11.08.2006 · Über Jahrzehnte zog es nur Hippies, Entwicklungshelfer und Missionare nach Indien. Nun aber stellen indische Softwaregiganten Zehntausende Hochschulabgänger jährlich ein. Das niedrige Lohnniveau macht die neuen Stellen nur für Inder interessant.
Von Christoph Hein, Singapur, BombayMiss Ragna hat heute einen schlechten Tag. Sie verschanzt sich hinter ihrem Schreibtisch an der Rezeption der indischen High Commission in Singapur. "Informationen zur Einwanderung nach Indien? Sie meinen, Sie wollen sich dort niederlassen? Als Deutscher?" Das Ja will sie schon nicht mehr hören. "No way", ist ihr kurzer Bescheid. "Sie müssen dort mindestens fünf Jahre arbeiten, bevor Sie eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung bekommen."
Gibt es vielleicht eine Broschüre, eine Internetseite, mit Hinweisen? "Eine Broschüre haben wir nicht. Die Website finden Sie im Netz. Sie müssen googeln." Danke und aus. Miss Ragna wendet sich wieder ihrer Kollegin zu.
Traditionelles Ziel für Hippies, Entwicklungshelfer und Missionare
Über Jahrzehnte zog es nur Hippies, Entwicklungshelfer und Missionare nach Indien. Ein paar Wissenschaftler und die weitgereisten Köche und Hotelmanager gesellten sich in dem Maße hinzu, in dem sich das Land in den neunziger Jahren der Welt öffnete. Nun aber stellen indische Softwaregiganten wie Infosys, Wipro oder TCL Zehntausende Hochschulabgänger jährlich ein. Bis 2012 werden Indiens Softwareindustrie 262000 Mitarbeiter fehlen, hat der Industrieverband berechnet. Sollte das nicht auch für Deutsche interessant sein? Bislang wohl nicht.
"Eine Völkerwanderung ist nicht auszumachen. Es gibt nur vereinzelt Menschen, die rübergehen. Das sind meist solche, die in Deutschland wenig Chancen haben. Wir haben vielleicht zehn oder zwölf Anfragen im Monat", sagt Dirk Matter, Geschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer in Düsseldorf. Einer der Deutschen hat in Delhi ein Ingenieurbüro aufgemacht, ein Geschwisterpaar in Bangalore eine Lounge eröffnet, ein Berliner eine Tauchschule auf den Andamanen.
500 Euro im Monat
Daß nun aber die Softwarekonzerne von Ausländern gestürmt würden, ist ein Märchen. "Denjenigen, die in IT-Firmen arbeiten wollen, raten wir grundsätzlich ab. Für 500 Euro im Monat kann ein Deutscher in Indien kaum überleben. Sie brauchen mindestens eine private Zusatzkrankenversicherung", sagt Matter. Doch steigen die Wünsche, im "Wunderland Indien" ein Praktikum machen zu wollen.
"Indien macht sich anscheinend in einem Lebenslauf gut. Die Zahl der echten Arbeitsverhältnisse mit Arbeitsvisum ist aber noch immer gering", sagt Bernhard Steinrücke, Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer in Bombay. Bei der Walldorfer SAP AG, die bis zum Jahresende 750 neue Stellen in Indien schaffen will, ist nur ein Fall aktenkundig, daß sich eine Deutsche zu indischen Konditionen einstellen lassen wollte - und dies nur für ein Jahr nach dem Studium.
Zehnstundentag und 21 Tage Jahresurlaub
Unternehmen wie etwa Evalueserve in Gurgaon bieten auch jungen Ausländern für wenig Geld eine Einstiegschance in den Arbeitsmarkt. Der Anbieter von Analysen und Marktstudien für Unternehmen profitiert von den Sprachfähigkeiten und den Erfahrungen, die die Hochschulabgänger mitbringen. Auch Infosys, Indiens führender Informationstechnologie-Konzern, bietet Programme für ausländische Studenten an. Ob sich die harte Arbeit - 10 Stunden am Tag bei 21 Tagen Urlaub sind die Regel - für ein Minigehalt aber als "Job-Rakete Indien" erweist, wie es inzwischen in einigen Medien heißt, ist offen.
Abschreckend wirken nicht nur Armut, gesundheitliche Bedingungen oder die Monsunzeit, sondern in erster Linie die aus deutscher Sicht niedrigen Gehälter. Zwar steigen sie in der Informationstechnologie jährlich um etwa 10 Prozent. Auch sind für diejenigen, die über ein Praktikum hinaus in Indien bleiben, die Entwicklungschancen gut - Karrieren werden schnell gemacht.
Doch wirkt schon der Steuersatz abschreckend: In Indien liegt die Spitzensteuer bei gut 30 Prozent, greift aber schon ab einem Gehalt von umgerechnet etwa 2000 Euro. Da ist fraglich, ob genug übrigbleibt, um die Rentenversicherung weiter zu bezahlen, den Rückflug zur goldenen Hochzeit der Eltern, den Krankenhausaufenthalt mit westlichem Standard, das Abendessen dann und wann in den Nobelrestaurants an der Seite der Entsandten westlicher Konzerne.
"Die deutschen Firmen neigen sogar dazu, weniger Entsandte zu beschäftigen und die reichlich vorhandenen und qualifizierten Inder insbesondere aus Kostengründen vorzuziehen", sagt Steinrücke. Selbst Entsandte, mehr oder weniger gut abgesichert mit einem Paket deutscher Sozialleistungen, Mietzuschuß und Auslandszulage, tun sich sehr schwer, will ihr Arbeitgeber sie auf den Subkontinent schicken. So geht bei Daimler-Chrysler in Stuttgart die Sorge unter hochqualifizierten Mitarbeitern um, an den Entwicklungsstandort Bangalore versetzt zu werden.
