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NSA-Affäre : Datenverwerter in Erklärungsnot

Was ist wie verkabelt? Bild: dpa

Es widerstrebt der freiheitsliebenden Kultur des Silicon Valley, sich vor den Karren der Regierung spannen zu lassen. Aber die Zusammenarbeit ist trotzdem gewaltig.

          Die amerikanische Technologieindustrie ist geübt darin, Datenschutzkontroversen an sich abprallen zu lassen. Unternehmen wie Google und Facebook lassen sich immer neue Kniffe einfallen, um persönliche Daten von Nutzern zu verwerten. Kommt ein öffentlicher Aufschrei oder schreiten gar die Behörden mit Ermittlungen ein, sind zwar oft Töne der Reue zu hören. Aber meist kommen die Unternehmen mit einem blauen Auge davon und treiben so forsch wie vorher die Entwicklung neuer Angebote voran - bis die nächste Affäre die Gemüter erhitzt. „Lieber um Verzeihung bitten als um Erlaubnis“, heißt das schulterzuckende Motto im Silicon Valley.

          Der Skandal um die Datenschnüffelei des amerikanischen Geheimdienstes NSA mit dem „Prism“-Programm hat freilich ein Kaliber, das der Branche Angst einjagen muss. Er lässt Google, Facebook, Apple, Microsoft und eine Handvoll anderer Unternehmen als Werkzeuge staatlicher Überwachung dastehen.

          Und er führt vor Augen, dass Geheimdienste und die Technologiebranche ähnliche Interessen verfolgen. Beiden geht es darum, aus dem Ausschlachten persönlicher Daten Nutzen zu ziehen, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven. Wenn Internetunternehmen nun in der öffentlichen Wahrnehmung mit Spionen der Regierung in einen Topf geworfen werden, trifft sie das an ihrer empfindlichsten Stelle. Ihnen würde die Geschäftsgrundlage entzogen, gäben die Nutzer aus Angst um ihre Daten keine Informationen mehr preis. Und nach all den Datenschutzpatzern der Vergangenheit kann die Branche nicht von einem Vertrauensvorschuss zehren.

          Aufstieg durch Militärausgaben

          Seit Beginn der Affäre haben die Unternehmen versucht, die Wogen zu glätten. Eine gute Figur machen sie nicht, auch weil ihnen Geheimhaltungspflichten die Hände binden. Sie beteuern, nicht direkt in das Prism-Programm eingebunden zu sein und Daten nur auf richterliche Anordnung zu liefern. Auf diese Position stellt sich nun auch der Softwarekonzern Microsoft. Aber die Stellungnahmen der Branche lassen Raum für Interpretationen. Edward Snowden, der das Spähprogramm auffliegen ließ, wirft den Unternehmen Irreführung vor. Er beharrt darauf, dass sie dem Geheimdienst sehr wohl direkten Zugang zu ihren Computersystemen ermöglichen. Der verwirrte Beobachter kann nur spekulieren, wo die Wahrheit liegt.

          Bild: dpa

          Google-Chefjurist David Drummond wies kürzlich in der F.A.Z. empört den Verdacht zurück, sein Konzern stecke mit der NSA „unter einer Decke“. Den angeblichen Prism-Unternehmen ist durchaus abzunehmen, dass sie keine willigen Komplizen sind. So lax ihre Einstellung zum Datenschutz sein mag, so sehr widerstrebt es der freiheitsliebenden Kultur des Silicon Valley, sich vor den Karren der Regierung spannen zu lassen.

          Andererseits kann die Branche schwerlich behaupten, sie suche unbedingte Distanz, und das nicht nur, weil der Staat ein wichtiger Kunde ist. So soll Google die Hilfe der NSA in Anspruch genommen haben, als der Konzern zum Ziel von Hackern wurde. Allgemein blickt das Valley auf eine lange Partnerschaft mit der Regierung zurück, die mit Militärausgaben seinen Aufstieg ermöglichte.

          CIA investiert in Privatunternehmen

          Bis heute profitieren private Unternehmen von Projekten, die die Regierung angestoßen hat. Ein Beispiel ist die Apple-Sprachsteuerung Siri, die in einem staatlichen Forschungsinstitut entstand. Der NSA-Schwestergeheimdienst CIA hat gar eine Wagniskapitalgesellschaft namens In-Q-Tel, die in Privatunternehmen investiert.

          Der Prism-Skandal lässt Verbrauchern die Verbindungen zwischen Regierung und Industrie nun aber um einiges bedrohlicher erscheinen. Wem schon bisher nicht wohl dabei war, wie Google und Facebook zur Maximierung ihrer Umsätze die Datenverwertung in immer neue Dimensionen treiben, der dürfte jetzt erst recht alarmiert sein. Das macht die etablierten Internetkonzerne anfällig für Konkurrenten, die Datensicherheit zum Kern ihres Konzepts machen. Angebote, die anonymisierte Internetsuche oder verschlüsselte Kommunikation erlauben, hatten zuletzt regen Zulauf. Der Erfolg der Fotoanwendung Snapchat lässt auf ein Bedürfnis nach Produkten schließen, die einem das Gefühl geben, dass preisgegebene Daten einen nicht später einholen. Snapchat hat einen, wenn auch nicht wasserdichten, Löschmechanismus, der ausgetauschte Fotos verschwinden lässt.

          Es ist indes gut vorstellbar, dass die betroffenen Unternehmen weitgehend unbeschadet aus der NSA-Affäre herauskommen, wenn sich die Aufregung gelegt hat. Dafür spricht die Erfahrung in Deutschland, wo die Sensibilität für Datenschutz zweifellos höher ist als in Amerika. Google und Facebook werden in Deutschland besonders oft als Datenschutzsünder an den Pranger gestellt, aber das tut ihrer Popularität keinen merklichen Abbruch. Google hat bei der Internetsuche einen weitaus höheren Marktanteil als in der Heimat. Facebook konnte die VZ-Netzwerke verdrängen trotz deren Werben mit überlegener Datensicherheit. Freilich hat niemand die Loyalität der Nutzer auf Dauer gepachtet. Es ist zu wünschen, dass der NSA-Skandal zu einem heilsamen Schock für die Internetgiganten wird und sie dem Datenschutz eine neue Dringlichkeit geben, die über Lippenbekenntnisse hinausgeht.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

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          Quelle: F.A.Z.

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