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Mikrofinanzen „Yunus ist ein bißchen marktschreierisch“

09.12.2006 ·  Mit Kleinstkrediten hilft Claus Peter Zeitinger Armen aus finanziellen Engpässen. Nicht als Wohltäter, sondern als Geschäftsmann. Mit deftigen Thesen gegen Nobelpreisträger Yunus, der an diesem Sonntag seinen Preis erhält, geht er nicht gerade sparsam um.

Von Nadine Bös
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Claus Peter Zeitiger läßt sich nur ungern mit Muhammad Yunus vergleichen, auch wenn er einen ganz ähnlichen Beruf hat. Zeitinger ist der Chef von 19 Banken, die Mikrokredite für arme Bevölkerungsschichten anbieten - in Afrika, Südamerika und Osteuropa. Doch anders als Yunus macht er ordentlich Gewinn mit seiner Bankengruppe „Pro Credit“. Den Vergleich mit dem Volkswirt aus Bangladesh, der an diesem Sonntag den Friedensnobelpreis erhält, scheut der Frankfurter Banker weniger aus Bescheidenheit. Zeitiger will für eine andere Philosophie stehen.

„Es ist ok, wenn der Friedensnobelpreis für so etwas verliehen wird“, sagt er. Die Methode, mit der Yunus Kredite an die Armen vergibt, hält er allerdings für längst nicht mehr zeitgemäß. „Was die Grameen Bank macht ist nicht nachhaltig, es ist sogar ziemlich ineffizient“, glaubt Zeitinger. Yunus selbst hält er für „ein bißchen marktschreierisch“.

„Permanent am Staatstropf hängen nur die wenigsten“

Harte Thesen. Doch in der Tat hat sich seit Gründung der Grameen Bank 1976 einiges getan und Zeitinger ist nicht der einzige, der Yunus' Ansatz für ein wenig antiquiert hält. Aus der Idee des frischgebackenen Nobelpreisträgers ist inzwischen ein beachtlicher Markt für Finanzdienstleistungen entstanden, der die Armen als Zielgruppe hat. Ein Markt jenseits von Halblegalitäten, Dorfwucherern und astronomischen Zinsen. Ein echter Markt mit Banken, Versicherungen, Fonds, Beratern und allem was dazugehört.

Die allermeisten Mikrofinanzinstitutionen verdienen nach Aussage der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) inzwischen genügend Geld, um sich selbst zu tragen oder gar Gewinne abzuwerfen. „Fast alle sind natürlich auf staatliche Anschubfinanzierung angewiesen“, sagt Gabriela Braun, Leiterin des Bereichs Finanzsystementwicklung bei der GTZ. „Aber die moderne Art, Mikrokredite anzubieten ist, daraus ein nachhaltiges Geschäft zu machen. Permanent am Staatstropf hängen nur die wenigsten.“

Kein „Päppler der Armen“

Bei Zeitinger ist es ganz ähnlich gewesen: Seit Gründung seiner Bankengruppe vor acht Jahren hat er rund 50 Millionen an staatlichen Subventionen einkassiert. Inzwischen aber sind 18 seiner 19 Banken profitabel. Und darauf ist er ganz schön stolz. In jedem zweiten oder dritten Satz benutzt Zeitiger das Wort „Effizienz“. Wäre da nicht sein Outfit - verwaschene Jeans und weit aufgeknöpftes Hemd - man würde ihm nicht abnehmen, daß er sich als alternativen Alt-68er einschätzt.

Er wehrt sich dagegen, daß manche Leute ihn als „den Päppler der Armen“ sehen. Zeitinger ist nicht wohltätig, er ist Geschäftsmann, „und wenn beim Geschäftemachen was Wohltätiges rauskommt, umso besser“. Der Markt, der könne das schon ganz gut, glaubt der Banker, und warum die Armen vom Markt für Finanzdienstleistungen ausgeschlossen bleiben sollten, nun, das muß ihm erst mal einer plausibel erklären.

Zinsen im Schnitt bei 20 Prozent

Die tatsächliche Größe der Branche ist schwer zu beziffern, da viele Klein- und Kleinstorganisationen statistisch nicht erfaßt werden. Die Consultive Group to Assist the Poor (CGAP) spricht von mehr als 2700 bekannten Mikrofinanzinstitutionen weltweit. Weniger als die Hälfte dieser Anbieter berichtet über ihre Kundenzahlen: 94 Millionen Menschen haben demnach im Jahr 2004 Mikrokredite in Anspruch genommen. Wenn es um das Kreditvolumen geht, das in Form von Klein- und Kleinstkrediten weltweit im Umlauf ist, tappen die Statistiker noch stärker im Dunkeln. Daten existieren gerade mal über 556 Anbieter, das ist etwa ein Fünftel der tatsächlich existierenden Mikrokrediteinrichtungen, berichtet CGAP-Sprecherin Jeanette Thomas. Diese 556 Mikrofinanzinstitutionen hatten im Jahr 2005 ein Kreditvolumen von etwa 13,4 Milliarden Dollar in den Büchern stehen.

