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Müll der Welt Zum Wegwerfen

Müll überzieht den Planeten. Er liegt auf Deponien, schwebt im Weltall und schwimmt im Wasser. Das ist ein großes Problem für uns und für die Erde. Dabei ist der Abfall oft Geld wert. Auf den matschigen Pfaden des Recyclings.

© dpa Recycling: Die Erde, ein Müllberg

Ein Haufen Mist liegt vor dem Amtssitz von Herrn Mohn. Der Klärschlamm wurde schon grob gereinigt, nun wartet er auf Abholung. Obwohl es Februar ist, grünt es schon auf dem Misthaufen. „Tomaten“, sagt Ralph-Edgar Mohn. „Ihre Kerne überstehen den Darmtrakt des Menschen.“

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Vor dem Klärwerk der Stadt Offenburg im Südwesten Deutschlands keimt es auch deshalb, weil dieser Misthaufen voller Nährstoff ist: Stickstoff, Phosphor. Die essen die Leute mit dem Gemüse und Obst und scheiden sie dann wieder aus. Gerade Phosphor, das als Erz abgebaut wird und in achtzig bis hundert Jahren komplett ausgebeutet sein soll, ist wertvoll - und fließt aus den Klärwerken der zivilisierten Welt direkt in die Flüsse und Meere. Dort nützt es nur noch den Algen. Ein wertvoller Stoff wird zu - in diesem Fall unsichtbarem - Müll. Angesichts der Ressourcenknappheit, von der Politik und Experten die Münder übergehen, ist das ein unfassbarer Vorgang.

Ralph-Edgar Mohn will es ändern. Der Leiter des Abwasserzweckverbands Offenburg weiß ein Versuchsprojekt unter seiner Ägide, das seine grün-rote Landesregierung zu einer Überlebensfrage der Menschheit stilisiert. Entweder - oder. Entweder, wir schließen die Nährstoffkreisläufe, oder es gibt keine Zukunft.

23184799 Taugt die Deponie als Mine für Kupfer, Stahl und andere begehrte Materialien? Bauingenieur Dietrich Volk will mit dem Müll von gestern Probleme von … © Johannes Pennekamp Bilderstrecke 

Um Phosphor könnte es einmal Kriege geben. Das Erz wird in Afrika oder Asien gewonnen, in Europa gibt es keine Vorkommen. Dabei braucht es jede Pflanze, jeder Mensch, es ist essentiell für Tomaten und die Welternährung. Wenige Gramm scheidet ein Mensch am Tag aus. „Die Hälfte unseres Phosphorbedarfs könnte über das Abwasser gedeckt werden“, sagt Mohn. In seinem Klärwerk, das die Fäkalien von hunderttausend Menschen wäscht, läuft nun ein Versuch, der in die Zukunft weist. Offenburg will das Phosphor aus den Fäkalien seiner Einwohner wiedergewinnen und es auf die Felder bringen, als Pflanzendünger.

Seit der Mensch Rohstoffe wie Erze, Kohle, Öl und Gas aus der Erde herausholt, wachsen die Müllberge. Die Ressourcen sind die Triebkräfte des Fortschritts und Wohlstands, aber Müll hatte es vorher nicht gegeben. Alle Stoffe blieben im Kreislauf. Es gibt kein Zurück mehr. Aber vielleicht kann man ja in Zukunft alles besser machen.

Volker Preyl, Doktorand der Universität Stuttgart, hat die Offenburger Anlage mitentworfen. Mit beigen Plastikwänden steht die Anlage am Rand des Klärwerks. Durch mehrere Metallkessel läuft eine braune Suppe, Preyl gibt per Hand Magnesiumpulver hinzu. Nach vielen Stunden und der Beigabe von Zitronen- und Schwefelsäure, Energie, Wasser, Plastik kommt letztlich ein schwarzer Schlamm heraus, und wenn er getrocknet ist, kommt „MAP“ zum Vorschein, Magnesium-Ammonium-Phosphat, hervorragender Pflanzendünger.

Viele zehntausend Tonnen bester Dünger

Ähnliche Versuche laufen an vielen Orten, etwa in der Schweiz, und auch die Berliner Wasserbetriebe gewinnen Phosphor aus den Abwassern zurück. In Amerika gibt es sogar schon ein Unternehmen, Ostara, das wiedergewonnenes Phosphor verkauft. Seit gut einem Jahr ist die Anlage in Offenburg in Betrieb. Leider fördert die Pilotanlage derzeit erst dreißig Kilogramm MAP-Dünger am Tag - Marktpreis: etwa dreißig Euro. „Derzeit kosten schon die Chemikalien, die wir hinzugeben müssen, das fünf- bis Zehnfache“, sagt Volker Preyl. Aber der deutsche Klärschlamm insgesamt könnte viele zehntausend Tonnen besten Dünger im Jahr hergeben.

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