Die radioaktive Wolke aus Japan wird Deutschland zwar nicht erreichen. Doch der politische Niederschlag der Atom–Katastrophe ist schon jetzt gewaltig.Die Zukunft der Energieversorgung Deutschlands, daran besteht seit den schockierenden Bildern aus Fernost kein Zweifel, wird in den nächsten Wochen und Monaten überdacht werden. Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) drückte es vor der für den Samstagabend eilig einberufenen Krisensitzung im Kanzleramt so aus: „Die Frage der Beherrschbarkeit der atomaren Gefahren ist heute neu gestellt worden.“
Eine neue Debatte steht bevor, ein weiterer, leidenschaftlicher Streit darüber, ob die Kernkraft vom Menschen zu kontrollieren ist. Oder ob die Risiken zu groß sind und man daher doch lieber wieder schneller als von der Bundesregierung im vergangenen Herbst beschlossen aus dieser Energie aussteigen sollte.
„Auch wenn es in Deutschland keine Tsunamis gibt, so sollten wir dennoch über Atomkraft jetzt neu nachdenken und so schnell wie möglich aus dieser Technik aussteigen“, fordert Michael Sailer, Chef des Öko-Instituts. Der Chemiker ist Mitglied der Reaktor-Sicherheitskommission. „Wir sehen jetzt, was passiert, wenn alle Sicherheitssysteme versagen. Dies kann trotz des hohen Sicherheitstandards theoretisch auch in Deutschland geschehen. Für eine Katastrophe braucht es nicht immer ein menschliches Versagen, wie wir es in Tschernobyl gesehen haben.“
Doch geht das überhaupt, kann die Energieversorgung eines Industrielandes ohne Atom-Strom gewährleistet werden? Immerhin stammten im vergangenen Jahr 22 Prozent der Elektrizität aus den siebzehn deutschen Meilern, während Wind, Wasserkraft, Biogas und Solarstrom bisher erst 17 Prozent erbringen. Der Rest stammt aus Kohle- oder Gaskraftwerken.
„Keiner der deutschen Reaktoren wäre heute noch genehmigungsfähig“
Die Abneigung der Deutschen gegen die Kernenergie sitzt tief und ist über die Jahre weitgehend unverändert geblieben. In einer Umfrage des Sozialforschungsinstituts TNS Emnid aus dem vergangenen Jahr, die der Eon-Konzern vor der Laufzeit-Verlängerung um zwölf Jahre in Auftrag gegeben hatte, sprachen sich 52 Prozent gegen die Kernkraft aus, nur 38 Prozent votierten dafür. Bald dürften die Werte noch deutlicher ausfallen. Allein in Baden-Württemberg stehen vier Kernkraftwerke (siehe Karte) - in zwei Wochen wird dort der Landtag gewählt. Und gerade hat Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) die Hälfte am AKW-Betreiber EnBW gekauft.
Für die Atomkraftgegner ist der Fall klar: Jochen Stay, Sprecher der Anti-Atom-Lobby „Ausgestrahlt“, fordert die Bundesregierung auf, sofort sämtliche Atomkraftwerke in Deutschland stillzulegen. „Noch haben wir die Wahl, ob wir vor oder nach dem Super-GAU in einem hiesigen Kraftwerk aus dieser unverantwortbaren Technologie aussteigen. Keiner der deutschen Reaktoren wäre heute noch genehmigungsfähig. Überall gibt es eklatante Sicherheitsmängel.“
Kernkraftmanager wollen die Debatte beenden, bevor sie hochkocht
Genau diese Debatte fürchten die vier großen deutschen Stromkonzerne, denen die Regierung die Atom-Laufzeiten um zwölf Jahre verlängert hat. Am Samstag übten sie Krisenkommunikation: Er werde die Sicherheit seiner Anlagen überprüfen, kündigt EnBW-Vorstandschef Hans-Peter Villis an: „Wir müssen die technischen Vorgänge in den japanischen Kernkraftwerken auf Basis gesicherter Erkenntnisse analysieren und uns dann fragen, welche Konsequenzen wir aus diesen Geschehnissen für unsere Kernkraftwerke ziehen.“ Eine Diskussion über die Atomkraft könne wegen der „noch ungesicherten Fakten“ jetzt „nicht technisch fundiert geführt werden“.
