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Norbert Walter Der verfolgte Schwarzseher

 ·  Mit seinen düsteren Prognosen macht sich der Chefvolkswirt der Deutschen Bank nicht nur Freunde: Um fünf Prozent sieht Norbert Walter die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr sinken. Den Mund lässt er sich trotzdem nicht verbieten - und ist stolz darauf.

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Es kommt noch schlimmer: Um 5 Prozent werde die deutsche Wirtschaft dieses Jahr schrumpfen, hat Norbert Walter gerade verkündet. Ein noch größeres Minus sei nicht auszuschließen, falls die Konjunktur nicht spätestens vom Sommer an wieder anziehe. Walters rabenschwarze Prognose lässt viele erschauern.

Schon im Dezember hatte der Chefvolkswirt der Deutschen Bank Aufsehen erregt, als er „minus 4 Prozent“ voraussagte. Die Meldung in der „Bild“-Zeitung schlug ein wie eine Bombe. Danach habe man versucht, ihn zum Schweigen zu bringen, berichtet ein sichtlich entnervter Walter im Gespräch. Finanzminister Peer Steinbrück habe persönlich zum Telefon gegriffen und beim Deutsche-Bank-Chef Ackermann interveniert. Doch ein Norbert Walter lässt sich den Mund nicht verbieten, sagt Walter und schaut gequält.

„Wenn Sie falsch liegen, sind Sie entlassen

Ein bisschen genießt es der 64 Jahre alte Ökonom aber auch, sich zum verfolgten Seher zu stilisieren. Eine Rezession mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 4 Prozent wäre tatsächlich eine Katastrophe. Den bislang schwersten wirtschaftlichen Einbruch erlebte die Bundesrepublik 1975 nach der ersten Ölpreiskrise. Damals sank das BIP aber „nur“ um 0,9 Prozent. Walter kann sich noch gut an die damalige Zeit erinnern. Er hat mehr als dreißig Jahre Erfahrung mit wissenschaftlichen Konjunkturprognosen - und er hat erfahren, wie scharf der Wind dem Ökonomen ins Gesicht bläst, der sich mit Prognosen an die Öffentlichkeit wagt, die deutlich düsterer sind als die Vorhersagen der Kollegen. „Reinstes Mobbing“, sagt Walter, habe er deshalb erlebt.

Das fing schon früh an. Nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre in Frankfurt und Promotion als Assistent von Herbert Giersch an der Universität Kiel war er Mitte der siebziger Jahre im Institut für Weltwirtschaft (IfW) zum Professor und Leiter der Konjunkturforschungsgruppe aufgestiegen. „Zweimal habe ich besonders harte wirtschaftliche Einbrüche frühzeitig vorausgesagt“, erzählt er. Und beide Male sei der Druck auf ihn im IfW enorm gewesen. „Giersch hat mir in einer Sitzung vor der gesamten Belegschaft gedroht: ,Wenn Sie falsch liegen, sind Sie entlassen.“

Von kleiner Statur, aber großem Selbstbewusstsein

Walter lag zwar richtig, aber das Verhältnis zu seinem Vorgesetzten war zerrüttet. Der aufstrebende Konjunktur- und Ressourcenforscher produzierte zu oft Schlagzeilen, die seinem Chef nicht gefielen. Auf beiden Seiten spielten Ehrgeiz und Eitelkeit eine Rolle. Walter flüchtete ins Ausland, hielt sich 1986/87 als Gastforscher an der Johns-Hopkins-Universität in Washington auf. Danach kehrte er nicht mehr an die Förde zurück, sondern ging nach Frankfurt zur Deutschen Bank.

Seit 1990 ist er deren Chefvolkswirt. 1992 übernahm er zudem die Leitung der neugegründeten DB Research, die sich als Denkfabrik für wirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunftsfragen versteht. Der Ökonom von eher kleiner Statur, aber großem Selbstbewusstsein ist seitdem Dauergast in Talkshows, hält Vorträge rund um die Welt. Auch als Berater der Politik ist er gefragt: So saß er von 2000 bis 2002 im Gremium der „Sieben Weisen“ bei der EU-Kommission zur Regulierung der Wertpapiermärkte. Neben den ökonomischen Foren engagiert sich der Vater zweier Töchter auch im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, wirbt in Kirchenkreisen für die Marktwirtschaft.

„Die Abwrackprämie ist gut“

Während die Marke „Professor Walter“ nach außen hin strahlt, ist seine Stellung in der Bank nicht mehr unangefochten. Neben der Abteilung DB Research in Frankfurt, die etwa zwanzig wissenschaftliche Mitarbeiter zählt, hat das Institut für sein Investmentbanking eine gut viermal so große Abteilung „Global Markets“ aufgebaut. Walter wird im September 65 Jahre alt und geht dann in Pension. Er freut sich, dann mehr Zeit fürs Bergsteigen zu haben. Wie es mit DB Research weitergeht, ist unklar.

Walter betont seine Unabhängigkeit. „Ich frage nicht jedes Mal nach Erlaubnis von oben, wenn ich meine Meinung äußere.“ Mit seinem starken Konjunkturpessimismus verunsichert er nun Freund und Feind. Lautete früher sein Credo „Mehr Markt“, so fordert er nun entschiedene staatliche Eingriffe. Hoffnung setzt er auf einen globalen Rettungsplan unter Anleitung von Barack Obama. Jetzt sei nicht die Zeit für ordnungspolitische Bedenkenträgerei. „Wenn es brennt, muss die Feuerwehr löschen, da kann man nicht über die richtige Organisation sprechen.“ Alles, was die Nachfrage stärke, sei richtig. „Die Abwrackprämie ist gut, wir könnten sie noch auf viel mehr Güter bis hin zu Haushaltsgeräten und Küchenmöbeln ausdehnen“, sagt er.

Noch im Herbst 2008 hat allerdings auch Norbert Walter die Lage weit weniger dramatisch eingeschätzt. Damals sah er - wie die meisten Institute - eine Rezession in Deutschland „nicht als das Hauptszenario“. Und weiter: „Konjunkturprogramme sind falsch. Das ist alles verbranntes Geld.“

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Wirtschaft.

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