Hohe Hürden für Einwanderer
Genaue Zahlen über die Einwanderer gibt es nicht. Deutsche, die sich in Indien aufhalten, sind nicht verpflichtet, sich bei der Botschaft oder einem der Konsulate zu melden. Die Folge: In den Hippie-Orten in Goa oder den Ashrams in Pondicherry oder Pune leben und arbeiten zahlreiche Ausländer aus dem Westen, die bei keinem ihrer Konsulate gemeldet sind. Allerdings sind diese Kommunen Ausnahmen. Die Kommunarden arbeiten für sehr wenig oder gar kein Geld, sind meist Selbstversorger, verfügen entweder über eine Absicherung wie ein Erbe in der Heimat oder aber haben so geringe finanzielle Ansprüche, daß sie oft auch auf die Sozial- und Krankenversicherung verzichten.
Die Hürden für eine Einwanderung liegen hoch. Neben dem Touristenvisum und einigen Spezialvisa etwa für Missionare gibt es vier verschiedene Kategorien für Studenten, Konferenzteilnehmer, Angestellte und Geschäftsleute. Letzteres ist für ein Jahr gültig, erlaubt aber mehrfache Ein- und Ausreisen. Es ist ein offenes Geheimnis, daß die meisten Geschäftsleute mit einem deutlich billigeren Touristenvisum einreisen. Dadurch wird die indische Tourismusstatistik stark verfälscht, sagen Fachleute.
Beschäftigte, in der Regel also Entsandte ihrer Unternehmen, brauchen von diesen Bestätigungsbriefe. "Der Knackpunkt ist der gültige Arbeitsvertrag - mit dem in der Hand wird man praktisch nie zurückgewiesen", sagt Matter. Noch höher liegen die Hürden für eine Naturalisierung, den Erhalt der "Indian Citizenship". Nicht-Inder können sie durch Heirat erwerben, wenn sie seit mehr als sieben Jahren in Indien leben. Ohne Heirat muß der Antragsteller mehr als zwölf Jahre in Indien gelebt haben.
Gewachsene Nähe mit Amerika
Viel weniger Berührungsängste als Deutsche haben Amerikaner mit Indien. Das mag an der inzwischen gewachsenen Nähe zwischen beiden Ländern liegen: IBM Corp. kündigte im Juni an, ihre Investitionen in Indien innerhalb von drei Jahren auf 6 Milliarden Dollar zu verdreifachen. Microsoft und Intel Corp. hatten schon vor Monaten erklärt, 1,7 beziehungsweise eine Milliarde Dollar auf dem Subkontinent investieren zu wollen. Schon jetzt beschäftigt IBM in Indien 43.000 Mitarbeiter, Oracle fast 10.000.
Rund 800.000 qualifizierte Arbeitsplätze für Programmierer, Buchhalter, Analysten und Telefonberater haben amerikanische Firmen allein im vergangenen Jahr nach Indien verlagert. Wenn aber die Mitarbeiter täglich mit dem Kollegen in Indien telefonieren, wenn sie selber ab und an nach Bombay oder Bangalore fliegen, dann verlieren sich Berührungsängste. 1157 Amerikaner studieren inzwischen an indischen Universitäten, 80.466 Inder an Hochschulen in den Vereinigten Staaten. Ihre Zahl steigt um etwa 10 Prozent jährlich. Infosys, das Aushängeschild der indischen Software-Industrie, holte gerade 126 Hochschulabgänger von 82 amerikanischen Universitäten nach Indien.
Allmählich mehr Rechte für Auslandsinder
Wer heute aus Amerika aber für lange Zeit nach Indien geht, ist in der Regel indischer Abstammung. Zwei Gründe für die Rückkehr stehen im Vordergrund: Die in Indien so wichtige Nähe zur Familie. Und die Chance, sich in Indien das aufbauen zu können, von dem man in Amerika nur träumt. Der Staat erfaßt die im Ausland lebenden Inder als NRI (non-resident Indian). Allein in der Computer-Metropole Bangalore sollen inzwischen 35000 heimgekehrte NRI leben. Nach jahrelangem Ringen bekommen sie nun mehr Rechte eingeräumt, da die Regierung endlich erkannt hat, welches Kapital die Auslandsinder darstellen. Allein 2005 überwiesen sie rund 20 Milliarden Dollar in die Heimat.
Das OCI-Programm ("Overseas Citizenship of India"), gerichtet an eine oft hochqualifizierte Diaspora, die gut 20 Millionen Köpfe zählt, erlaubt nun unbeschränkte Ein- und Ausreise sowie den Erwerb von Land und Immobilien. Es verweigert aber weiterhin das Wahlrecht und die politische Karriere im Vaterland.
Strike Familienregeln
Die gesellschaftliche Debatte in Indien kreist vor allem darum, wie die Heimkehrer integriert werden können - für Fremdenangst oder Sorge vor einem zu starken Zuzug ist es noch viel zu früh. Trotz des verbreiteten Hindu-Nationalismus ist die Gesellschaft relativ offen für diejenigen Ausländer, die sich der Kultur anpassen und Geld mitbringen.
Schwer aber fällt es Menschen aus dem Westen, etwa mit den strikten Familienregeln klarzukommen - das Ausgehen nach der Arbeit mit der Kollegin ist in Indien undenkbar. Das Land der vielen Sprachen, Religionen, Stämme und Kasten begreife sich pragmatisch eher als "Salatschüssel" denn als "Schmelztiegel", sagt Ashutosh Varshney, indischer Politologe an der Universität Michigan.
Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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