Das musste sie doch endlich sein, die Welle! Die Agentur für Arbeit in Schwäbisch-Hall bekam im Februar dieses Jahres wie aus dem Nichts rund 15.000 Bewerbungen aus dem notleidenden Portugal zugesandt. Die Medien stürzten sich auf Schwäbisch-Hall, die lang erwartete Massen-Migration aus den angeschlagenen Ländern Südeuropas schien unmittelbar bevorzustehen. An Ort und Stelle fanden sie allerdings nur wenige richtige Portugiesen.
Ausgelöst worden war die Bewerbungsflut von einem überschwänglichen portugiesischen Zeitungsbericht über Job- und Einkommenschancen in Schwäbisch-Hall, wo die Arbeitslosenquote bei verschwindenden 3 Prozent liege, 2500 offene Stellen lockten, guter Lohn und erschwingliche Wohnungen.
Keine Welle, ein Rinnsal
Über Facebook fand der Zeitungstext rasante Verbreitung unter Portugiesen. Das Bewerben selbst war leicht gemacht, denn der Text war mit einem Link zur Arbeitsagentur in Schwäbisch-Hall versehen.
Doch ein halbes Jahr später ist Ernüchterung eingekehrt: Ganze 26 Arbeitsverträge zwischen Portugiesen und deutschen Arbeitgebern aus der Region sind zustande gekommen - statt einer Welle ist das nicht mal ein Rinnsal. Irgendetwas stimmt noch nicht in Europa, die innereuropäische Migration stockt.
Dabei geht es nicht um eine Kleinigkeit: Die freie Mobilität der Arbeitskräfte innerhalb Europas war eine der großen Ideen der Gründerväter der Europäischen Union. Sie sollte die Menschen des Kontinents zusammenbringen, den Leuten von den armen Rändern bessere Perspektiven schenken und die Einkommensunterschiede langfristig nivellieren.
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Für die Erbauer der Eurozone aber war die Mobilität des „Faktors Arbeit“ von vitaler ökonomischer Bedeutung - als Krisenpuffer. Die gesamte Eurozone baute auf diese Mobilität, Brüssel versuchte sie mit zahllosen Initiativen zu beflügeln, berichtet Ökonom und Migrationsexperte Klaus Zimmermann. Denn Migration ist die Voraussetzung für einen „optimalen Währungsraum“, wie die Ökonomen sagen.
Nicht nur die Ökonomen sahen bei der Einführung des Euros eine große Gefahr: Seitdem können einzelne Länder in der Krise nicht mehr für sich abwerten, um so wieder zu erstarken. Regionale Wirtschaftskrisen sind die zwangsläufige Folge. Als Hoffnung bleibt den Krisenopfern, so die Vorstellung, die Auswanderung in ein stärkeres Euroland. So weit die Idee.
Den Euro-Vätern war allerdings auch bewusst, dass die Eurozone mit einer großen Hypothek an den Start ging: Die Europäer wandern nicht gerne in andere Länder aus. Die Gastarbeiter-Anwerbungen in Deutschland etwa waren schon 1973 zu Ende gegangen.
Gastarbeiter kehrten zurück in die Heimat
Vor allem im Vergleich zu den Amerikanern blieben die Europäer sesshaft, obwohl keine rechtlichen Barrieren dem Wechsel von einem EU-Land zum anderen im Wege standen (Ausnahme sind Übergangsregeln für neue EU-Länder).
So stockt die große Idee. Nur zwei Prozent der EU-Bewohner sind Ausländer aus anderen EU-Staaten, referiert Alfonso Sousa-Poza, Ökonom an der Universität Hohenheim - trotz Freizügigkeit und der Gastarbeitermigration in den 50er und 60er Jahren.
Dann geschah etwas, was die wenigsten auf der Rechnung hatten: Mit der Einführung des Euro verlangsamte sich die Migration von einem Euro- zum anderen Euroland anstatt zuzunehmen. Vielmehr kehrten sogar Gastarbeiter zurück in die Heimat. So wanderten sehr viele Spanier nach dem Beitritt Spaniens zur Europäischen Gemeinschaft zurück, geht aus einem Bericht von DB Research hervor.
Krise ändert an der Bereitschaft zur Mobilität nur wenig
Der Grund ist klar: Dank des Euro erlebten die klassischen Auswandererländer in der Eurozone, Griechenland, Italien, Irland, Portugal und Spanien, eine Sonderkonjunktur, von der wir erst heute wissen, dass sie weitgehend auf Sand gebaut war. Die Folge ist skurril: In einer der freizügigsten Regionen der Welt kam die zwischenstaatliche Mobilität von Arbeitskräften fast zum Erliegen. Das alles geschieht in einer Zeitphase, in der weltweit so viele Menschen wie noch nie unterwegs waren.
Und jetzt? Selbst die Krise ändert an der Bereitschaft zur Mobilität offenbar bisher nur wenig, wie ein internationaler Vergleich belegt. 2010 haben in den gebeutelten Vereinigten Staaten von Amerika 2,4 Prozent oder 7,5 Millionen Menschen ihren Heimatbundesstaat zurückgelassen, um ihr Glück in einem anderen Bundesstaat zu machen.
Statistisch gesehen bleibt das Niveau niedrig
In der Europäischen Union dagegen haben sich in der gleichen Zeitspanne gerade einmal 1,5 Millionen Menschen oder 0,3 Prozent der Gesamtbevölkerung der EU aus ihrem Land gewagt, um in einem der 26 anderen EU-Staaten zu leben und zu arbeiten. Zwar machten sich zuletzt tatsächlich mehr Spanier, Italiener, Portugiesen und Griechen als früher auf den Weg, doch statistisch gesehen bleibt das Niveau niedrig.
Das Beispiel Spanien illustriert besonders gut, was statt dessen passierte. 2007 platzte nach Jahren der Blüte die Immobilienblase im Land. Seitdem steigt die Arbeitslosigkeit rapide, heute ist jeder vierte arbeitsfähige Spanier arbeitslos. Unter jungen Spaniern ist sogar jeder Zweite betroffen. Das blieb nicht folgenlos.
So entschlossen sich 2010 tatsächlich rund 400.000 Leute, das Land zu verlassen. 2011 waren es sogar etwas mehr als 500.000. Allerdings wandern in beiden Jahren genauso viele Menschen nach Spanien ein. 2011 erst wurde aus dem vorübergehenden Einwanderungsland ganz knapp wieder ein Auswanderungsland.
Sie kamen, bauten, nun gehen sie wieder heim
Noch etwas ist bemerkenswert. Unter den Auswanderern sind nur zwölf bis dreizehn Prozent Spanier. Das deutet auf eine besondere Methode der Bewältigung von Boom- und Flautephasen hin, die das Land praktiziert. In den Blütejahren bis 2007 verzeichnete Spanien so viele Einwanderer wie kein anderes Land in Europa. Sie kamen aus Südamerika, Marokko und Rumänien, um - vereinfacht gesagt - jene Immobilien hochzuziehen, die aktuell gerade an den Rändern der Metropolen zu Geisterstädten degenerieren.
Und nun, da es keine Jobs in der Bauwirtschaft mehr gibt, gehen sie wieder heim. Die Forscher sprechen von zirkulärer Migration: der Mann aus Ecuador, der nach Spanien auswandert, später heimkehrt, um danach vielleicht wieder nach Spanien auszuwandern. Diese Gruppe übernimmt die Hauptlast der Anpassungen des spanischen Arbeitsmarktes an konjunkturelle Höhen und Tiefen.
Entfernung spielt eine wichtige Rolle
Und schließlich gibt es noch eine weitere Auffälligkeit: Wenn die Spanier auswandern, dann keineswegs zwangsläufig in ein Euroland. Das hängt mit den zentralen Motiven der Migration zusammen: Studien sagen, dass Auswanderer in ihrem Zielland gerne ein Lohnniveau suchen, das rund 35 Prozent über dem heimischen liegt. Sie gehen leichter, wenn im Zielland Landsleute Hilfe leisten und Informationen geben. Und schließlich spielen Entfernung und Transportmittel eine wichtige Rolle.
Insofern wäre Deutschland für Spanier auf den ersten Blick sogar prädestiniert. Hier suchen die Arbeitgeber nach eigenen Angaben wie verrückt Fachkräfte, es gibt eine nicht unbedeutende spanische Gemeinde, die sich längst etabliert hat und eine Reihe von Vereinen und Institutionen, die beim Eingliedern hilft. Und die Flugverbindungen sind gut.
Geld wandert leichter als die Leute
Das Haupthindernis aber ist die Sprache: Südeuropäer tun sich besonders schwer, deutsch zu lernen, leichter fällt ihnen schon das Englische. Die Anerkennung von Berufsabschlüssen stößt auf Grenzen. Die sozialen Kosten der Migration sind immer erheblich. Die Südeuropäer sind oft stärker in ihre Familien eingebunden als Nordeuropäer. Umso schwerer fällt der Abschied. Und schließlich könnte noch ein Kalkül das Bleiben erleichtern. Wenn die Europäische Union die Krisenländer raushaut, lohnt sich für manchen potentiellen Migranten das Warten.
Tatsächlich kamen jüngst mehr Südeuropäer als früher nach Deutschland, doch deutlich weniger als zum Beispiel Polen, Rumänen oder Bulgaren. Die Auswanderer aus Spanien wiederum optieren in ihrer Minderheit für den Euroraum, und in Europa liegt England für sie näher als Deutschland. Einige Spanier orientieren sich zu den ehemaligen Kolonien. Das wird auch von Portugiesen berichtet, die ihr Heil in Brasilien, Moçambique und Angola suchen.
Das alles sagt eine Menge über die Homogenität Europas. Die Sprache trennt das soziale Gefüge und die geografische Ausrichtung. Euroländer sind für Migranten aus Euroländern nicht mehr die Wunschziele. Man könnte auch formulieren: Das Geld wandert deutlich leichter über die Grenzen als die Leute.
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