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Veröffentlicht: 04.04.2017, 12:30 Uhr

Ludwig Erhard Mehr Marktwirtschaft wagen

Für den früheren deutschen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard war wirtschaftliche Freiheit wichtiger als staatliche Versorgung. Leider ist genau das eingetreten, was er befürchtet hat.

von
© AP Möglichst viel Eigenverantwortung und Freiheit für den Einzelnen und möglichst wenig Staat. Das setzte sich Ludwig Erhard (links) zum Ziel. Hier zusammen mit dem damaligen CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Rainer Barzel im Jahr 1966.

Kann Deutschland in einer Welt, die durch Autokraten, Globalisierung und Digitalisierung aus den Fugen zu geraten droht, noch ein bürgerlich geprägtes Land von Maß und Mitte bleiben? Welches Bild vom Bürger hat eigentlich die Bundesregierung? Ist es der vom Sozialstaat abhängige Untertan? Oder ist es der selbstverantwortlich handelnde Einzelne, der Ludwig Erhard, dem Vater des deutschen Wirtschaftswunders, vorschwebte? Welchen Stellenwert hat die Marktwirtschaft noch in Deutschland, welche Bedeutung der Wettbewerb in der EU? Und hat die extreme Geldpolitik noch etwas mit Marktwirtschaft zu tun?

Holger Steltzner Folgen:

Seit Jahrzehnten untersucht das Institut für Demoskopie Allensbach die Einstellung der Deutschen zu den beiden Grundwerten Freiheit und Gleichheit. Bis in die achtziger Jahre entschieden sich die meisten für die Freiheit. Seit der Wiedervereinigung zieht die Mehrheit die Gleichheit vor. Heute würden die meisten am liebsten in einem Land leben, in dem es weder Reiche noch Arme gibt, sondern Einkommen und Vermögen gleich verteilt sind. Viele halten sogar den Sozialismus für eine gute Idee, die nur schlecht verwirklicht worden sei.

Sicherheitsdrang untergräbt Freiheitsgefühl

Deutschland hat der Sozialen Marktwirtschaft seinen Erfolg, seinen Wohlstand und seinen gesellschaftlichen Zusammenhalt zu verdanken. Trotzdem steht sie unter Rechtfertigungsdruck. Die auf Leistung und Wettbewerb aufgebaute Ordnung nehme zu wenig Rücksicht auf wirtschaftlich schwächere europäische Partner, liefere zu wenig soziale Gerechtigkeit, zu wenig Wohlstand, zu wenig Gleichheit und schone zu wenig die Ressourcen, heißt es. Über allem schwebt der Zweifel, ob diese Wirtschaftsordnung noch in Zeiten der Globalisierung, der modernen Völkerwanderung und der weiter schwelenden Euro-Krise taugt.

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Ludwig Erhard ging es um mehr als nur um die Wirtschaft. Sein Ziel war eine freiheitliche und sozial verpflichtende Gesellschaftsordnung, die das Individuum zur Geltung kommen lässt, die aber auch dessen Mitverantwortung für das Gemeinwesen will. Erhard wollte möglichst viel Eigenverantwortung und Freiheit für den Einzelnen und möglichst wenig Staat. Leider ist das eingetreten, was er befürchtet hat. Der Drang nach Sicherheit hat das Freiheitsgefühl untergraben. Die Macht von Lobbygruppen, der Wunsch nach Absicherung aller Lebensrisiken und die Eigendynamik der sozialen Sicherungssysteme haben das Gefühl für Freiheit ausgehöhlt.

Deutsche fürchten Folgen der Globalisierung

Durch Wiedervereinigung, Migration und Globalisierung haben sich die sozialen Unterschiede vergrößert, ist die Kluft zwischen Arm und Reich größer geworden. Hiesige Facharbeiter stehen im globalen Wettbewerb mit Arbeitern in China oder Indien. Daran ändert der Mindestlohn nichts. In den Wirtschaftswunderjahren wuchsen Löhne und Unternehmensgewinne gleichzeitig, waren sozialer Ausgleich und wirtschaftliche Effizienz keine Gegensätze. Das wird heute anders empfunden.

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