02.06.2008 · Der Milchboykott eskaliert und fügt der Branche inzwischen täglich einen Millionenschaden zu. Bauernverbände, Milchindustrie und Einzelhandel versuchen nun mit einem Spitzengespräch in Köln, den schon fast eine Woche dauernden Bauernausstand zu beenden.
Von Konrad Mrusek und Michaela SeiserBauernverbände, Milchindustrie und Einzelhandel haben am Montagnachmittag erstmals mit einem Spitzengespräch in Köln versucht, den schon fast eine Woche dauernden Milchboykott zu beenden, der immer mehr eskaliert und der Branche inzwischen täglich einen Millionenschaden zufügt. In mehreren Bundesländern häuften sich Blockaden von großen Molkereien, was die Gefahr von Lieferengpässen im Handel in den nächsten Tagen vergrößert hat (siehe dazu auch: In der Milchindustrie droht jetzt Kurzarbeit).
Die Bauern und die Milchindustrie forderten vom Handel eine Preiserhöhung um etwa 10 Cent je Liter. Der Einzelhandel verwies dagegen auf die seit April gültigen Verträge mit den Molkereien, die den Bauern – je nach Region – Preise zwischen 27 und 35 Cent garantierten. Das Gespräch, an dem unter anderem der Präsident des Einzelhandelsverbandes (HDE), Josef Sanktjohanser (Rewe-Gruppe), sowie Bauernpräsident Gerd Sonnleitner und der Vorsitzende der Milchviehhalter Romuald Schaber teilnahmen, dauerte bis in den Montagabend hinein. Mit schnellen Beschlüssen rechnete keine der beiden Seiten. „Das wird ein hartes Stück Arbeit“, sagte der Sprecher des Bauernverbandes (DBV). Der Verband hatte zuvor eine Vereinbarung zwischen Milchbauern und Molkereien erwirkt, wonach höhere Preise in voller Höhe den Erzeugern zugute kommen sollten.
„Wir sind bereit zu reden“
Der Handelsverband wollte vorerst nicht über Preise reden, sondern zunächst darauf drängen, dass die Bauern die Milchproduktion verringern und damit das Überangebot beseitigen, das seit Ende 2007 die zuvor deutlich höheren Preise unter Druck setzt. Die nächste, offizielle Preisrunde zwischen Handel und Milchindustrie ist eigentlich erst für Herbst 2008 vorgesehen. Ein Sprecher des Rewe-Konzerns, der Nummer Zwei im deutschen Lebensmitteleinzelhandel, zeigte sich kompromissbereit: „Wir sind trotz der bestehenden Kontrakte bereit, mit den Molkereigenossenschaften zu reden“, sagte er. Die Lieferanten hätten bisher aber nicht das Gespräch gesucht, fügte er hinzu. „Wir können nur hoffen, dass es bald eine Lösung gibt, die die Gesetze des Marktes nicht aushebelt, kartellrechtlich nicht zu beanstanden ist und zu fairen Preisen für Bauern und Verbraucher führt.“
Landwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) appellierte zu Beginn einer Sonderkonferenz mit den Agrarministern der 16 Bundesländer in Berlin an die Verbände, schnell eine Lösung zu finden. Die Politik wolle sich nicht in Preis-Gespräche einmischen, aber sie müsse eine Versorgungskrise verhindern. Seehofer hatte zuvor mehrfach die Preisforderungen der Bauern unterstützt, sich zum Boykott-Aufruf von einem Drittel der 100.000 deutschen Milchbauern aber nicht äußern wollen.
Kampfmaßnahmen eskalierten
Kurz vor Beginn der Gespräche in Köln eskalierten die Kampfmaßnahmen, weil zusätzlich zum Lieferboykott auch eine Reihe von Molkereien von Bauern mit Traktoren blockiert wurden. Solche Blockaden wurden aus mehreren Bundesländern gemeldet, wobei teilweise die Polizei eingriff. Ein Schwerpunkt der Aktionen war Bayern. Hier wurden auch große Molkereien wie Ehrmann und Müller-Milch lahmgelegt. In Bayern kam es an einigen Orten auch zu Handgreiflichkeiten zwischen Bauern, die streiken und jenen, die weiter Milch liefern wollen.
„Mehr als die Hälfte der Milch erreicht nicht mehr die Molkereien“, sagte der Geschäftsführer des Milchindustrieverbandes, Eckhard Heuser, der F.A.Z. „Wenn das so weitergeht, verlieren wir wichtige Exportmärkte, weil nur ein Drittel der Milch direkt an den Handel geht, der größere Teil aber zu Käse oder Milchpulver verarbeitet wird.“ Die Milchbauern behaupten weiter, dass der Boykott die Versorgung beeinträchtige.
„Die Kühlregale sind weiterhin voll“, versicherte dagegen der Sprecher des Einzelhandelsverbandes HDE. Ähnliches war von den Konzernen Metro (Real) und Tengelmann (Kaisers) zu hören. Der Handel deutete jedoch an, dass sich mit den Blockaden von Molkereien die Lage schnell ändern könne. Der Lieferboykott hat sich inzwischen auch nach Österreich ausgeweitet. Am Montag wurde nach Angaben der Molkereien ein Fünftel weniger Milch angeliefert. Die Organisatoren des Streiks sprachen von „mindestens 50 Prozent weniger Milch“. Der Boykott war am stärksten spürbar in den Grenzregionen zu Deutschland.
Michaela Seiser Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
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