„Es war brutal.“ Mit diesen drastischen Worten beschreibt Klaus Gleber, was er und rund ein Dutzend weitere Mieter während der Renovierung und „energetischen Ertüchtigung“ ihres Wohnblocks im Ludwigshafener Wohngebiet Pfingstweide erdulden mussten. Sechs Wochen ohne Küche, sechs Wochen ohne Bad, dazu feiner Mörtelstaub, der sich trotz sorgfältiger Abklebe- und Abschottmaßnahmen bis in die letzte Ecke verbreitet hat.
Nach einer (Gesamt-)Bauzeit von neun Monaten sind mittlerweile fast alle Belästigungen beseitigt. Innerhalb des Hauses werden nur noch kleinere Restarbeiten ausgeführt, so dass die Vorzüge des neuen Wohnens voll zur Geltung kommen. Gleber lobt sie überschwänglich.
Den Ärger mit Bauschutt und -lärm zu ertragen, habe sich gelohnt. Denn künftig können die Mieter die Annehmlichkeiten einer komplett renovierten Wohnung genießen. Die Sanitärtechnik ist jetzt auf dem Stand der Zeit, die Wohnflächen sind größer, da zwei Loggien in die Wohnung integriert wurden. Dafür gibt es jetzt acht Quadratmeter große (vorgestellte) Balkone.
Kein Unterschied zwischen Kalt- und Warmmiete
Doch der Clou ist das alles noch nicht. Das Besondere für Gerber und seine Nachbarn ist das vollständige Abkoppeln von künftigen Energiepreiserhöhungen. Für die Bewohner des in den siebziger Jahren von der Luwoge, des Wohnungsunternehmens der BASF, gebauten Wohnblocks gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Kalt- und Warmmiete.
Sie wohnen jetzt in einem sogenannten Null-Heizkosten-Haus - so die offizielle Bezeichnung. Ein vielversprechender Name. Doch so ganz trifft er den Sachverhalt nicht. Denn die Heizwärme wird nicht kostenfrei zur Verfügung gestellt. Die Mieter zahlen weiter so viel wie bisher für Miete und Wärme an die Luwoge. Nur bleibt dieser Betrag konstant, bis auf eine Art Inflationsaufschlag von zwölf Euro je Wohnung alle 15 Monate.
„Thermoskannenhäusern“
Das Haus musste grundlegend umgemodelt werden. Gleich ein ganzes Bündel Maßnahmen hat man realisiert. So wurde das Haus vom Keller bis zum Dach wärmegedämmt, wobei man aus naheliegenden Gründen auf den BASF-Dämmstoff Neopor zurück gegriffen hat. Diese silbergraue Weiterentwicklung des seit mehr als 45 Jahren eingesetzten weißen Styropors enthält mikroskopisch kleine Graphitplättchen, welche die Wärmestrahlen reflektieren und absorbieren. Die Wärmeleitfähigkeit ist daher deutlich geringer als die von Styropor. Ein weiterer Vorteil: Man benötigt weniger Rohstoffe, um gleiche Dämmeigenschaften zu erzielen.
Der bis zu 50 Zentimeter stark auftragende Neopormantel hält die von den Bewohnern selbst, Glühlampen und Küchengeräten erzeugte Wärme im Haus zurück. Dem gleichen Zweck dient eine Lüftungsanlage, mit der verbrauchte warme Luft aus den Küchen, Badezimmern und Toiletten abgesaugt wird. Bevor man sie jedoch ins Freie entlässt, wird sie über Wärmetauscher geleitet. Man kann so ihren Energieinhalt auf die im Gegenstrom in das Gebäude einströmende Frischluft übertragen. Alle zwei Stunden wird die Raumluft komplett getauscht. Es kommt nur gefilterte Luft in die Räume - gut für Allergiker.
Aber mindestens so wichtig ist, dass die Feuchtigkeit aus den Wohnungen abtransportiert wird. Das ist notwendig, um die bei „Thermoskannenhäusern“ drohende Gefahr von Schimmelbildung erst gar nicht entstehen zu lassen. Mit beiden Maßnahmen (Dämmen und kontrolliertes Lüften) schafft man das von den Luwoge-Planern vorgegebene Ziel noch nicht, den Heizenergiebedarf auf 20 Kilowattstunden je Quadratmeter und Jahr - und damit auf ein Sechstel des ursprünglichen Bedarfs - zu senken. Dazu leisten auch neue Fenster ihren Beitrag. Sie sind dreifach verglast, und sie können mehr als nur gut isolieren: Sie heizen auch.
