09.08.2006 · Australien sucht händeringend Einwanderer, aber sie müssen den Anforderungen entsprechen. Denn die australische Wirtschaft braucht dringend qualifizierte Arbeitskräfte.
Von Christoph Hein, Singapur/SydneyAuf der Leinwand erscheint schönstes Blau in der Endlosschleife: Dias von Sydney, Melbourne, Perth, das weltberühmte Opernhaus, die unvermeidlichen Känguruhs, der Koalabär. Sehnsüchte wollen geweckt werden. Der Wunsch nach Sand, Sonne, Surfen, nach Freiheit unter endlosem Himmel. Australien ist der Sehnsuchtskontinent der Welt. Und James Alan Hall ist sein Türöffner.
Deshalb sitzen heute 42 Asiaten vor Hall. Der greift zum Mikrofon, die Fernweh-Dias weichen einer Powerpoint-Präsentation. Hall verdient sein Geld als Makler für Einreisevisa nach Australien. Der Migrationsagent mit der Nummer 0428740 weiß, wie man Umzugswünsche weckt. Und er weiß, wie man sie befriedigt. An diesem Abend erklärt er in der südostasiatischen Metropole Singapur, wie man ein Dauervisum für den Fünften Kontinent bekommt.
Strenge Kontrollen schon bei der Urlaubsreise
Einfach wird es nicht. Denn die Australier sind locker, nett und gastfreundlich. Aber wenn es um die Ansiedlung in der ehemaligen Sträflingskolonie geht, verstehen sie keinen Spaß. Schon wer nur zum Urlaub kommt, weiß ein Lied davon zu singen. Am Flughafen schnüffelt ein Beagle das Gepäck nach Lebensmitteln ab, die man nicht mitbringen darf. Die Zöllner röntgen Rucksäcke und Koffer. Und ein Beamter fragt nach den Gründen für die Reise, weist darauf hin, daß der Gast keine Arbeit annehmen dürfe, und will einen Blick auf das Rückflugticket.
Wer sich seinen Lebenstraum erfüllen will, nach Australien umzusiedeln, hat weit höhere Hürden zu nehmen. "Sie begeben sich in einen extrem regulierten Bereich. Sie müssen Kurse machen, Prüfungen ablegen, Zeugnisse übersetzen lassen. Zuallererst aber müssen Sie dem Anforderungsprofil Australiens entsprechen", sagt Hall.
Gut ist derjenige dran, der 25 Jahre alt ist, eine Lehre zum Friseur gemacht und danach ein Vollstudium in Anglistik absolviert hat, möglichst zwei Semester davon in Australien, und nun mindestens sechs Jahre Berufserfahrung als Friseur mitbringt. Alkoholiker, Diabetiker, Gewalttäter sollte er nicht sein, aber dafür willens, mindestens zwei Jahre im australischen Hinterland zu leben. Danach liegt ihm Sydney zu Füßen.
Arbeitskräft dringend gesucht
Weil solche Menschen aber nicht täglich bei Australiens Einwanderungsbehörde anklopfen, macht die sich auf die Suche und veranstaltet Seminare in den Auslandsmetropolen. Niemand kann den Australiern vorwerfen, mit dem Grund für die Suche nach Einwanderern hinter dem Berg zu halten: "Früher hatte sich die Labor-Regierung darauf konzentriert, zu allererst Angehörige australischer Familien ins Land zu lassen. Wir aber helfen der australischen Wirtschaft, indem wir ausgebildete Emigranten hereinholen, die einen wertvollen Beitrag zu Australiens Wirtschaftswachstum leisten", sagt Amanda Vanstone, Ministerin für Einwanderung der national-liberalen Bundesregierung.
