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Wann lohnt sich Migration? : Wir brauchen Zuwanderer, aber die richtigen

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Tatsächlich vollzieht sich der weitaus größte Teil der EU-Binnenwanderung nach Deutschland in den Arbeitsmarkt und nicht in die Sozialsysteme. Die Zuzugsbewegung hat erst mit dem anhaltenden Aufschwung am deutschen Arbeitsmarkt an Fahrt aufgenommen, und die Beschäftigtenquoten der neu zugewanderten EU-Bürger sind hoch, auch bei den häufig der Armutszuwanderung verdächtigten Zuwanderern aus Bulgarien und Rumänien.

Das heißt nicht, dass alles in bester Ordnung ist. Viele der zugewanderten EU-Bürger arbeiten unter ihrer Qualifikation. Produktivitätspotentiale werden verschenkt. Und auch das Verteilungsproblem durch geringqualifizierte Einheimische, die gefährdet sind, von geringqualifizierten Zuwanderern verdrängt zu werden, darf nicht aus dem Blickfeld geraten.

Es mangelt an der Willkommenskultur

Definitiv ist Deutschland bei der Gewinnung von Fachkräften aus dem außereuropäischen Ausland noch viel zu wenig erfolgreich. Dies liegt aber weniger am rechtlichen Rahmen. In der Arbeitsmigrationspolitik hat sich nämlich, von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, ein Paradigmenwechsel vollzogen. Seit der Ergänzung des Aufenthaltsgesetzes 2012 zählt Deutschland nach Einschätzung der OECD international zu den Ländern, die für die Zuwanderung von Hochqualifizierten am weitesten geöffnet sind.

Zudem hat sich die Politik vom Grundsatz „keine Zuwanderung von Nichtakademikern“ verabschiedet. Für beruflich Qualifizierte existieren nun Positivlisten von Engpassberufen und keine Quotierungen. Für den Misserfolgsfall wird Vorsorge getroffen, indem der längere Aufenthalt in Deutschland an den Nachweis eines adäquaten Arbeitsplatzes gebunden ist.

Damit existiert zur Steuerung qualifizierter Zuwanderung in den Arbeitsmarkt bereits ein durchaus sinnvolles Mischsystem aus arbeitsvertrags- und humankapitalorientierten Elementen, wie es auch Länder mit Punktesystemen, auf die jetzt gern als Vorbild verwiesen wird, mittlerweile praktizieren. Dass dennoch nur so wenige Fachkräfte von außerhalb der EU zu uns kommen, liegt an anderen Hürden.

Zuwanderung kann Deutschland auch Gewinn bringen

Dazu gehören die geringe Verbreitung von Deutsch als Fremdsprache, schlechte Information über die Zuwanderungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten, eine hohe Steuer- und Abgabenbelastung im Mittelstand und eine unterentwickelte Willkommenskultur. Damit Deutschland als Zielland für Fachkräfte attraktiver wird, vor allem für Nichtakademiker mit gesuchten beruflichen Qualifikationen, muss die Politik also weitaus mehr anpacken als das Zuwanderungsrecht.

Bei der Bewertung der Zahlen zur geringqualifizierten Neuzuwanderung darf nicht vergessen werden, dass dabei auch Menschen mitgerechnet sind, die Deutschland aus humanitären Gründen aufnimmt. Bei anerkannten Asylbewerbern und Flüchtlingen lässt sich die Qualifikation selbstverständlich nicht nach wirtschaftlichen Kriterien auswählen. Weil sich ihr Aufenthalt aber oft verfestigt, ist es dafür um so wichtiger, diese Zuwanderergruppe bei der Integration zu unterstützen.

Die Vermittlung der deutschen Sprache, von beruflichen Qualifikationen und interkulturellen Kompetenzen sind entscheidend, um die Arbeitsmarktchancen zu erhöhen und den Zugang zur deutschen Gesellschaft zu finden. Auf diese Weise kann auch diese Zuwanderung für Deutschland letztlich wirtschaftlich gewinnbringend werden. Mit entsprechenden Investitionen sollte daher möglichst rasch begonnen werden.

Holger Bonin ist Leiter des Forschungsbereichs Arbeitsmärkte und Soziale Sicherung am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW).

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