Home
http://www.faz.net/-gqe-75yvq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
Risikoabsicherung

Nach Camerons Rede Was kostet die Briten die Mitgliedschaft im EU-Club?

Für Britannien ist die EU mehr eine kühle Kosten-Nutzen-Rechnung als eine emotionale Herzensangelegenheit. Pro-Kopf ist das Vereinigte Königreich der kleinste Nettozahler.

© AFP Vergrößern Wenn David Cameron 2015 wiedergewählt wird, will er über die EU abstimmen lassen.

Für Großbritannien war die Europäische Union schon immer weniger eine Herzensangelegenheit, sondern eine nüchterne finanzielle Kosten-Nutzen-Rechnung, das hat der britische Premierminister in seiner mit Spannung erwarteten Grundsatzrede klargemacht. Was aber kostet und was bringt die Mitgliedschaft im europäischen Club dem Vereinigten Königreich? Die Antwort lautet wie so oft: Es kommt darauf an. Vergleichsweise einfach ist die Kalkulation, wenn nur berücksichtigt wird, was der britische Staat an Beiträgen bezahlt und welche Leistungen das Land im Gegenzug aus den EU-Töpfen erhält, etwa in Form von Subventionen und anderen Finanzierungshilfen. Nach dieser Rechnung zählt Großbritannien zu den sogenannten „Nettozahlern“.

Marcus Theurer Folgen:  

Die Briten zahlen also mehr ein als sie zurückbekommen. Das gilt aber auch zum Beispiel für Deutschland, Frankreich und Italien. Im Jahr 2011 betrug der Nettobeitrag Großbritanniens zur EU rund 5,6 Milliarden Euro. London war damit „nur“ der viertgrößte Finanzier des Europa-Clubs nach Deutschland, Frankreich und Italien. Zum Vergleich: Berlin überwies netto 9 Milliarden Euro nach Brüssel, Paris 6,4 Milliarden Euro.

Pro-Kopf ist Britannien ein kleiner Nettozahler

Aussagekräftiger ist allerdings die Antwort auf eine andere Frage: Wie teuer ist die EU-Mitgliedschaft je Einwohner gerechnet? Denn schließlich verteilt sich der milliardenschwere EU-Beitrag in Deutschland auf 82 Millionen Bürger, in Großbritannien aber nur auf 63 Millionen Menschen. So gerechnet fahren die Briten günstiger: Unter den elf Nettozahler-Ländern leisten sie den kleinsten Europa-Obolus (siehe Grafik). Auch in Relation zur Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt) gesetzt bringen andere EU-Staaten deutlich höhere Nettobeiträge als Großbritannien auf.

Tabelle / Nettozahler und Nettoempfänger in der EU © F.A.Z. Vergrößern Großbritannien ist kleinster Nettozahler in der EU (Euro pro Kopf)

Dass die Briten in der EU zwar draufzahlen, aber das ziemlich maßvoll, liegt nicht zuletzt an der Hartnäckigkeit der „Eisernen Lady“: Die frühere Premierministerin Margaret Thatcher setzte 1984  in der damaligen Europäischen Gemeinschaft (EG) den „Britenrabatt“ durch. Seither werden Großbritannien zwei Drittel des eigentlich fälligen Nettobeitrags erlassen. „Wir wollen schlicht unser Geld zurück“, verkündete Thatcher damals und bekam ihren Willen. Jahrelang hatte sie zuvor Entscheidungen in der EG blockiert, um Druck zu machen. Vor allem die gewaltigen Agrarsubventionen der damaligen Europäischen Gemeinschaft (EG), von denen französische Bauern besonders stark profitieren, waren Thatcher ein Dorn im Auge.

Nur direkte Leistungen zu betrachten, reicht nicht

Wer nur nachrechnet, was ein Land an direkten Leistungen der EU etwa in Form von Agrarhilfen erhält, lässt freilich wichtige wirtschaftliche Faktoren außer acht. Britische Unternehmen profitieren zum Beispiel vom freien Zugang zum europäischen Binnenmarkt – und davon, dass ihre Regierung über dessen Spielregeln mitentscheiden kann. Nur sind diese Vorteile sehr viel schwerer quantifizierbar und deshalb lässt sich darüber auf der Insel auch trefflich streiten.

Mehr zum Thema

Umgekehrt gilt dasselbe für die Brüsseler „Regulierungswut“, die im liberalen Großbritannien von vielen als Standortnachteil gesehen wird. Fakt allerdings ist: Britische Wirtschaftsverbände wie die Confederation of British Industry (CBI) und große Auslandsinvestoren in Großbritannien wie die Autobauer BMW und Ford warnen die Regierung in London vehement vor einem EU-Austritt. Unter dem Strich würden die wirtschaftlichen Nachteile eines Alleingangs die Vorteile bei weitem überwiegen, warnen diese Unternehmen.

Quelle: FAZ.NET

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Margaret Thatcher Die Eiserne Margaret

Die einen bewundern Margaret Thatcher als Ikone politischer Überzeugungsstärke, die bewiesen habe, wozu eine hart zupackende Reformerin in einer erschöpften Demokratie fähig ist. Die anderen verachten sie als skrupellose Egomanin, die ihr Land mit einer Rosskur tief gespalten habe. Mehr Von Dominik Geppert

23.03.2015, 10:25 Uhr | Politik
Ukraine Auch Großbritannien schickt Militärausbilder

Großbritanniens Premierminister David Cameron verkündete, dass das Vereinigte Königreich Militärausbilder in die Ukraine schicken wird. Auch spätere Waffenlieferungen seien nicht ausgeschlossen. Mehr

25.02.2015, 11:22 Uhr | Politik
Ankündigung von David Cameron Startschuss aus der Küche des Premierministers

Warum schließt David Cameron eine dritte Amtszeit aus, bevor er die zweite sicher hat? Nun denken im Wahlkampf alle Briten an ihn. Das Schicksal zweier Amtsvorgänger hätte ihm Warnung sein sollen. Mehr Von Jochen Buchsteiner, London

24.03.2015, 16:20 Uhr | Politik
Sparpolitik Briten sind gegen den deutschen Sparkurs

In London nimmt die Kritik am deutschen Sparkurs zu: Denn die "German Austerity" gefährde die Eurozone und darunter leide auch die Wirtschaft in Großbritannien. "Die Leute verstehen Deutschland nicht", sagt Quentin Peel, Kolumnist bei der führenden Wirtschaftszeitung Financial Times. Die deutsche Wirtschaftspolitik ist aus Sicht vieler britischer Kommentatoren völlig falsch. Mehr

21.01.2015, 18:21 Uhr | Wirtschaft
Windsor Castle Der Queen droht ein Streik

Niedrige Löhne und unbezahlte Extraschichten – eine Gewerkschaft ruft Angestellte der britischen Königin zum Arbeitskampf auf. Mehr Von Marcus Theurer, London

30.03.2015, 18:33 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 23.01.2013, 13:35 Uhr

Heikle Geheimnisse

Von Joachim Jahn

Der Flugzeug-Absturz über Südfrankreich hat eine Debatte um die ärztliche Schweigepflicht entfacht. Eine Idee klingt bedenkenswert. Mehr 1 1


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Gründer auf dem Rückzug

Der Sprung in die Selbständigkeit übt hierzulande einen immer geringeren Reiz aus. Immer seltener gründen Deutsche einen eigenen Betrieb. Mehr

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden