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Veröffentlicht: 06.02.2014, 17:06 Uhr

Nach Fukushima Tepco baut neue Atomkraftwerke

Drei Jahre nach der Havarie in Fukushima kündigt die japanische Regierung den Bau mehrerer neuer Atomreaktoren an. Auch der Betreiber von Fukushima ist wieder dabei.

von , Tokio
© dpa Aufräumen in Fukushima.

Die Bilder des zerstörten Atomkraftwerks in Fukushima sind noch in bester Erinnerung, da leitet Japan mit Hochdruck den Neustart von Atomkraftwerken ein. Die Regierung will die Genehmigung für den Bau von drei neuen Atomreaktoren geben, kündigte Industrieminister Toshimitsu Motegi am Donnerstag in Tokio an. Ausgerechnet Tepco – der Betreiber des havarierten Reaktors in Fukushima, der bis heute nicht wieder vollständig unter Kontrolle ist – soll einen der neuen Reaktoren bauen. Zudem steht die Entscheidung über das Hochfahren bislang abgeschalteter Atomkraftwerke unmittelbar bevor. Eine Gouverneurswahl am Sonntag in Tokio könnte dafür zum Plebiszit werden.

Carsten Germis Folgen:

Hintergrund für den Wiedereinstieg in die Atomkraft, der besonders im atomkritischen Deutschland kritisch beäugt werden dürfte, ist massiver Druck, dem Japan durch steigende Energiekosten ausgesetzt ist. So hat zum Beispiel Tepco die Strompreise für Unternehmen um 17 Prozent erhöht. Nach dem Fukushima-Unfall hatte Japan seine Atomkraftwerke vom Netz genommen. Die riesige Energielücke schloss das Land vor allem mit Gas. Dadurch leidet das Land unter erheblichen Wettbewerbsnachteilen: Denn laut der Internationalen Energie Agentur (IEA) ist der Importpreis für Gas in Japan fünf Mal so teuer wie in Nordamerika, wo Gas durch die Fördermethode Fracking besonders günstig ist.

Die immensen Kosten für Importe von Gas, Öl und Kohle schlagen auf Japans Handelsbilanz durchs. 2013 stand unter dem Strich ein Minus von 11,5 Billionen Yen (82 Milliarden Euro), das größte Defizit seit Beginn der Aufzeichnungen. Allein die Kosten für Flüssiggasimporte stiegen im Vergleich zum Vorjahr um 17,5 Prozent, die für Rohöl um 16,3 Prozent. Sogar die Leistungsbilanz der drittgrößten Volkswirtschaft schreibt deswegen seit einigen Monaten rote Zahlen. Analysten rechnen nicht damit, dass sich das ändert, solange die Atomkraftwerke abgeschaltet sind. Kabinetts-Staatsminister Yoshihide Suga weiß, dass die rapide steigenden Kosten für die Energieimporte den Industriestandort Japan zunehmend gefährden. Die Regierung werde schnell alles tun, das Problem der hohen Energieausgaben in den Griff zu bekommen, kündigte er an.

Ein Dutzend Anträge auf Reaktoren

Konkret sollen nun zwei bereits vor der Atomkatastrophe in Fukushima geplante Anlagen in der Präfektur Aomori im Norden Japans und ein Atomkraftwerk in Shimane an der Westküste Japans nach dem Willen der Regierung fertig gebaut werden. Diese Reaktoren würden nicht als „neu“ bewertet, erklärte der Industrieminister. Die Genehmigung für die Anlagen war bereits vor 2011 erteilt worden, mit den Bauarbeiten war schon begonnen worden. In allen drei Fällen waren die Pläne nach der Havarie im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi im März 2011 aber auf Eis gelegt worden.

Die Regierung macht ihre Ankündigung, die neuen Reaktoren fertig zu bauen, ausgerechnet in einer Zeit, in der die Sicherheitsprüfungen der Atomaufsicht NRA für den Neustart abgeschalteter Atomreaktoren in der entscheidenden Phase sind. Der NRA liegt derzeit ein gutes Dutzend Anträge von Energieunternehmen vor, vom Netz genommene Reaktoren wieder in Betrieb zu nehmen. Darunter sind auch Anträge der Elektrizitätswerke von Tokio, die von Tepco betrieben werden.

Bereits kurz nach seiner Wahl Ende 2012 hatte Regierungschef Shinzo Abe die Entscheidung der Vorgängerregierung gekippt, bis 2040 aus der Atomkraft auszusteigen. Ursprünglich wollte er sein Kabinett bereits Ende Januar über den neuen Energiemix entscheiden lassen und das Ja zur Atomkraft für die kommenden Jahrzehnte festschreiben. Er hat die Entscheidung dann aber wegen der Gouverneurswahlen an diesem Sonntag in Tokio verschoben.

Diese Wahl könnte nun zu einem Plebiszit über den Kurs in der Atomkraft werden. Der populäre frühere Ministerpräsident Junichiro Koizumi und der ehemalige Regierungschef Morihiro Hosokawa hatten wenige Tage vor der geplanten Kabinettsentscheidung angekündigt, die Wahl in Tokio zur Abstimmung gegen Atomkraft machen zu wollen. Der von Koizumi unterstützte Hosokawa hat nach Umfragen aber keine Chance, mit seiner „Atomkraft-Nein-Danke“-Kampagne Gouverneur zu werden. Sollte, wie erwartet, der von Abe unterstützte Kandidat gewinnen, rechnen die japanischen Unternehmen mit einer schnellen Entscheidung Abes für den Neustart der ersten Atomkraftwerke. Noch ist keiner der 48 verbliebenen kommerziellen Atomreaktoren am Netz.

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Die Atomaufsicht spricht von mindestens sechs Monaten, die für eine gründliche Sicherheitsüberprüfung der Kraftwerke erforderlich sind. Japan hat die Anforderungen an die Sicherheit von Atomkraftwerken im Sommer vergangenen Jahres deutlich verschärft. Ein wichtiger Punkt ist in dem erdbebengefährdeten Land die Prüfung, wie sicher die Reaktoren auch bei Erdbeben sind. Vier der großen Energiekonzerne Japans haben bereits Anfang Juli, kurz nach Inkrafttreten der neuen Regeln, für zehn ihrer neueren Reaktoren Anträge gestellt. Nach den Ankündigungen der NRA über die mutmaßliche Dauer der Prüfung rechnen die Unternehmen in diesem, spätestens im kommenden Monat mit den ersten Bestätigungen, dass die Anlagen die neuen, deutlich strengeren Sicherheitsauflagen erfüllen. Die endgültige Entscheidung über den Neustart hat aber die Regierung in Tokio zu treffen.

Unter Federführung von Industrieminister Motegi arbeitet die Regierung in diesen Tagen an einem neuen, langfristigen Plan für den Energiemix Japans. Wie es heißt, soll die Atomkraft dabei bis zu 20 Prozent der Stromerzeugung abdecken. Vor Fukushima deckte die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt rund ein Drittel ihres Strombedarfs durch Atomkraft.

Quelle: F.A.Z.

 

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