http://www.faz.net/-gqe-7434p

Monopol aus Vorkriegszeiten : Freie Fahrt dem Fernbus

Fast 80 Jahre lang hat der deutsche Staat seine Staatsbahn vor Konkurrenz durch Busse geschützt. Jetzt endet dieses Monopol - gut für alle.

          Fast 80 Jahre lang hat der deutsche Staat seine Staatsbahn vor der Konkurrenz durch Busse geschützt. Jetzt kippt die Politik das Monopol aus Vorkriegszeiten: Von Anfang 2013 an dürfen auch Busunternehmer Linienverkehr quer durch Deutschland anbieten. Bisher war ihnen das gesetzlich untersagt - von der historisch begründeten Ausnahme der Busverbindungen nach Berlin abgesehen. Der Bundesrat hat am Freitag den zustimmenden Schlusspunkt unter einen überparteilichen Kompromiss gesetzt. Geschützt wird die Eisenbahn künftig nur noch im Regionalverkehr, den der Bund jedes Jahr mit sieben Milliarden Euro subventioniert. Hier will der Staat seine teuren Zuschüsse nicht dadurch entwerten, dass Bahnkunden auf den (womöglich billigeren) Bus umsteigen. Der Bus muss daher zwischen zwei Haltestellen mindestens 50 Kilometer fahren.

          Für Pendler wird der Fernbus also kein Gewinn sein, wohl aber für Reisende, die länger unterwegs sind. Sie haben nun eine zusätzliche Option, können wählen zwischen Auto, Zug, Flugzeug - und Bus. Die Deutsche Bahn blickt dem angekündigten Eroberungszug des Fernbusses dennoch relativ gelassen entgegen - zumal sie selbst schon der größte Anbieter von Busverkehr im Land ist. Auf vielen Strecken könnte es auch für den Konzern wirtschaftlicher sein, einen Bus statt eines Zuges einzusetzen.

          Außerdem müssen sich Bus und Bahn nicht kannibalisieren. Einiges spricht dafür, dass Busnutzer eine andere Art Kunden sind als Bahnfahrer. Busfahrgäste, so zeigen Studien, bekümmert es nicht sehr, dass ihr Verkehrsmittel deutlich länger braucht als die Bahn. Sie sind nicht „zeitsensibel“, wohl aber „preissensibel“: Sie wissen es zu schätzen, dass ihr Fahrschein deutlich weniger kostet als ein Bahnticket. Insofern könnte es sein, dass nicht massenweise Bahn- zu Busfahrern werden, sondern eher Autofahrer die Pferde wechseln. Stimmte diese Umstiegsthese, ließe sich auch die Sorge entkräften, dass die Liberalisierung des Fernbusverkehrs in unnötiger Weise Verkehr von der Schiene auf die Straße verlagert und so dem Klima schadet. Weil Konkurrenz das Geschäft belebt, dürfte sich die Bahn jedenfalls jetzt noch ein wenig mehr um Pünktlichkeit und Preiswürdigkeit bemühen. Am Ende könnten vom Ende des Bahnmonopols also alle etwas haben.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Merkel im Bundestag : Ein Satz wie Blei

          Wenn es um Migration geht, bemüht die Kanzlerin stets die Unantastbarkeit der Menschenwürde. Dabei treibt sie nicht nur Multilateralismus, sondern Wiedergutmachung. Das ist Wasser auf die Mühlen ihrer Kritiker. Ein Kommentar.
          Er als erster in stillem Protest auf dem Taksim-Platz, aber er stand nicht lang allein:  Erdem Gündüz gehört zu den vierzehn Verhafteten.

          Brief aus Istanbul : Warum sind wir nicht die Besten?

          Spitzenreiter bei den Gefängnissen, unter ferner liefen bei den Universitäten: Präsident Erdogan versteht seine Türkei nicht mehr. Mit Geld kann er den Braindrain des Landes sicher nicht aufhalten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.