Fenster mit einer transparenten Metallschicht
Denn trotz aller Dämmerei, ein Restwärmebedarf bleibt. Ihn möglichst (energie-)effizient und zudem kostengünstig abzudecken, ist nicht einfach. Konventionelle Warmwasserheizungen sind wegen des dafür nötigen weitverzweigten Leitungsnetzes aufwendig. Man hat sich daher in Ludwigshafen für eine elektrische Glas-Widerstandsheizung entschieden, wie sie seit etwas mehr als zwei Jahren von der Glasmanufaktur Andreas Herzog aus Waghäusel (www.glas-herzog.de) angeboten wird: Die Mittelscheiben der 241 Fenster des Ludwigshafener Musterenergiehauses sind mit einer transparenten Metallschicht überzogen.
Sie ist gerade so dick, dass sich bei der jeweils von der Größe der Scheibe abhängigen Versorgungsspannung (sie wird von Transformatoren bereitgestellt) eine Heizleistung von genau 250 Watt je Quadratmeter ergibt. Das ist viel. Zu viel für den Dauerbetrieb. Die Heizflächen, die über einen Raumthermostaten angesteuert werden und sich auf maximal 40 Grad, „handwarm“, aufheizen, wechseln daher zwischen Volllast und stromlos hin und her. Das scheint zufriedenstellend zu funktionieren, wie Gleber berichtet. Die erzeugte Strahlungswärme wird als sehr angenehm empfunden.
Elektrische Widerstandsheizungen leiden unter dem schlechten Wirkungsgrad der Stromerzeugung. Sie sind daher verpönt. Doch wie Sebastian Herkel, Gruppenleiter Solares Bauen am Fraunhofer Institut für Solare Energieerzeugung ISE in Freiburg, sagt, gelte das nicht grundsätzlich. Immer dann, wenn lediglich Wärmebedarfsspitzen abgedeckt werden müssten, seien sie unter Umständen vertretbar. Der Heizwärmebedarf müsse aber auf jeden Fall klein sein. Auf einen Wert festlegen wollte sich Herkel aber nicht.
Strom vom Flachdach
Wie groß er bei dem BASF-Musterhaus ausfallen wird, kann derzeit keiner sagen. Dass er überschaubar gering bleibt, hängt wesentlich davon ab, wie oft und wie lange die Mieter an kalten Tagen die Fenster offen stehen lassen. Ihnen wird Disziplin abverlangt. Man setzt mehr auf Einsicht als auf das gut funktionierende Regulativ „Stromkosten“. Denn für den Heizstrom müssen die Mieter nicht zahlen. Er ist im Null-Heizkosten-Haus inklusive.
Diese Großzügigkeit meint man sich auch deshalb leisten zu können, da man selbst Strom erzeugt. Auf dem Flachdach des Mietshauses sind Solarzellen installiert. Der produzierte Strom wird (natürlich) nicht selbst genutzt. Er wird ins Netz eingespeist und mit 46 Cent vergütet. Den Heizstrom liefert der lokale Energieversorger für deutlich unter 20 Cent je Kilowattstunde.
Ältere Mietshäuser zu Energiesparhäusern umbauen
Ob die Differenz zwischen Einspeisepreis und dem Preis für den „Fremdstrom“ ausreicht, die Heizkosten abzudecken, ist derzeit schwer abzuschätzen. Es fehlen einfach die Erfahrungen. Luwoge-Projektleiter Michael Hübner meint, dass die Elektroheizung kaum - wenn überhaupt - benötigt werden wird. Mit dem BASF-Musterhaus habe man gezeigt, dass es technisch möglich sei, auch ältere Mietshäuser zu einem Energiesparhaus umzubauen.
Wichtiger als die Technik ist für Hübner aber der wirtschaftliche Aspekt. So geht man bei der Luwoge davon aus, mit diesem Konzept den derzeit weitgehend brachliegenden Sanierungsmarkt weit aufgestoßen zu haben.
INKONSEQUENT
Harald HEINZ (willer3)
- 21.03.2007, 10:42 Uhr