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Veröffentlicht: 21.08.2014, 14:44 Uhr

Indikator für Lebensqualität Merkels Neuvermessung des Glücks

Das Bruttoinlandsprodukt hat als Maß für die Lebensqualität ausgedient, sagt die Kanzlerin. Sie weiß, dass es längst Alternativen gibt. Doch vor den wirklich ungemütlichen Fragen drückt sie sich.

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© dpa Kanzlerin Merkel im Juli während einer Veranstaltung zu ihrem Geburtstag.

Glaubt man der Statistik, dann sind wir vergangenen Donnerstag über Nacht ein ganzes Stück glücklicher geworden. Weil die Statistiker im Bundesamt in Wiesbaden ihre Berechnungsmethode für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) verändert haben, schnellte der Wert in der jüngsten Schätzung um 71,9 Milliarden Euro, das sind 2,6 Prozent, nach oben. Einen Glücksanstieg bedeutet das, weil das BIP nicht nur den Wert der in Deutschland hergestellten Waren und Dienstleistungen misst. Es ist zugleich Deutschlands Wohlstandsindikator, an dem die Politik ihr Handeln ausrichtet.

Johannes Pennekamp Folgen:

Kritiker halten das für groben Unfug, der BIP-Indikator sei blind für viele Dinge, die die Lebensqualität tatsächlich ausmachen. Der jüngste Anstieg gibt den Kritikern neue Nahrung: Schließlich hängt der Sprung zum Teil damit zusammen, dass nun auch illegale Geschäfte wie Drogenhandel in das BIP eingerechnet werden. Mehr Drogenhandel – mehr Wohlstand also.

Muss das Glück also neu vermessen werden? Dafür gibt es eine mächtige Fürsprecherin. Kanzlerin Angela Merkel hat sich am Mittwoch beim Treffen der Ökonomie-Nobelpreisträger in Lindau in der Glücksfrage zu Wort gemeldet: „Wir brauchen als Bundesregierung auch noch einen anderen Ansatz um die Vorstellung von Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger in Erfahrung zu bringen“, sagte die Kanzlerin vor dem Wissenschaftspublikum. Ihr schwebe ein Indikatorensystem vor, an dem sich die Politik orientieren kann. Man kann diesen Vorstoß in einer durch und durch auf materiellen Fortschritt ausgerichteten Welt als mutig bezeichnen. Man kann ihn aber auch als eine ziemliche plumpe Anbiederung an den wachstumskritischen Zeitgeist auffassen, die aller Voraussicht nach folgenlos bleiben wird.

Es gibt bereits alternative Indikatoren

Merkels Aussage klingt so, als müsse die Neuvermessung bei Null beginnen. Dabei gehörte bei der Konferenz in Lindau ein Mann zu den Rednern, der längst ein umfassendes Konzept vorgelegt hat. Nobelpreisträger Joseph Stiglitz hat gemeinsam mit weiteren Ökonomen einen alternativen Indikator erarbeitet, der nicht nur die Wirtschaftsleistung erfasst, sondern unter anderem auch, wie gesund und wie gut ausgebildet die Menschen sind, ob sie politisch partizipieren können und  wie viel Freizeit ihnen bleibt. Stiglitz hat das nicht im universitären Elfenbeinturm getan, sondern im Auftrag des früheren französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, der 2008 eine entsprechende Kommission eingesetzt hat. 

Es besteht kein Mangel an solchen Alternativindikatoren. Im Gegenteil: Das kleine Königreich Bhutan misst seit mehr als drei Jahrzehnten den Wohlstand nicht nur an materiellen Dingen. Auch die Industriestaatengemeinschaft OECD hat einen eigenen Indikator entwickelt, den „Better Life Index“. Er berücksichtigt Kriterien wie Sicherheit, Beschäftigung, Einkommen oder Umweltschutz, die von jedem Nutzer im Internet nach persönlichen Vorstellungen gewichtet werden können.

Und auch die Regierung Merkel war alles andere als untätig. Der Bundestag hat im Jahr 2011 die Enquetekommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ eingesetzt, die im vergangenen Jahr ihren Abschlussbericht vorgelegt hat. In der sehr heterogenen Gruppe aus Politikern, Wissenschaftlern und Interessenvertretern herrschte am Ende Einigkeit, dass man eine Alternative zum BIP als Wohlstandsindiaktor brauche. Die Kommission erarbeitete einen umfassenden, wenn auch etwas komplizierteren, Ansatz.

Ist das BIP besser als sein Ruf?

Merkel, die einen alternativen Indikator am Mittwoch übrigens längst nicht zum ersten Mal gefordert hat, weiß all das natürlich. Wahrscheinlich ist ihr auch bewusst, dass zwei Aspekte wichtiger sind als der unverbindliche Ruf nach der Neuvermessung des Glücks.

Erstens: So antiquiert der Blick auf die nackten BIP-Daten auch erscheinen mag - immer wieder weisen Wissenschaftler darauf hin, dass Bildung, Gesundheit und andere alternative Kriterien stark mit der Wirtschaftsleistung eines Landes korrelieren. Ganz besonders gilt das für Volkswirtschaften, die in ihrer Entwicklung den Industriestatten hinterherhinken. Dieser Zusammenhang ist in der öffentlichen Debatte unterrepräsentiert. Ist das BIP vielleicht besser als sein Ruf? Braucht es eher eine Ergänzung als einen Neuanfang? Es ist für Politiker populär, einen Bruch mit dem BIP als Wohlstandsindikator zu fordern - der viel komplizierteren Wirklichkeit werden sie damit nicht gerecht. Die Debatte kommt nicht voran, solange mit solch unterkomplexen Vereinfachungen gearbeitet wird.

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Zweitens: All die Kommissionen, Arbeitsgruppen und Sonntagsreden sind von begrenztem Wert, solange nicht zugleich immer auch über Mechanismen geredet wird, mit denen die Alternativindikatoren ins Werk gesetzt werden können. Erst wenn das geschieht, wird auch über die wirtschaftlichen Kosten einer anders ausgerichteten Politik gesprochen werden – und das ist der Kern der Sache: Wo genau soll Geld abgezogen werden, um den Teilindikator Bildung nach vorne zu bringen? Was ist wichtiger: Die neue Landebahn oder der Faktor Lebensqualität in der Umgebung? Und wer hat das am Ende zu entscheiden? Da wird es konkret - und für Politiker ungemütlich.

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