Denn Australien hat ein Problem, das Asien oder Europa gerne hätten. "Down-under" steht die Arbeitslosenquote mit 4,9 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit drei Dekaden. Die Löhne stiegen im vergangenen Jahr um 4 Prozent. Die fünftgrößte Volkswirtschaft der Region Asien-Pazifik ist größer als Europa, hat aber nicht dessen 450 Millionen Einwohner, sondern gerade einmal 20 Millionen. Diese 20 Millionen erwirtschaften schon jetzt ein Bruttoinlandsprodukt, das ein Fünftel des deutschen BIP ausmacht. Tendenz steigend: Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) rechnet damit, daß das australische BIP nach 2,9 Prozent in diesem im kommenden Jahr um 3,7 Prozent wachsen werde. Arbeitskräfte werden wohl noch lange gesucht werden.
Visa nach Punkten
Wer an diesem Wachstum teilhaben will, muß einige Hürden nehmen. Für die attraktivsten Visaformen gilt ein Punkteschema. Wer nicht auf 120 Punkte kommt, braucht erst gar keinen Antrag einzureichen. Hält man aber das Visum als Fachkraft ("Skilled Labour") in der Hand, stehen einem praktisch alle Türen offen. "Sie müssen nicht arbeiten, Sie können auch am Strand leben", scherzt Hall. Der Neuankömmling, obwohl nur "permanent resident", genießt unter diesem Visumschema gleichwohl nach zwei Jahren Aufenthalt denselben Schutz wie ein "citizen". Bei Krankheit mit einer kostenlosen Behandlung in - oft schlechten - staatlichen Kliniken, im Alter oder bei der Ausbildung hilft die Regierung. Auch sind für den qualifizierten Einwanderer nach zwei Jahren die Gebühren an den australischen Hochschulen geringer als für Ausländer.
Wer in der Königsklasse der Visa leer ausgeht, dem bleiben andere Visaklassen, wie das Schema "skilled matching visa": In einer Datenbank speichert die Regierung die Angaben des Antragstellers. Australische Arbeitgeber von der Minengesellschaft bis zum Bootsbauer können sie dann nach passenden Arbeitnehmern durchforsten. Andere Visaformen gelten für Familienmitglieder oder für diejenigen, die auf Wunsch einzelner Bundesstaaten kommen. Einwanderer unter diesen Visaformen unterliegen oft Einschränkungen, etwa bei der Ortswahl.
Regeln auch für Investoren
Ausnahmen bestehen für diejenigen, die in Australien investieren wollen. Doch Geld allein genügt auch hier nicht. Die Investoren müssen in dem Geschäftsbereich, in dem sie tätig werden wollen, schon jahrelange Erfahrung mitbringen oder für die Führungsebene von einem australischen Unternehmen angeworben werden. Auch Geschäftsvisa werden nur befristet auf zwei Jahre ausgestellt. Selbständige müssen zunächst Erfolg in Australien vorweisen, bevor sie dauerhaft ansässig werden dürfen. "Damit soll verhindert werden, daß die Leute nur so tun, als ob. Mißbrauch soll ausgeschlossen werden", sagt Silke Koernicke, Wirtschaftsanwältin und Einwanderungsspezialistin der Kanzlei Tresscox in Sydney.
"Die magische Zahl aber ist 45: Wer älter ist, wird es sehr schwer haben, überhaupt noch ein Visum zu bekommen." Bis zu einem Jahr könne der Visaprozeß dauern und umgerechnet rund 3500 Euro kosten, sagt Hall. Davon gingen 1500 Euro an ihn, der Rest fließe in Gebühren und Zeugnisse. Dafür müssen sich die Einwanderungsexperten mit einer Fülle von Regeln beschäftigen. "Manche Antragsformen gleichen einem Lottospiel. Einige Vorschriften ändern sich alle zwei Wochen, weil das Ganze für Australien eine hoch wirtschaftspolitische Angelegenheit ist", sagt Koernicke.
Trotzdem ist die Erfolgsquote von Hall verführerisch hoch - 99,996 Prozent, um genau zu sein. Der Grund liegt auf der Hand: Die Agenten leiten nur die Fälle weiter, die sie eingehend geprüft haben und von denen sie sehr sicher sind, daß sie akzeptiert werden. Andernfalls müssen sie mindestens die Hälfte der Beratungsgebühr an den Antragsteller zurückzahlen.
