16.01.2011 · Bis 2009 war Hartmut Mehdorn Bahnchef. Bis heute macht man ihn verantwortlich für verspätete Züge, marode Bahnhöfe und schlechten Service. Im Interview stellt er sich erstmals der Kritik. Unsere Bilderstrecke zeigt die wichtigsten Vorwürfe an Mehdorn.
Herr Mehdorn, in diesem Winter haben viele Bahnfahrer im Schnee-Chaos über Sie gemeckert.
Ich bin seit eineinhalb Jahren kein Bahnchef mehr und war schon damals nicht für extreme Wetterlagen verantwortlich. Auch mein Nachfolger Rüdiger Grube kann für Schnee und Eis wirklich nichts.
Die Bahn war schlecht gegen den Schnee gewappnet. Haben Sie das Unternehmen für den Traum vom Börsengang kaputtgespart?
Mein Vorstand hat die Bahn nicht kaputtgespart, wir haben sie saniert. Das war unser Auftrag, was heute viele vergessen haben. Als ich 1999 zur Bahn kam, machte sie etwa 15 Milliarden Euro Umsatz und 1,5 Milliarden Euro Verlust. Als ich ging machte sie 36 Milliarden Euro Umsatz und 2,4 Milliarden Euro Gewinn. Für den Steuerzahler ist die Bahn also billiger und effizienter geworden.
Was nützt eine profitable Bahn, wenn im Sommer die Klimaanlage ausfällt und im Winter die Weichen streiken?
Keine Bahn der Welt trotzt jedem Katastrophenwetter. Sommer und Winter sind härter und abrupter als früher. Wenn Oberleitungen vereisen und brechen, steht der Zug still. Wenn Eisbrocken ins Gleisbett fallen und das Kabel des Zugkontrollsystems beschädigen, dann ist Ende Gelände. Das hat nichts mit Sparkurs zu tun. Das sind Naturgesetze und unser Sicherheitsdenken.
Sogar Ihr Nachfolger Rüdiger Grube sagt, es sei zu Ihrer Zeit zu viel gespart worden.
Seit der Bahn-Reform von 1994 hat die Bahn circa 90 Milliarden Euro erwirtschaftet und wieder investiert. Von Kaputtsparen kann also keine Rede sein. Der Steuerzahler wurde, wie gesagt, entlastet.
Die Bahnfahrer spüren den Sparkurs doch am eigenen Leibe: Züge fallen aus, Toiletten sind schmuddelig, das Personal ist gestresst.
Mit dem Verweis auf einen Sparkurs macht man es sich zu einfach. Keine Frage, die Bahn muss besser werden, das sieht sie selbst so. Aber das Grundproblem war und ist: Die Bahn-Infrastruktur ist unterfinanziert. Der zuständige Bund hat keine Mittel, um in das Schienennetz zu investieren. Stattdessen soll die Bahn mit ihren Einnahmen das immer älter werdende und immer stärker genutzte Netz erhalten.
Der Steuerzahler überweist der Bahn im Jahr 9 Milliarden Euro.
Nur ein kleiner Teil dieser Summe sind Investitionen des Bundes in das Bahnnetz. Den Großteil überweist der Bund an die Länder, die damit den Nahverkehr bei der Bahn bestellen.
Klingt kompliziert. Gut, klären wir, wer was bezahlt bei der Bahn.
Das Schienennetz gehört dem Bund. Er trägt 80 Prozent der Infrastrukturinvestitionen, also für Netzausbau und neue Bahnhöfe. Dafür gibt er im Jahr gut 1,5 Milliarden Euro aus, das ist zu wenig. Die Bahn trägt die restlichen 20 Prozent der Investitionen.
Wer finanziert Reparaturen?
Die Bahn finanziert den laufenden Betrieb, alle Reparaturen und alle Wartungen selbst. Die werden natürlich teurer, je weniger der Bund ins Netz investiert.
Bei der Wartung der Züge haben Sie doch an jeder Ecke gespart, um den Börsengang zu finanzieren.
Hätten wir mehr für Instandhaltung ausgegeben, hätte das zu höheren Fahrpreisen geführt. Und jeder weiß, was das für Aufregung in der Öffentlichkeit erzeugt. Man kann nur ausgeben, was man verdient. Das gilt auch für die Bahn.
Ihre Rechnung ist nicht fair. Die Bahn hat unter Ihnen ordentlich verdient im Logistikgeschäft. Es muss doch möglich sein, von diesen Einnahmen, den Ticketpreisen und dem Staatszuschuss ein paar beheizbare Weichen zu kaufen.
Ja, die Bahn ist schrittweise profitabel geworden. Die Erlöse wurden auch in Instandhaltung investiert. Was beheizbare Weichen angeht - je mehr, desto besser. Aber ich fürchte, da werden falsche Hoffnungen geweckt: Wenn Schneeklumpen eine Weiche blockieren, dauert es auch eine Weile, bis die Heizung den Schnee geschmolzen hat.
Trotzdem: Sie haben für den Börsengang die Logistik gepäppelt, aber am Personenverkehr gespart. Kleine Bahnhöfe verkommen.
Was heißt gepäppelt? Der Auftrag der Politik war es immer, mehr Verkehr auf die Schiene zu bringen und Lkw-Transporte zu vermeiden. Mit Börsengang hat das gar nichts zu tun, das wird von einigen Ideologen vorgeschoben und ist falsch.
Erzählen Sie das den Kunden, die marode Bahnhöfe nutzen müssen!
