Home
http://www.faz.net/-gqg-xvvf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Niedergang der FDP Grabrede auf den Liberalismus

Niedergang ist der Normalzustand des Liberalismus. Deshalb sind es die Nachrufe, die ihn lebendig erhalten: frei, elitär und mit einem Schuss Arroganz. Es ist halt ein Programm für Minderheiten. Die FDP könnte sich da was abgucken.

© F.A.Z.-Greser&Lenz Vergrößern

„Der Niedergang des Liberalismus“ war der Vortrag überschrieben, den er 1901 auf dem nationalsozialen Vertretertag in Frankfurt am Main zu halten hatte. Die Liberalen, diagnostizierte der deutsche Liberale Friedrich Naumann (1860 bis 1919), hätten sich längst im Seelenzustand jener elegisch veranlagten Gemüter eingerichtet, die ans Verlieren gewöhnt seien. Hoffnung, sie könnten einmal als Gewinner dastehen, hatte Naumann wenig.

Rainer Hank Folgen:  

Der Normalzustand der Liberalen ist der Niedergang. Bemerkenswert daran ist allenfalls, dass sie es die meiste Zeit vermochten, diesen Zustand ganz ohne vorherige Siege zu erreichen: Abstieg ohne Aufstieg. „Es ist für uns spaßhaft, die Grabreden zu lesen, die man uns wieder einmal hält“, sagt Friedrich Naumann: „Wir kennen das. An solchen Grabreden wächst unser Lebensgefühl. Ich wenigstens bin seit zehn Jahren durch Nekrologe lebendig erhalten worden.“

Mehr zum Thema

Sarkasmus und Selbstmitleid empfehlen sich allemal als Überlebensstrategien für notorische Verlierer. Sonderlich erbaulich sind sie nicht, weder für diese selbst noch für andere. Friedrich Naumann wusste das. Doch jener „Elementarliberalismus“, der die Engländer und Schotten im 18. Jahrhundert berühmt gemacht habe, sei in Deutschland leider nicht im Angebot. Eine liberale Partei aber, der dieses „liberale Grundwasser, das unterhalb aller politischen Strömungen ruhen sollte“ abgeht, bleibe immer im „Phrasenhaften“ stecken, glaubte Naumann: Ärmlich. Erbärmlich.

Infografik / Wahlergebnisse seit 1949 / Die FDP erreichte noch nie Volkspartei-Prozentwerte © F.A.Z. Vergrößern

Die FDP ist heute wieder dort angekommen, wo sie immer schon war: in der elegischen Minderheit, stets nur knapp über oder aber schon unter der öffentlichen Aufmerksamkeitsschwelle (vulgo: Fünfprozenthürde). Das exorbitant gute zweistellige Wahlergebnis vom Herbst 2009, das Westerwelle & Co eine Weile lang machtbesoffen werden ließ, ist historisch die Ausnahme. Nicht der Niedergang, sondern der kurze Herbst des Allzeithochs einer Vierzehnkommasechsprozentpartei ist historisch erklärungsbedürftig. So viel allerdings steht fest: An einem plötzlichen Zuspruch der Deutschen für den Liberalismus lag es gewiss nicht. Liberalismus hört sich anders an als das „Phrasenhafte“ im Naumannschen Sinne, auch wenn manche es damit verwechseln.

Jetzt also ist die Partei wieder da angekommen, wo sie hingehört: in der einstelligen Einsamkeit. Da könnte sie sich dann auch relativ risikolos eine kleine Dosis phrasenfreien Liberalismus leisten und die Frage zulassen, warum der Liberalismus sich hierzulande notorisch so schwertut. Es kann nicht nur an Westerwelle liegen. Sonst müsste die FDP in den Zeiten vor Westerwelle (die gab es einmal, auch wenn heute nur noch die Älteren sich erinnern), deutlich mehr Zustimmung erfahren haben. Das aber ist nicht der Fall.

Naumanns Biograph, der erste deutsche Bundespräsident Theodor Heuss (1884 bis 1963), gibt die Schuld am Außenseitertum dem „gefühlsbetonten Antikapitalismus“ der Deutschen, der immer auch ein „unreflektierter Antiliberalismus“ sei. Das ist zunächst noch kein Wirtschaftsthema, sondern eher ein philosophisches Dilemma. Die Freiheit, obzwar von universalem Anspruch, tut sich schwer damit, sich selbst zu vermarkten. Freiheit nämlich ist stets nur negativ zu fassen: Als Abwesenheit von Zwang und Einladung, zu tun und zu lassen, was ich will. „Freiheit ist Freiheit, nicht Gleichheit oder Fairness oder Gerechtigkeit oder Kultur, oder menschliches Glück oder ein ruhiges Gewissen“ (Ralf Dahrendorf). Sie folgt einem anarchischen Impuls, mutet aber mangelhaft und seltsam unausgefüllt an.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kongresswahlen in Amerika Tücken eines dysfunktionalen Systems

Vor den Kongresswahlen in Amerika werfen Demokraten den Republikanern vor, beim Zuschnitt der Wahlkreise Minderheiten zu diskriminieren – um sich im Repräsentantenhaus bequeme Mehrheiten zu verschaffen. Mehr Von Andreas Ross, Washington

29.10.2014, 14:28 Uhr | Politik
Erdogan gewinnt Präsidentschaftswahlen

Regierungschef Recep Tayyip Erdogan wird der erste direkt gewählte Präsident in der Geschichte der Türkei. Der 60 Jahre alte Konservative sicherte sich am Sonntag im ersten Wahlgang eine absolute Mehrheit und muss deshalb nicht zu einer Stichwahl antreten. Mehr

11.08.2014, 19:51 Uhr | Politik
Wahl in Rumänien Er lügt nicht, er stiehlt nicht, er ist seriös!

Rumänien besinnt sich vor der Wahl auf einen deutschstämmigen Monarchen. Tugenden wie Bescheidenheit, Sparsamkeit und Pünktlichkeit stehen hoch im Kurs. Das politische Personal ist gewarnt. Mehr Von Frieder Schuller

29.10.2014, 17:11 Uhr | Feuilleton
AfD und FDP wollen den Sprung schaffen

Sowohl der Spitzenkandidat der Liberalen, Holger Zastrow, als auch Frauke Petry von der AfD zeigen sich vor der Landtagswahl am Sonntag zuversichtlich. Umfragen sehen die AfD in Sachsen zwischen sechs und acht Prozent. Mehr

27.08.2014, 17:50 Uhr | Politik
Großbritannien Labours Probleme

Die größte britische Oppositionspartei leidet unter dem Phänomen Ukip – aber mindestens ebenso unter ihrem Vorsitzenden. Ed Miliband wirkt nicht volksnah, sondern wie ein Schauspieler, und er lässt wichtige Themen aus. Mehr Von Jochen Buchsteiner, London

18.10.2014, 17:03 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 01.01.2011, 16:37 Uhr

Dumme Maut

Von Manfred Schäfers

Dobrindts Maut-Konzept ist noch lange nicht gut. Es baut auf Missgunst – und das Verhältnis von Aufwand und Ertrag stimmt einfach nicht. Mehr 31 26

Umfrage

Sparen Sie angesichts der niedrigen Zinsen noch?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --