Home
http://www.faz.net/-gqg-t1o4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Migration nach Maß (6) In Kanada werden die Arbeitskräfte knapp

11.08.2006 ·  Kanada nimmt Einwanderer großherzig auf. Mit Sprachschulungen und Zugang zum Gesundheitswesen sollen sie integriert werden. Aus gutem Grund: Die Gastarbeiter und Einwanderer sollen die Wirtschaft voranbringen.

Von Claus Tigges, Washington
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

"Nicht ein Tag ist seit meinem Amtsantritt vergangen, an dem ich nicht davon gehört hätte, daß ein Mangel an verfügbaren Arbeitskräften das kanadische Wachstum aufzuhalten droht. Wir leiten nun die ersten Schritte ein, um diesem Mangel abzuhelfen." Das sagte jüngst der kanadische Einwanderungsminister Monte Solberg, als er die Schaffung zweier Vermittlungszentren für hochqualifizierte ausländische Gastarbeiter ankündigte. Die Zentren, eines in Calgary und eines in Vancouver, werden von September an Unternehmen auf ihrer Suche nach gut ausgebildeten Fachkräften aus dem Ausland unterstützen und Dokumente prüfen, die zur Erteilung einer befristeten Arbeitserlaubnis notwendig sind.

Die Bemühungen der Anfang des Jahres neu gewählten konservativen Regierung um Premierminister Steven Harper kommen nicht von ungefähr: Die Lage auf dem kanadischen Arbeitsmarkt ist nach Jahren des kraftvollen Wirtschaftswachstums angespannt. Daran ändert auch die leichte Beruhigung in den vergangenen Wochen nichts. Im Mai und Juni wurde die Arbeitslosenquote mit 6,1 Prozent berechnet, dem geringsten Niveau seit 32 Jahren. Die Stundenlöhne sind in den vergangenen zwölf Monaten um durchschnittlich 3,7 Prozent geklettert, deutlich schneller als die Verbraucherpreise, die um 2,5 Prozent stiegen. Die Vermittlung von Gastarbeitern ist ein Mittel, um die hohe Nachfrage nach Arbeitskräften zu befriedigen. Das gilt insbesondere für die Provinz Alberta, deren Wirtschaft aufgrund der dortigen Ölvorkommen boomt und die mit 3,6 Prozent die niedrigste Arbeitslosenquote in Kanada aufweist.

Vielseitige Ausländer haben besser Chancen

Kanada zählt traditionell zu den aufnahmefreundlichsten Ländern in der Welt. Ganz ähnlich wie in den Vereinigten Staaten haben Einwanderer seit Jahrhunderten seine Gesellschaft und Kultur geprägt. Zwar wurden über die meiste Zeit des vergangenen Jahrhunderts die Einwanderung streng gehandhabt und keine Immigranten zugelassen, die nicht aus Europa stammten. Eine Reform des Einwanderungsgesetzes 1976 aber hob diese ethnischen Beschränkungen auf. Seither kommen Menschen aus aller Welt nach Kanada, um dort ein neues Leben zu beginnen, insbesondere aber aus asiatischen Ländern wie China, den Philippinen und Indien. Auch Pakistan, Iran, Großbritannien und die Vereinigten Staaten stehen auf der Liste der Herkunftsländer weit oben. In den vergangenen zehn Jahren erhielten jeweils rund 200000 Ausländer die Permanent Resident Card (PRC), eine unbefristete Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. In diesem Jahr sollen es mindestens wieder ebenso viele sein.

Kanada unterscheidet in seiner Einwanderungspolitik grob drei Kategorien: Das größte Kontingent von PRC wird an jene Ausländer ausgegeben, die der kanadischen Wirtschaft von Nutzen sein können. Die Auswahl stützt sich auf Kriterien wie den Bildungsstand, Berufserfahrung und Sprachkenntnisse (Englisch oder Französisch) der Bewerber. Weil auch in Kanada das Produzierende Gewerbe an Bedeutung verliert, haben Ausländer mit Fähigkeiten, die auf eine größere Zahl von Beschäftigungen anzuwenden sind, bessere Aussichten als Fachkräfte für bestimmte Tätigkeiten. Auf diese Klasse entfällt rund die Hälfte aller jährlich vergebenen PRC.

Kanada ist an erfolgreichen Unternehmern interessiert

Die zweite Kategorie der Aufenthaltserlaubnisse dient der Familienzusammenführung. Dabei handelt es sich vor allem um Ehepartner und Kinder von Ausländern, die sich bereits mit einer gültigen PRC in Kanada aufhalten. Die kleinste Gruppe von Immigranten sind die Flüchtlinge. "Die kanadische Einwanderungspolitik ist so ausgerichtet, daß die Wirtschaftsimmigranten das Wachstum anheizen und damit die Kosten ausgleichen, die die übrigen Einwanderer verursachen", erläutert Don De Voretz, Ökonom und Migrationsforscher an der Simon-Fraser-Universität in Burnaby in British Columbia.

Mit diesem Grundsatz zu vereinbaren ist auch der Umstand, daß Kanada neben qualifizierten Arbeitnehmern auch Geschäftsleuten einen Weg zur Einwanderung bietet. "Kanada ist an der Einwanderung von erfolgreichen Unternehmern interessiert, die mit ihren Fähigkeiten und ihrem Know-how einen Beitrag zum wirtschaftlichen und kulturellen Wohl Kanadas sowie zur Schaffung neuer Arbeitsplätze leisten", heißt es vom kanadischen Außenministerium. Dementsprechend haben sowohl Investoren als auch Unternehmer und Selbständige unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit, eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis zu bekommen.

