Home
http://www.faz.net/-gqg-796z3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Nach Hollandes Rede Deutschlands nützliche Rolle für Frankreich

Buhmann für den Linksflügel der Sozialisten, Vorbild für die Gemäßigten: Wenn es ein Land wie Deutschland nicht gäbe - für Frankreich müsste man es erfinden.

© AP/dpa Vergrößern Was ist Merkel für Hollande? Nützlich, vor allen Dingen!

Mehr als zweieinhalb Stunden präsentierte sich der französische Präsident François Hollande am Donnerstag den Journalisten unter den prächtigen Kronleuchtern und Deckengemälden des Festsaales im Elysée-Palast. Viele Worte um nichts fielen dabei, wie zahlreiche Kritiker fanden. Selbst die den Sozialisten nicht abgeneigte Tageszeitung „Le Monde“ sprach von einem Präsidenten, der beim Thema Tatendrang „unfähig und unentschieden“ sei.

Christian Schubert Folgen:      

Bei der großen angesprochenen Themenvielfalt tauchte immer wieder ein Referenzpunkt auf: Deutschland. Wie fast bei jedem Presseauftritt, zollte Hollande brav den deutsch-französischen Beziehungen seinen Tribut: Ohne sie käme Europa nicht voran, das Verhältnis sei konstruktiv, Madame Merkel und er hätten immer wieder Kompromisse gefunden. „Service minimum“, nennen das die Franzosen - Mindestverpflichtung erfüllt.

Hollande spricht auch die Differenzen an

Die Zeiten haben sich geändert: Hollandes Vorgänger Nicolas Sarkozy lobte spätestens nach der ersten Hälfte seiner Amtszeit Deutschland regelmäßig über den Klee, und konnte gar nicht oft genug seine Freundschaft mit der Bundeskanzlerin herausstreichen – trotz der tatsächlich vorhandenen Spannungen. Hollande dagegen spricht die unterschiedlichen Parteizugehörigkeiten an und verschweigt dabei seine Hoffnung, dass es im September zu einem Regierungswechsel in Berlin komme. Er lobt dabei aber das Verantwortungsbewusstsein der Kanzlerin und seiner selbst. „Auf jeder Etappe haben wir eine Einigung angestrebt, und sie auch immer wieder gefunden“, sagte er gestern.

Wenn es Deutschland für Frankreich nicht gäbe, müsste man es erfinden. Deutschland spielt nämlich auch für die Sozialisten eine überaus nützliche Rolle. Für den linken Parteiflügel ist Deutschland der Buhmann, der durch die angeblich aufgezwungene Sparpolitik Europa und damit auch Frankreich in die Rezession stürze. So lässt es sich leicht von den eigenen Versäumnissen ablenken. Gerne weisen sie auch auf die in Deutschland seit den Schröder-Reformen gestiegene Ungleichheit hin. Für die moderaten Sozialisten Frankreichs dagegen dient Deutschland als Wegweiser im Bemühen um mehr Wettbewerbsfähigkeit. Die in Deutschland gesunkene Arbeitslosigkeit ist dabei die wirksamste Werbebotschaft.

Der Präsident kann sich nicht entscheiden

Frankreichs Problem ist, dass Hollande bisher zwischen diesen Linien laviert. Von einem französischen Journalisten befragt, weigerte er sich am Donnerstag ausdrücklich, als Sozialdemokrat bezeichnet zu werden. Doch er lobte die Ergebnisse der deutschen Reformen. „Man kann von ihnen halten was man will, doch sie haben die Wettbewerbsfähigkeit verbessert. Deutschland hat heute einen Außenhandelsüberschuss von 160 Milliarden Euro, Frankreich hat ein Defizit von 60 Milliarden Euro“.

Doch Hollande bringt immer auch wieder die Reizthemen für die Deutschen auf den Tisch – in der Hoffung, dass nach langem Bohren die Bretter in Berlin nachgeben. Etwa die Eurobonds oder eine europäische Wirtschaftsregierung, die einheitliche Sozialstandards in Europa bestimmen sollen. Die deutsch-französische Beziehung bleibt ein ständiges Ringen um die Durchsetzung der eigenen Politik.

Und Deutschland bleibt für Frankreich gleichzeitig Partner, Störenfried, Berater und furchteinflößender Riese in einem. Die französische Angst um den Verlust von Souveränität ist heute mehr denn je zu spüren. „Wir lassen uns von Deutschland nicht dominieren“, antwortete der französische Europa-Minister Thierry Repentin kürzlich pampig auf einen deutschen Journalisten, der zu mehr Reformwillen aufrief. Hollande versucht indes der Nation Vertrauen einzuflößen, was mitunter wie das Pfeifen im Walde klingt: „Frankreich ist eine einzigartige Nation. Sie hat den Ehrgeiz, Europa und der Welt den Weg zu zeigen - ein Ehrgeiz, der von unseren Partnern manchmal für etwas übertrieben gehalten wird. Doch Frankreich ist nicht das Problem. Frankreich ist die Lösung“, sagte er gestern vor vierhundert Journalisten aus aller Welt.

Mehr zum Thema

Quelle: FAZ.net

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ankündigung Hollandes Frankreich beteiligt sich an Luftangriffen auf IS-Miliz

Frankreich wird Luftangriffe gegen die Terrrormiliz Islamischer Staat im Irak fliegen. Das hat Präsident François Hollande angekündigt. Es werde aber keinen Einsatz französischer Bodentruppen geben. Mehr

18.09.2014, 17:39 Uhr | Politik
Der Siemens-Chef zu Gast bei Präsident Hollande

Der Siemens-Chef sprach am Montagabend persönlich bei Frankreichs Präsident Francois Hollande vor. Siemens will die Energietechnik-Sparte des französischen Industrie-Riesen Alstom übernehmen, doch damit sind die deutschen Bieter nicht alleine. Mehr

29.04.2014, 09:17 Uhr | Wirtschaft
Sarkozy kehrt in die Politik zurück Ich bin ohne Rachegeist

Nicolas Sarkozy plant eine große Reform der konservativen Partei, inklusive eines neuen Namens. Im Fernsehen teilte er außerdem gegen seine innerparteilichen Rivalen aus. Mehr Von Michaela Wiegel, Paris

22.09.2014, 10:38 Uhr | Politik
Neue Regierung in Paris

Frankreich hat eine neue Regierung. Der Generalsekretär des Élysée-Palastes verkündete, wen Präsident Francois Hollande für die Ministerposten nominiert hat. Mehr

27.08.2014, 11:44 Uhr | Politik
Besuch in Berlin Valls’ Versprechen

Bei seinem Antrittsbesuch in Berlin versucht der französische Premier Manuel Valls Angela Merkel von der Reformwilligkeit seiner Regierung zu überzeugen. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Mehr Von Klaus-Dieter Frankenberger

22.09.2014, 18:55 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 17.05.2013, 13:49 Uhr

Wen die Portoerhöhung am meisten kostet

Von Helmut Bünder

Die Deutschen schreiben immer weniger Briefe, daher regt sie die verbraucherunfreundliche Portoerhöhung kaum auf. Aber für manche kostet sie auch Millionen. Mehr 11 7


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Die Maklerschwemme

Immobilienmakler haben’s auch nicht leicht. Es gibt immer mehr davon - ihre Anzahl hat sich verdoppelt. Ihre Blüte hat erstaunliche Parallelen zum Aufstieg der Immobilienportale im Internet. Mehr 2

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden