08.02.2009 · Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Doch der Wunsch nach einem Rückzug kommt nicht von ungefähr: Michael Glos wirkt müde, desinteressiert und uninformiert - irgendwie daneben. Die Finanzkrise hat den Wirtschaftsminister schlicht überfordert.
Von Rainer HankEs war der 5. Oktober 2008. Angela Merkel, die Kanzlerin, und Peer Steinbrück, ihr Finanzminister, traten vor die Fernsehkameras, und versprachen den Bürgern mit festem Blick: „Eure Sparguthaben sind sicher!“ In letzter Minute verstand es die Regierung, Vertrauen zu schaffen und zu verhindern, dass die Menschen am nächsten Morgen ihre Banken stürmten. Das hätte den Kollaps des Finanz- und Wirtschaftssystems bedeutet.
Wo war der Wirtschaftsminister zu dieser kritischen Stunde? Tagsüber wurde er nicht gesichtet. Abends hatten sie ihn zu Anne Will in die Talkrunde geschickt, wo er durch die Äußerung der ein oder anderen Belanglosigkeit auffiel. Nett und sympathisch war er, nichts wirklich Falsches hat er gesagt. Aber wie immer war schon am nächsten Morgen davon nichts mehr erinnerlich. Und Fritz Kuhn, ein grüner Bösewicht, durfte Glos einmal wieder eine „Schlaftablette auf zwei Beinen“ nennen.
Glos kapituliert, ohne überhaupt je in den Kampf gezogen zu sein
Die Finanzkrise hat den Wirtschaftsminister intellektuell schlicht überfordert. Damit ist er zwar in bester Gesellschaft. Denn auch Ökonomen, Journalisten und Politiker anderer Parteien machen derzeit keine besonders gute Figur. Dass Glos nicht zu den Neunmalklugen gehört, die heute behaupten, früher immer alles vorher gesagt zu haben, aber nicht wissen, welche Bank in zwei Wochen kippt, macht ihn sogar ein wenig sympathisch. Doch selbst aus seinem Nichtwissen vermochte Glos politisch kein Kapital zu schlagen. Er war einfach nicht mehr da.
Jetzt hat er kund getan, dass er künftig auch nicht mehr da sein will. Gestern, am späten Samstagnachmittag des 7. Februar, hat Glos selber die Konsequenz gezogen, und seinem Parteivorsitzenden Horst Seehofer den Rücktritt angeboten: „Ich bitte Dich, mich von meinen Ministerpflichten zu entbinden.“ Entgegen dem ersten Eindruck ist dieser Satz des Noch-Ministers kein Ausdruck der Schwäche, sondern zumindest eine jener Schlitzohrigkeiten, die den gelernten Müller (und verhinderten Theologen) aus dem Frankenland auszeichnet.
Denn auch seiner Partei, der intrigenerfahrenen und hinterlistigen CSU, war nicht entgangen, dass Glos seit langem eine Klasse unter dem Finanzminister spielte. Während Steinbrück die Krise zur Allpräsenz nutzte, hatte Glos kapituliert ohne überhaupt je in den Kampf gezogen zu sein. Aber die Gerüchte, man wolle ihn aus München meucheln, waren ihm dann doch rechtzeitig zu Ohren gekommen. Da hat er den Spieß umgedreht, ging in die Offensive und Seehofer („Ich muss erst einmal mit ihm reden“) war überrumpelt und konnte in der ersten Reaktion nicht anders, als Glos' raffinierte Bitte nicht anzunehmen.
Stoiber war zu feige für den Posten
Klar ist jedoch heute schon: Einer neuen Bundesregierung wird Glos, dann 65jährig, nicht mehr angehören, auch dann nicht, wenn die CSU dort wieder Plätze zu vergeben hat. Ob es aus Sicht der Union klug ist, mit ihm im Jahr der schwersten Wirtschaftskrise in der Nachkriegszeit in einen Wahlkampf zu ziehen, wird man bezweifeln dürfen. Immerhin hat Glos seine Parteifreunde spüren lassen, dass es vor Kandidaten in diesem (noch) der CSU zustehenden Ministerium nicht gerade wimmelt.
Die Jahre des Michael Glos im Berliner Wirtschaftsministerium sind ein einziges Unglück, kein großes, eher ein kleines unauffälliges Unglück. Für die Bürger, für die Bundesregierung, aber auch für ihn selbst. Schon dass er überhaupt in dieses Amt gekommen ist, war ein historisches Missgeschick, ausgelöst nur durch die Feigheit des damaligen CSU-Vorsitzenden Edmund Stoiber, der zwischen Größenwahn („Superminister“) und Kleingeistertum schließlich die Flucht nach München vorzog und holterdiepolter Glos zum Wirtschaftsminister ernennen ließ.
Da stand der brave Mann nun, sah die Schuhe von Ludwig Erhard und meinte, er müsse in Interviews nun sagen, er sei das „ordnungspolitische Gewissen der Regierung“. Dabei wusste er gar nicht so genau, was Ordnungspolitik ist (auch da ist er in bester Gesellschaft). Freilich wirkte er auch selten so, als würde ihn das sonderlich interessieren. Spott und Hohn hatten sie in dieser Anfangszeit der schwarz-roten Koalition für ihn übrig, weil er bei jeder Rede erkennen ließ, wie fremd ihm das war, was seine Redenschreiber aufgeschrieben hatten.