Anforderungen an die Einwanderer

Investoren beispielsweise müssen nicht nur nachweisen, daß sie auf legalem Weg ein Vermögen von mindestens 800 000 kanadischen Dollar (rund 556 000 Euro) angehäuft haben; sie müssen auch 400 000 kanadische Dollar an die Regierung bezahlen, die das Geld zu Zwecken der Wirtschaftsförderung und zur Schaffung von Arbeitsplätzen an verschiedene Provinzen verteilt. Nach ungefähr fünf Jahren erhält der Investor sein Geld zurück - unverzinst. Unternehmer müssen unter anderem innerhalb der ersten drei Jahre mindestens eine Vollzeitstelle für einen Kanadier oder Inhaber einer PRC für die Dauer von mindestens einem Jahr schaffen.

Kanada stellt zwar eine Reihe von Anforderungen an seine Einwanderer, nimmt sie aber dann großherzig auf: Immigranten erhalten Sprachschulungen und Zugang zum staatlichen Gesundheitswesen und den Sozialversicherungen. Die Krankenversicherung ist zwar ein staatliches Programm, sie wird aber von den Provinzen organisiert. Einige Provinzen verlangen einen geringen monatlichen Beitrag über den Steueranteil hinaus. Inhaber einer PRC in British Columbia, Ontario, Quebec und New Brunswick haben erst nach drei Monaten Anspruch auf Mitgliedschaft in der gesetzlichen Krankenversicherung. Diese Zeit müssen sie mit Hilfe einer privaten Versicherung überbrücken.

Einwanderer finden schnell eine Beschäftigung

Nicht ohne Sorge verfolgt die Regierung in Ottawa Berichte darüber, daß einige Einwanderer seit den neunziger Jahren nicht mehr an die wirtschaftlichen Erfolge der Immigranten aus den achtziger Jahren anknüpfen konnten. Rund 340000 Immigranten, so schätzt die kanadische Analysegesellschaft Conference Board, arbeiten in Tätigkeiten, die unterhalb ihres Qualifikationsniveaus liegen. Dadurch entgingen ihnen rund 4 Milliarden Dollar an Löhnen und Gehältern jährlich. "Das Problem reicht wahrscheinlich tiefer als nur bis zu einem Mißverhältnis der Qualifikationen", vermutet Elisabeth Smick vom Council on Foreign Relations in New York, die die Einwanderungspolitik Kanadas kürzlich genauer untersucht hat. Sie verweist auf Daten des nationalen Statistikamtes, wonach das Einkommen von in Kanada geborenen Einwandererkindern tendenziell höher liegt als das ihrer Eltern; das treffe aber vor allem auf Immigranten europäischer Herkunft zu.

Nichtweiße Kanadier hätten zweimal häufiger als Weiße ein verhältnismäßig niedriges Einkommen, sagt Smick. Zuversichtlich stimme allerdings, daß in der zweiten und dritten Generation Einwanderer über einen mindestens durchschnittlich hohen Bildungsstand und dementsprechend über dieselben Einkommenschancen verfügten wie alle anderen Kanadier. Generell gilt, daß Einwanderer relativ schnell eine Beschäftigung finden. Rund 70 Prozent von ihnen finden innerhalb des ersten halben Jahres einen Arbeitsplatz. Mehr als die Hälfte der Einwanderer hat zwei Jahre nach der Einreise mindestens 80 Wochen lang einen Job gehabt.

Öffentliche Diskussion um Terrorgefahr

Ebenso wie in den Vereinigten Staaten, ist es kanadischen Unternehmern verboten, illegale Einwanderer zu beschäftigen. Es drohen hohe Geld- und Gefängnisstrafen. Allerdings findet eine Kontrolle durch die Behörden - auch dies eine Parallele zu Amerika - nur in wenigen Fällen statt. Das Problem illegaler Immigranten ist in Kanada gleichwohl nicht annähernd so groß wie in den Vereinigten Staaten. Schätzungen zufolge befinden sich rund 200 000 Ausländer ohne eine gültige Aufenthaltserlaubnis in Kanada. In Kanada leben derzeit offiziell rund 32,5 Millionen Menschen. In Amerika, wo offiziell fast 300 Millionen Menschen leben, beträgt die Zahl der Illegalen zwischen 11 und 12 Millionen.

Die öffentliche Diskussion über die Einwanderungspolitik, die in diesen Wochen in Kanada geführt wird, dreht sich vor allem um die Gefahren des Terrorismus. Im Juni wurde in Toronto eine mutmaßliche Zelle der Terrororganisation Al Qaida ausgehoben. "Unsere Politik der Masseneinwanderung hat dazu geführt, daß wir keine Kontrolle mehr über jene Immigranten haben, die möglicherweise unsere nationale Sicherheit bedrohen", sagt Martin Collacott vom liberalen Fraser Institute, einem Think Tank in Vancouver. Kanada müsse nicht nur schärfer darüber wachen, wen es ins Land lasse, sondern auch mögliche Quellen des Terrorismus in Kanada genauer beobachten, insbesondere unter den Muslimen. Die Zahl der Muslime in Kanada ist zwischen 1981 und 2001 um rund 500 000 auf 600 000 gestiegen.

Quelle: F.A.Z., 11.08.2006, Nr. 185 / Seite 12
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel
30.05.2012 13:16 Uhr
  Vortag
Dax 6.349,21 −0,74%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.383,71 −0,75%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2452 −0,29%
Rohöl Brent Crude 104,88 $ −1,84%
Gold 1.579,50 $ 0,00%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Das Voting ist derzeit deaktiviert.