Ein frommer Wunsch. Die Betreiber wissen, dass Emotionen wirkungsvoller sind als Fakten. Bevor die Debatte richtig hochkocht, möchte man sie am liebsten gleich beenden. Also verweisen die Kernkraftmanager auf die Unterschiede zwischen Deutschland und Fernost. Eine Verkettung eines derart schweren Erdbebens und eines schweren Tsunamis sei in Deutschland nicht vorstellbar, die deutschen Kernkraftwerke hielten auch bei starken Erdbeben, teilte das Deutsche Atomforum mit. „Die dramatischen Bilder aus Japan sollten nicht dazu führen, dass wir in Deutschland massiv Ängste schüren“, sagt Gerd Jäger, Vorstandsmitglied der RWE Power AG.
Bisher galten die deutschen AKW als sicher
Denn der Auslöser der Ereignisse sei ein Erdbeben und ein Tsunami gewesen, die hierzulande so nicht vorkommen könnten. Doch auch er will Konsequenzen für die deutschen AKW nicht ausschließen: „Ob aus dem Beben in Japan neue Erkenntnisse für den weiteren Ausbau der Sicherheitsreserven unserer Anlagen abgeleitet werden können, ist derzeit noch nicht absehbar.“ Jetzt kommen wieder die Argumente für und gegen Atomkraft auf den Tisch: Die Energie ist - blendet man die atomaren Endlager aus - umweltfreundlich und pustet kein Kohlendioxid in die Atmosphäre. Würden die Atommeiler kurzfristig durch Gaskraftwerke ersetzt, könnte die Abhängigkeit von Gaslieferanten wie Russland wachsen. Und bisher galten die deutschen AKW als sicher.
Dennoch bleiben die Langfristrisiken von Atomkraft hoch. Denn wie bei keiner anderen Energie kann ein einzelner Unfall extremen Schaden verursachen. Das hat die Geschichte der Atomkraft schon zweimal bewiesen: im amerikanischen Harrisburg (1979) und nur sieben Jahre später im damals noch sowjetischen Tschernobyl.
Ausstieg ist machbar, wenn auch teuer
Nun steht der Gesellschaft eine neue Risiko-Nutzen-Kalkulation ins Haus. Denn bisher steckt die Zukunft der Energieversorgung hierzulande in einem Dilemma: Der Ausbau der erneuerbaren Energien wie Solartechnik kostet immer mehr Geld. Gas allein als Atom-Ersatz wird nicht reichen, und die billige Kohleenergie gilt als zu dreckig.
Die Angst vor Atomkraft könnte die Prioritäten der Bürger verschieben. Ein Atomausstieg ist machbar, wenn auch teuer. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) hat Anfang 2011 ein Szenario vorgelegt, das den völligen Verzicht auf neue Kohle- und auf bestehende Kernkraftwerke berücksichtigt und dann eine Umstellung der Stromversorgung auf 100 Prozent Ökoenergie bis zum Jahre 2050 unterstellt. Solch ein Umbau des Stromsystems biete eine sichere Versorgung und sei bezahlbar, versicherte das Gremium unter Leitung des Münchener Rohstofftechnologie-Professors Martin Faulstich. Jeder Haushalt müsste 50 Euro im Monat für Strom zusätzlich bezahlen.
Sofortmaßnahmen
Robert Storch (RobSt)
- 13.03.2011, 10:46 Uhr
"Ich habe meine Dr. Arbeit selbst verfasst" "deutsche KKW sind sicher"
Paul Rabe (heidelpaul)
- 13.03.2011, 10:48 Uhr
Welche radioaktive Wolke?
Lothar Wölfel (LWoelfel)
- 13.03.2011, 10:49 Uhr
Ingenieure ohne Stimme
Herbert Sax (H.Sax)
- 13.03.2011, 10:52 Uhr
grüne Ideologie
Richard Löwe (RichardL)
- 13.03.2011, 10:53 Uhr