Insgesamt rechnet die Einwanderungsbehörde mit 134.000 bis 144.000 Neuankömmlingen jenseits der Asylanten in diesem Jahr. Davon entfallen 97.500 Plätze auf ausgebildete Kräfte, 46.000 sind für Familienangehörige gedacht. Mit 49.200 Plätzen ist der Löwenanteil für Fachkräfte reserviert, die sich auf eigene Faust auf den Weg machen. Die Zahl derjenigen, die von einem Arbeitgeber eigens angefordert werden, ist mit 15.000 relativ gering.
Niedrige Einstiegsgehälter aber gute Entwicklungsmöglichkeiten
Die Einstiegsgehälter liegen in Australien oft niedriger als etwa in Deutschland. So bekommt der Hochschulabgänger etwa 40.000 australische Dollar (23.869 Euro) im Jahr. Das niedrige Gehaltsniveau ist der Grund dafür, daß so viele Australier, besonders Anwälte, Lehrer und Krankenschwestern, ihrer Heimat den Rücken kehren, um in den Nahen Osten, nach Amerika oder Großbritannien auszuwandern. Die Einwanderer dagegen verzichten auf Gehalt auf der Suche nach Lebensqualität. So ist das Miteinander am Arbeitsplatz weniger von Hierarchien geprägt, die Menschen sind flexibler, es bestehen gute Entwicklungsmöglichkeiten.
"Die Umgangsformen sind eher ungezwungen, und formelle Barrieren werden schnell abgebaut. Australier sind generell freundliche und aufgeschlossene Geschäftspartner", heißt es in einem Führer für Neuankömmlinge der Deutsch-Australischen Industrie- und Handelskammer in Sydney. Gewöhnungsbedürftig mag die starke Stellung des Handwerks sein: "Nach Jahren des Baubooms gibt es kaum einen selbständigen Klempner, der nicht Millionär ist", scherzt Hall. Aber auch Friseure, Tischler oder Elektriker genießen ein höheres Ansehen als etwa in Deutschland. Wegen seines Berufes wird in Australien niemand schräg angesehen - wohl aber wegen seiner Herkunft.
Schattenseite Nationalismus
In Teilen der australischen Gesellschaft herrscht ein häßlicher Nationalismus, den Asylanten zu spüren bekommen können. Die bierselige Ausländerjagd in Sydney im vergangenen Jahr paßte aus Sicht der Welt so wenig zu den so freundlichen "Aussies" wie die Verfrachtung von Asylbewerbern auf Pazifikinseln. Einen Aufschrei erzeugte gerade die Meldung, daß Australien auch Asylanten auf dem Meer aufgreifen will. Sie sollen auf einem umgerüsteten Gefängnisschiff gehalten werden, das bis zu 30 Tage auf See bleiben kann. "Das wird ein Immigrantengefängnis auf hoher See. Es ist eine Ironie des Schicksals, daß Australien selbst von verurteilten Straftätern aufgebaut wurde, die auf Wracks in der Themse eingesperrt waren", kritisiert Terry O'Gorman, Präsident des Australischen Rates für Bürgerrechte, die Ankündigung der Regierung.
Unter dem strahlenden Himmel und hinter der weltoffenen Attitüde verbirgt sich eine größere Härte, als mancher vermutet. Integration und zumindest das Erlernen von Englisch ist Pflicht. Ist er aber akzeptiert, muß sich der Neuling nicht einsam fühlen. 15 Prozent der Bevölkerung sprechen 112 andere Sprachen als Englisch. Die wichtigste ist dabei Italienisch, gefolgt von Griechisch, Chinesisch und Arabisch. Deutsch steht an sechster Stelle, gesprochen von rund 100.000 Australiern.
Eine radikale Methode zugegeben ja, aber
Jan Carlos Quistorf (Jan_Carlos_Quistorf)
- 09.08.2006, 18:27 Uhr
Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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