittwoch nur wenige Minuten dauern, bis der sogenannte Hashtag #Neuland der meistverbreitete in Deutschland war.

Mehr zum Thema

Für Menschen, für die das Neuland ist: Ein Hashtag kennzeichnet ein Wort mit vorangestelltem Doppelkreuz (eben dem Zeichen „#“). So werden Themen verschlagwortet, in sozialen Netzwerken wie Twitter und seit neuestem auch Facebook; sie erleichtern das Auffinden der entsprechend gekennzeichneten Nachrichten. Als Journalist kann man an Hashtag-Ranglisten erkennen, welche Themen gerade bewegen - und am Obama-Besuch war nach dieser Pressekonferenz fast nichts anderes mehr wichtig als die Tatsache, dass Merkel behauptet hatte, das Netz sei Neuland.

Ha Ha. Dabei hat Merkel recht. Es mögen zwar sehr viele Menschen im Internet sein. Wer sich in seinem Bekanntenkreis aber genauer umhört, wer wie viele Dienste seines neuen Handys wie intensiv nutzt, wer wirklich auf Twitter engagiert ist oder andere Social-Media-Plattformen nutzt, wird feststellen, dass er als (überzeugter) Twitter-Nutzer zu einer winzigen Minderheit gehört.

„Internet wird umbenannt in #Neuland“

Dabei hat das Medium viele Vorteile und bietet einiges mehr als nur die Möglichkeit, sich über Belanglosigkeiten auszutauschen oder andere Menschen lächerlich zu machen. Allein darum ging es aber den Erfindern des Hashtags „#Neuland“: Dutzende Tweets pro Minute zu dem Thema folgten: „Internet wird umbenannt in #Neuland. Klingt auch gleich viel deutscher. Explorer heißt jetzt Entdecker. Unser Prism heißt Stasi. Passt.“ „Wo kriege ich eigentlich dieses Internet? Sorry, ist halt alles noch ein bisschen #Neuland für mich.“ Und so weiter.

Zu lesen ist aber auch, wenn auch seltener: „Mutti hat Recht: im Bezug auf Recht und Regeln ist das Internet nach wie vor #Neuland. Bei Sitte und Anstand auch, wie ich wieder merke.“ Genau das ist der Punkt. Nun wird es einer Bundeskanzlerin gleichgültiger sein als anderen, ob Hohn über sie ausgeschüttet wird.

Überall ist Verhältnismäßigkeit gefragt

Doch zu oft geschieht das auch bei Menschen, die sich mit Wellen der Entrüstung nicht so gut auskennen. Es wird mit Unterstellungen gearbeitet, eine echte Diskussion ist kaum möglich. Das muss sich ändern: „Es geht um die Einsicht, dass nur eine gemäßigte, zivile Ausdrucksweise uns die Welt erfahrbar macht“, schrieb der wegen seiner Bücher von der Mafia gejagte Italiener Roberto Saviano dazu jüngst in der „Zeit“.

Wir alle betreten mit diesen Formen der Kommunikation, die eben noch nicht 20 Jahre alt sind, Neuland. Genau so, wie Behörden, die auf der Suche nach Kriminellen sind. Überall ist Verhältnismäßigkeit gefragt. Auch das ist ein Wort der Kanzlerin, über das sich das Netz erregt hat. #Hallo? Es ist eines der Grundlagen unseres Rechtsstaats.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Geste gegenüber Rechten Gabriel verteidigt Stinkefinger

Darf ein Vizekanzler Demonstranten mit einer obszönen Geste begegnen? Sigmar Gabriel meint, ja. Nur eines bedauert der SPD-Chef. Mehr

27.08.2016, 21:30 Uhr | Politik
Aussage der Bundeskanzlerin Bilanz zum Jahrestag von Wir schaffen das

Im Sommer vergangenen Jahres kamen Hunderttausende Menschen – vorwiegend aus Syrien, Afghanistan und dem Irak nach Deutschland. Am 31. August 2015 sprach die Bundeskanzlerin dann die mittlerweile berühmten Sätze aus. Eine Bilanz zum Jahrestag der bekannten Aussage Wir schaffen das von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Mehr

31.08.2016, 15:50 Uhr | Politik
Identitäre Bewegung Rechte Aktivisten besetzen Brandenburger Tor

Mitglieder der rechten Identitären Bewegung haben das Wahrzeichen der deutschen Hauptstadt besetzt. Die Gruppe wird seit längerem vom Verfassungsschutz beobachtet. Mehr

27.08.2016, 12:07 Uhr | Politik
Bundeskanzlerin Merkel CDU darf im Kampf um AfD-Wähler nicht ihren Kern aufgeben

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat auf einer Wahlkampfveranstaltung in Schwerin vor der Alternative für Deutschland gewarnt. Umfragen zufolge liegt die rechtspopulistische AfD in Mecklenburg-Vorpommern bei etwa 20 Prozent. Damit könnte die AfD bei der Landtagswahl am 4. September zweitstärkste Partei in Mecklenburg-Vorpommern werden. Mehr

30.08.2016, 14:47 Uhr | Politik
Weitere Legislaturperiode? Führende CDU-Politiker wollen Merkel auch 2017 als Kanzlerkandidatin

Bisher hatten CDU-Führungspolitiker es vermieden, Merkel mit öffentlichen Erklärungen zu bedrängen. Jetzt sprechen sich Bouffier, Laschet und Kramp-Karrenbauer in der F.A.Z. deutlich für eine weitere Legislaturperiode aus. Auch die Bundeskanzlerin selbst hat sich geäußert. Mehr

28.08.2016, 18:53 Uhr | Politik

Der Commerzbank-Kauf ist ein Luftschloss

Von Gerald Braunberger

Auf dem Papier mag die Übernahme der Commerzbank für die Deutsche Bank reizvoll sein. Realistisch ist das derzeit aber überhaupt nicht. Ein Kommentar. Mehr 3 18

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden

Grafik des Tages Apple zahlt immer mehr Steuern

In Irland ist die Steuerlast des Konzerns minimal. Im Heimatmarkt in den Vereinigten Staaten und auch insgesamt im Ausland steigt diese jedoch kontinuierlich. Mehr 0