Pro Person gerechnet machen die Kleinstkredite aber häufig ihrem Namen alle Ehre. Nach Angaben der GTZ hat der durchschnittliche Pro-Kopf-Mikrokredit in Lateinamerika eine Höhe von 885 Dollar, in Zentralafrika sind es 487 Dollar und in Asien sogar nur 275 Dollar. Zeitingers Kredite sind tendenziell nicht ganz so „mikro“. Pro Credit finanziert nicht nur die Kleinen und Kleinsten, sondern oftmals auch den Mittelstand - die Kreditsummen erreichen teilweise bis zu 20.000 Dollar. Die Zinsen sind durchaus saftig: Der durchschnittliche Satz liegt bei etwa 20 Prozent . „Dafür muß ich mich nicht schämen“, sagt Zeitinger. „Damit bin ich immer noch wesentlich günstiger als die Geldverleiher vor Ort.“

Schulden bis über beide Ohren

Längst ist das Geschäft mit den Armen auch für etablierte Geschäftsbanken interessant geworden. „In den Industrieländern ist das meist ein eher unprofitabler Zusatzbereich, mit dem die Banken versuchen ihr Image aufzupolieren“, sagt Gabriela Braun von der GTZ. „Lokale Geschäftsbanken in Entwicklungs- und Schwellenländern steigen aber teilweise massiv ins Mikrokredit-Business ein.“ In Peru beispielsweise gebe es Banken, die ohne diesen Zweig gar kein Bein mehr auf den Boden bekämen.

Ein Musterbeispiel, aber nicht immer verallgemeinerbar, glaubt Gabriela Braun. Daß Kredite für arme Bevölkerungsschichten nicht immer nur zu positiven Ergebnissen führen, zeigte beispielsweise im Jahr 2005 ein kollektiver Selbstmord mehrerer indischer Mikrokreditempfänger im Staat Andhra Pradesh. Zwar konnte nie zweifelsfrei geklärt werden, daß ihr Freitod mit den Darlehen in Zusammenhang stand. Doch waren sie alle Kreditnehmer von Kleinstkreditinstitutionen und steckten bis über beide Ohren in Schulden.

Liebäugeln mit Paketlösungen

„Kredite sind ja nicht von vorn herein etwas Gutes“, sagt Gabriela Braun. „Daß Kredit ein Menschenrecht sein sollte ist schnell dahergesagt, aber Schulden sind Schulden und als solche auch eine hohe Belastung“. Die GTZ plädiert deshalb dafür, ganze Hilfspakete anzubieten; beispielsweise Kredite mit Versicherungen oder Bildungsmaßnahmen zu verbinden.

Zeitinger sieht das pragmatischer: Verzweifelte Selbstmorde - so etwas könne bei Pro Credit gar nicht erst passieren: „Wir arbeiten effizient, unsere Angebote sind fair und unsere Kunden zufrieden,“ sagt er. Wenn es der vielbeschworenen Effizienz nützt, liebäugelt aber auch Zeitinger mit Paketlösungen. Längst bietet er neben Krediten auch Sparverträge für arme Bevölkerungsschichten an - das Kindersparschwein zum Weltspartag inklusive. Demnächst will er in das Geschäft mit Mikrokrankenversicherungen vordringen. Dafür führt er schon eifrig Gespräche mit einem großen deutschen Versicherer, der als Partner mit einsteigen könnte.

So erfolgreich er auch ist, so unangenehm bleibt es Zeitinger mit dem aktuellen Nobelpreisträger in einem Atemzug genannt zu werden. Mit Recht, glaubt Gabriela Braun. „Yunus' Verdienst bewegt sich in einer ganz anderen Liga“, sagt sie. „Seine Idee war der erste Baustein für einen Markt, der heute nicht mehr wegzudenken ist.“ Yunus habe den Menschen die Augen dafür geöffnet, daß auch Arme ein Finanzwesen benötigen und daß sie damit verantwortungsvoll umgehen können. Auch wenn das moderne Mikrofinanzwesen teilweise andere Ansätze verfolgt, „Yunus war der Urheber, der diese Branche überhaupt erst populär gemacht hat.“ Mit dieser Auffassung ist sie sich ziemlich einig mit Zeitinger: „Den Nobelpreis habe ich nun wirklich nicht verdient“, sagt er. „Und das ist auch gut so.“

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Jahrgang 1980, Redakteurin in der Wirtschaft.

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