27.01.2009 · Klare Faktenorientierung und wenig Dogmatismus: Mit diesen Prinzipien hat sich Christoph Schmidt bei Kollegen Anerkennung erworben. Der RWI-Chef wird einer der Wirtschaftsweisen. Das Konjunkturpaket der Regierung bewertet er kritisch.
Von Philipp Krohn„Wir kennen nicht die kontrafaktische Situation.“ Wohl kaum einen Satz hat Christoph Schmidt seinen Studenten so eingeimpft wie diesen. In jeder empirischen Studie müsse der Fall erst konstruiert werden, mit dem die Beobachtungen verglichen werden können. Ob die Arbeitsmarktpolitik der Bundesregierung erfolgreich war, lässt sich also nicht dadurch ermitteln, wie viele Arbeitsplätze seit Beginn der Reformen geschaffen wurden. Vielmehr müsse der tatsächlichen Situation eine kontrafaktische gegenübergestellt werden. Diese soll abbilden, wie sich der Arbeitsmarkt ohne die Reformen entwickelt hätte.
Solchen inhaltlichen und methodischen Fragestellungen hatte sich Christoph Schmidt schon verschrieben, bevor er 1991 an der Princeton University mit einer empirischen Analyse des deutschen Arbeitsmarktes promoviert wurde. Aus Amerika, wo er vier Jahre lang forschte, brachte er neue ökonometrische Instrumente nach Deutschland mit. Allerdings konnte er die zu Beginn noch nicht im erwünschten Ausmaß anwenden, weil die Statistiken der hiesigen Behörden viel zu wenig auf wissenschaftliche Bedürfnisse ausgerichtet waren. Dass sie sich inzwischen sehr viel stärker auf die Anforderungen empirischer Forscher einstellen, gilt auch als Verdienst des in der australischen Hauptstadt Canberra geborenen Wissenschaftlers. Nach seiner Rückkehr wurde er Mitarbeiter des heutigen Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Klaus Zimmermann. 1995 habilitierte er sich mit einer Arbeit über die Entlohnung von Zuwanderern.
Klare Faktenorientierung, wenig Dogmatismus
Wenngleich er sich fest auf dem Boden der neoklassischen Ökonomik bewegt und manchem Kollegen als eher konventionell gilt, zeichnet sich seine Argumentation durch etwas aus, das weithin Anerkennung findet: klare Faktenorientierung und wenig Dogmatismus. Eine gute deskriptive Statistik ist ihm mehr wert als eine noch so elegante Theorie. Immer müsse das wissenschaftliche Vorgehen am Untersuchungsziel ausgerichtet werden, argumentiert Schmidt.
In diesem Sinne beschrieb er auch die Aufgaben eines Mitglieds im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, das er nun für viele Beobachter überraschend selber wird. Ein Wirtschaftsweiser müsse „ein exzellenter Ökonom, ein guter Kommunikator und ein guter Berater sein“, sagte er der F.A.Z., als im vergangenen Herbst erstmals über die Nachfolge von Bert Rürup spekuliert wurde.
Er war nur dritte Wahl - und arbeitete sich hoch
Dazu zählen für ihn internationales wissenschaftliches Renommee und ein Überblick über das gesamte Spektrum seines Fachs, aber auch die Fähigkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse an die Öffentlichkeit heranzutragen. „Wir brauchen keinen Technokraten, der Regressionskoeffizienten ohne Relevanz aufstellt. Ökonomie muss so einfach wie möglich sein - und so komplex wie nötig“, sagt Schmidt. Schon mit 39 Jahren wurde er von seinem Lehrstuhl für Ökonometrie in Heidelberg auf den Posten als Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung berufen.
Zwar war er nur die dritte Wahl für die Nachfolge von Paul Klemmer. Allerdings gelang es dem Arbeitsmarktökonomen, das darniederliegende Institut in wenigen Jahren von einer Einrichtung, deren Existenz hinterfragt wurde, zu einer vielbeachteten Forschungsstätte umzuwandeln. Mitarbeiter loben, dass er in den wichtigen internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht, sich gleichzeitig aber auch nicht zu schade für tagespolitische Analysen ist.
Kreativ gegen die Finanzkrise
Das Konjunkturpaket der Bundesregierung bewertete er in einer Kurzexpertise kritisch. Es könne kaum die erwünschten schnellen Wirkungen entfalten, ohne dass die erforderliche Effizienz für Investitionsprojekte durch mangelnde Prüfungen verlorengehe. Schmidt besitzt ein sehr impulsives Temperament. Ob der inzwischen 46 Jahre alte Volkswirt neben seinem hervorragenden Ruf als Ökonometriker auch die notwendige Breite mitbringt, um Rürup zu ersetzen, wird in Teilen der Zunft angezweifelt.
Wer sich seine Veröffentlichungen ansieht, stellt fest, dass er das Themenfeld von arbeitsmarkt- und bevölkerungsökonomischen Fragen geweitet hat und sich auch in der Umwelt- und der Industrieökonomik einen Namen gemacht hat. Auch diese Entwicklung könnte ihm helfen, einen Anspruch zu erfüllen, den er selbst an einen Wirtschaftsweisen stellt: „Bestehendes nicht nur bewertend beschreiben, sondern kreative Lösungen für aktuelle Probleme wie etwa die Finanzkrise ausarbeiten.“