Staatssekretär Otremba wurde zur wichtigsten Waffe von Glos
Erst als der glücklose Minister im zweiten Jahr der Legislaturperiode, als die dunklen Haare plötzlich schlohweiß geworden waren, einen Mann namens Walther Otremba zu seinem Staatssekretär machte, bekam auch er selbst ein etwas klareres Profil. Otremba ist ein ehemaliger Redenschreiber des ehemaligen Finanzministers Theo Waigel, blitzgescheit, machtbewusst und politstrategisch nicht ohne Raffinesse, der die Hintergrundbescheidenheit zu seinem Markenzeichen gemacht hat. In seinem Bücherschrank stehen nicht nur die Grundzüge der Mikroökonomie, er weiß auch, dass das deutsche Wirtschaftsministerium in der Tradition der sozialen Marktwirtschaft vor allem die Aufgabe hat, darauf zu achten, was Sache des Staates ist und was nicht.
Kurzum: Otremba wurde zur wichtigsten Waffe von Glos und brachte ihm zugleich eine freundliche Presse ein. „Die Nachricht von meinem Ableben ist stark übertrieben“, ließ Glos seine politische Neugeburt mit einem alten Kalauer von Mark Twain verkünden, legte sich genüsslich mit Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD und dieselbe politische Gewichtsklasse wie Glos) an, womit er die übrigen Kabinettsmitglieder wahlweise erheiterte und nervte. Selbst die Manager der Industrie, bei denen Glos auch nie sonderlich aufgefallen war, attestierten ihm, er mache im Ausland Bella Figura und tauge durchaus als Türöffner zur Anbahnung für ihre lukrativen Geschäfte.
Große Gestalten im Wirtschaftsministerium sind selten
Freilich blieb dem Machtmenschen Glos nicht unverborgen, dass sein Staatssekretär Otremba immer stärker wurde. „Lenkt Glos seinen Spitzenbeamten, oder läuft es umgekehrt?“, munkelte man in Berlin und erinnerte daran, dass mit dem legendären Otto Schlecht schon einmal ein Staatssekretär von sich gab, es sei ihm egal, wer unter ihm Wirtschaftsminister sei. Zuletzt jedenfalls galt auch das Verhältnis zwischen Otremba und Glos nicht mehr als allzu innig, wurde sogar kolportiert, Glos habe dem Staatssekretär dessen Personalvorschlag für die Rürup-Nachfolge im Sachverständigenrat abgeschossen.
Doch das ist Trotz im kleinen Karo, gespielt in den Hinterzimmern der Berliner Scharnhorststraße, während Kanzlerin und Finanzminister gerade wieder einmal an der neuen Weltfinanzordnung basteln, einen Weltwirtschaftsrat einrichten oder ein paar Bankaktionäre (fast) enteignen. All das geht am Wirtschaftsminister vorbei. Er wirkt müde, desinteressiert, uninformiert und irgendwie daneben.
Jürgen Thumann, der BDI-Präsident, der zum Ende des vergangenen Jahres demissionierte, selbst auch eher glücklos, war offenbar einer der letzten, die Glos stützten. Dann wandte sich auch die Industrie von ihm ab, und Randolf Rodenstock, ein erfolgloser Brillenunternehmer aus Bayern, aber dort ein politisch mächtiger Mann, gesellte sich unter die politischen Fallensteller und Intriganten, die zusammen mit den CSU-Spezis an seiner Ablösung bastelten.
Nein, ein Unglück für das Land ist die Amtszeit dieses Wirtschaftsministers wirklich nicht. Denn dieses Ministerium hat einen großen Ruf, aber selten große Gestalten an seiner Spitze gehabt. Wer erinnert sich heute noch an die Riege der Möllemänner und Hausmänner? Eigentlich bleiben nur zwei Namen übrig. Ludwig Erhard und Otto Graf Lambsdorff.
Der Müllermeister aus Unterfranken
Der Vater war gelernter Müller, sein Sohn ist jetzt Müller - und Michael Glos selbst hat auch die Meisterprüfung im Müllerhandwerk abgelegt. 1944 im unterfränkischen Brünnau (Landkreis Kitzingen) geboren, hilft der spätere Minister schon früh im elterlichen Betrieb mit.
1968 übernimmt er Getreidemühle und Landwirtschaft der Familie, zwei Jahre später tritt er in die CSU ein. Dort arbeitet er sich über Stadtrat und Kreistag rasch in den Bundestag hoch. Im Jahr 1976 zieht Glos zum ersten Mal in das Bonner Parlament ein, 1993 übernimmt er den Vorsitz der CSU-Landesgruppe.
Nach der Bundestagswahl 2005 und dem Verzicht Edmund Stoibers auf ein Spitzenamt in Berlin, wird Glos überraschend Wirtschaftsminister im Kabinett von Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Glos lebt mit seiner Familie nach wie vor in seiner fränkischen Heimat.
Foto von Michael Glos
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Rainer Hank Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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