05.11.2011 · Kostet der Mindestlohn Arbeitsplätze? Bei Friseurbetrieben wohl nicht - die Stundentarife für angestellte Friseure liegen in den meisten Ländern in unmittelbarer Nähe jener 8,50 Euro, um die sich die Debatte dreht.
Von Hendrik AnkenbrandHitzig ist die Debatte um den Mindestlohn. Schlagen wir zur Abkühlung also einmal in den Werken einer Spezies nach, die großer Emotionen unverdächtig ist: den Volkswirten. Was sagt das Lehrbuch: Kostet der Mindestlohn Arbeitsplätze oder nicht?
Erste Lektion: Ist der Mindestlohn höher als der Ursprungslohn, für den es ausreichend Arbeitsplätze gab, kommt der Geschäftsführer ins Grübeln - und ins Spiel kommt der schöne Begriff der „Elastizität“: Wie elastisch ist die Arbeitsnachfrage? Auf deutsch: Wie reagiert der nachfragende Arbeitgeber auf den steigende Preis für Arbeitnehmer? Kann er die teuren Angestellten in München und Wuppertal vielleicht einfach durch Chinesen ersetzen - oder durch Maschinen, die anstandslos das Tagwerk verrichten? Ist Schwarzarbeit eine Option? Ist die Antwort auf all diese Fragen ein kräftiges „Ja“, ist die Elastizität hoch: Die Nachfrage nach Arbeit sinkt, Arbeitslosigkeit ist die Folge.
Andererseits wäre da noch die Frage zur Elastizität der Güternachfrage: Wie reagiert der Kunde? Kann man denn alles und jedes so einfach nach China verlagern oder durch Maschinen ersetzen? Wie den Gang zum Friseur: Waschen, Schneiden, Legen? Das will wohl niemand. Die Friseurbetriebe könnten die höheren Kosten doch einfach auf die Preise für ihre Produkte umlegen, sagen also die Befürworter des Mindestlohns: Die Kunden kämen trotzdem - „Du sihst / wohin du sihst, nur eitelkeit auff erden“ schrieb der Dichter Andreas Gryphius.
Ein Blick in die Forschung zum Friseurhandwerk ergibt: Hier hat die Wissenschaft Lücken. Da hilft nur der Blick in die Empirie: In der Wirtschaftskrise hatten die Deutschen weniger Geld zum Ausgeben. Doch der durchschnittliche Erlös eines Friseurbetriebs sank 2009 im Vergleich zum Vorjahr um gerade mal 1,3 Prozent, 2010 schrumpfte er gar nur 1 Prozent. „Von der hohen Kundenakzeptanz profitieren Friseurunternehmen auch in schwierigen Zeiten“, schrieb der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks. 39,47 Euro hat die Deutsche 2010 im Schnitt pro Salonbesuch ausgegeben, die Männer lagen mit 16,15 Euro weit darunter. Das Niveau der Beträge ist seit Jahren stabil - obwohl sich in Deutschland die Billigschnippelketten vermehren wie Unkraut.
Hilft das nun weiter bei der kleinen Untersuchung? Mäßig. Dafür tut sich - ganz unverhofft - an anderer Stelle Überraschendes auf: In vielen Teilen Westdeutschlands würde ein Mindestlohn den Friseurbetrieben nicht schaden - doch hat dies weniger mit dem Preis für Dauerwelle und Strähnchen zu tun. Die Stundentarife für angestellte Friseure liegen vielmehr in den meisten Ländern bereits heute in unmittelbarer Nähe jener 8,50 Euro, um die sich die Debatte dreht. Zwar unterlaufen immer wieder große Billigketten die Tariflöhne, doch das ist meist illegal und landet vor Gericht. „Im Westen ist der Mindestlohn nicht das entscheidende Problem“, heißt es beim Friseurverband - für den Kunden im Westen muss es also nicht zwangsläufig teurer werden.
Anders sieht es in Ostdeutschland aus. Hier liegen die Löhne in vielen Gegenden deutlich niedriger - und die Konkurrenz im Gewerbe ist groß. Schwarzarbeit und Kleinstunternehmer, die - von der Umsatzsteuer entbunden - als mobiler Ein-Mann-Betrieb beim Kunden zuhause vorbeischauen, machen den Salons in Städten und Dörfern das Überleben schwer.
Wie steht es also nun um die Elastizität des Preises für Pony und Strähnchen? Ab welcher Summe gehen wir nicht mehr zum Friseur? Die Frage möge sich am besten jeder selbst stellen - und die Folge auf der Grafik ablesen: Je elastischer, also preissensibler die Nachfrage der Unternehmen nach Arbeit (von 0 bis zum höchsten Wert -1), desto weiter links kreuzt sich die blaue Linie mit dem Mindestlohn. Auf der Geraden unten abgetragen, ermittelt sich die Beschäftigung - je weiter links, desto höher die Arbeitslosigkeit.
Waschen, Schneiden, Legen
Johannes Barth (barthjohannes)
- 07.11.2011, 09:55 Uhr
Ein paar Anmerkungen zu Sättigungsgrenzen, Mindestlöhne und Elastizität
Closed via SSO (Morrissey)
- 07.11.2011, 04:26 Uhr
Bitte lesen sie sich noch einmal den Teil mit der
Nachfrageelastizität durch
Erik Staack (E_Staack)
- 06.11.2011, 13:48 Uhr
Wo liegt dann der Sinn des Ganzen?
Daniel Hirsch (dhirsch78)
- 06.11.2011, 11:36 Uhr
die schwarzarbeit gibt es so oder so
burt goldmann (dr_goldmann)
- 06.11.2011, 09:11 Uhr
Hendrik Ankenbrand Jahrgang 1978, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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