Für kleine Regionalbahnhöfe, von denen die Bahn etwa 5500 Stück hatte - Durchschnittsalter: 110 Jahre! - galt immer das Prinzip: Wo die meisten Menschen ein- und aussteigen, da wird als Erstes saniert. Aber es dauert eben noch ein paar Jahre, bis alle einmal dran waren.
Bei der Berliner S-Bahn hat die Bahn drei Werke geschlossen und 1000 Mitarbeiter abgebaut. Jetzt fallen ständig Züge aus.
In keine andere S-Bahn wurde mehr investiert als in die Berliner S-Bahn. Sie kam nach der Wende ziemlich kaputt von der DDR-Reichsbahn zu uns. Wer fair und genau hinsieht, wird feststellen, dass viele heutige Probleme die Zulieferer zu verantworten haben, nicht die Bahn. Das soll keine Entschuldigung für die Misere sein, aber es ist so.
Verkehrsminister Ramsauer sagt, die Bahn wurde zu lange nur nach kaufmännischen Regeln geführt.
Solche Aussagen wundern mich. Das Grundgesetz schreibt eine privatwirtschaftlich geführte Bahn AG vor. Natürlich muss sie kaufmännisch geführt werden - wie sonst? Wer das ändern will, muss wieder eine Behörde aus der Bahn machen. Das Aktiengesetz verpflichtet den Vorstand, die Bahn wirtschaftlich zu führen, zum Wohle der Eigentümer, der Mitarbeiter und des Unternehmens selbst.
Gehört dazu auch, 16 Milliarden Euro Schulden zu machen? Die haben Sie der Bahn hinterlassen.
Die Verschuldung musste sein, um mehr und schneller in neue Züge und Bahnhöfe zu investieren. Übrigens spricht das auch gegen die Kaputtsparlegende. Mit ihren Gewinnen baut die Bahn die Schulden Jahr für Jahr planmäßig ab. Das war Teil unserer Sanierungsstrategie und ist in Geschäftsberichten nachzulesen. Übrigens trifft dieses Unternehmen damals wie heute keine strategische Entscheidung, die nicht politisch geprüft wird.
Ramsauer will 500 Millionen Euro Dividende. Soll er der Bahn das Geld für Reparaturen lassen?
Es ist völlig in Ordnung, wenn der Bund als Gesellschafter eine Dividende von der DB-AG erhält, wenn sie Gewinn macht. Ebenso berechtigt ist die gewinnabhängige Erfolgsbeteiligung für die Mitarbeiter, die wir eingeführt haben.
Angenommen der Börsengang hätte geklappt. Wer kauft die Aktie einer Gesellschaft, die so wetterfühlig und so politisch gesteuert ist?
So tickt der Kapitalmarkt nicht. Analysten prüfen das Produkt, den Markt und das Management. Eine Bahn, die jeden Tag garantiert bis zu sechs Millionen Kunden befördert, ist eine bombensichere Anlage. Wäre Lehman Brothers nicht pleitegegangen, wäre die Bahn heute zu 15 Prozent an der Börse.
Die chronischen Verspätungen bei der Bahn hätten die Aktie doch auch belastet.
Die Bahn war nie pünktlicher als heute. Im Jahresdurchschnitt erreichen 95 Prozent der Züge mit höchstens fünf Minuten Verspätung ihr Ziel.
Dann erleben die Fahrgäste nur eine gefühlte Unpünktlichkeit?
Es gibt extreme Tage, an denen das Wetter, Suizide oder andere externe Einflüsse die Bahn bremsen. Ich verstehe die Erwartung der Kunden, aber 100 Prozent Pünktlichkeit sind unbezahlbar. Außer Frage ist: Die Bahn muss weitermachen mit dem Verbesserungsprojekt. Wahrscheinlich wird sie nie fertig.
Sie wird es nie schaffen?
Vielleicht sollte man Züge am selben Maßstab messen wie Flugzeuge und Autos. Da sieht die Bahn nicht schlecht aus. Im Winter stand wieder überall groß: „Chaos bei der Bahn“. Im dritten Absatz kam dann: Übrigens waren auch Straßen und Flughäfen dicht, tja, schlechtes Wetter.
Auf die Bahn ist man auch sauer, weil es nur eine gibt. Von Köln nach Kiel fährt keine Konkurrenz.
Auf dem deutschen Schienennetz tummeln sich gut 300 Anbieter. Aber auf einer Strecke kann es nie zwei Anbieter geben, das wäre ineffizient. Deshalb bewerben sich Anbieter um Strecken. Gute Strecken wollen alle. Schlechte soll die DB-Bahn in Sinne des Gemeinwohlgedankens betreiben? Das kann wohl nicht sein.
Dürfen Sie eigentlich den Rest Ihres Lebens gratis Bahn fahren?
Nein, warum, ich war ein DB-Mitarbeiter wie alle anderen. Meine Bahncard 50 kaufe ich selbst.
Werden Sie von anderen Fahrgästen angesprochen oder angepöbelt?
Wenn mich Leute wahrnehmen, sind sie wirklich sehr freundlich. Vor allem die Älteren wissen, dass sich zu meiner Zeit viel verbessert hat. Manche denken komischerweise, ich sei noch immer Bahn-Chef.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.364,39 | −0,33% |
| Dow Jones | 12.393,50 | −0,21% |
| EUR/USD | 1,2347 | −0,11% |
| Rohöl Brent Crude | 101,74 $ | +0,12% |
| Gold | 1.558,00 $ | +1,17% |
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