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Medizinische Versorgungszentren Ärzte greifen ein

06.08.2010 ·  Mit immer größerer Sorge beobachten die deutschen Ärzte das rasante Wachstum Medizinischer Versorgungszentren. Künftig wollen sie an dem Geschäft teilhaben. Deshalb gründen sie jetzt selbst welche.

Von Andreas Mihm
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Die Ansage auf dem Kongress der Nierenärzte kürzlich in München war laut und eindeutig: "Gehen Sie weg hier, wir brauchen Sie nicht." Der verbale Platzverweis betraf nicht das Podium, auf dem Martin von Hummel, der Geschäftsführer von Diaverum Deutschland, Platz genommen hatte. Er galt für das ganze Land. Denn die Diaverum GmbH, hinter der ein Private-Equity-Fonds steht, betreibt Dialysezentren für Nierenpatienten und kauft Kassenarztsitze für ihre Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) auf.

Das passt den Ärzten gar nicht. Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe sagt: Wenn Finanzinvestoren wie "beispielsweise Hedge-Fonds Laborpraxen oder Pathologie-Institute aufkaufen, dann erwarten die Investoren auch Rendite." Mehr als je zuvor müssten sich Ärzte mit Gewinnerwartungen Dritter auseinandersetzen. Vizepräsident Frank Ulrich Montgomery warnt: "Ganz und gar nicht dürfen MVZ Spekulationsobjekt von Kapitalfirmen und ausschließlich gewinnorientierten Investoren sein."

Die Gründung der Medizinischen Versorgungszentren ist seit 2004 in Deutschland zulässig. Nicht nur Ärzte tummeln sich als MVZ-Gründer; auch Privatinvestoren, Krankenhäuser und Klinikketten gründen MVZ für jede Form der ambulanten Behandlung. Anfang des Jahres gab es schon knapp 1500 MVZ, mit wachsender Tendenz und zum wachsenden Ärger von Ärztekammern und Ärztevereinigungen. Die Politik haben sie schon alarmiert.

Die Koalition will sicherstellen, dass bei Neugründungen die Mehrheit der Anteile in Ärztehand liegt. Doch bis es so weit ist, werden die Ärzteorganisationen selbst aktiv: Sie wollen ärztliche Versorgungszentren (ÄVZ) in Eigenregie betreiben. "Aufbau einer ÄVZ-Marke und ÄVZ-Kette in der vertragsärztlichen Versorgung als Gegengewicht zu den privaten Klinikketten und in- und ausländischen Finanzinvestoren", wird das Ziel intern beschrieben. Letztlich geht es darum, im Kampf um die Neuverteilung des ambulanten Versorgungsmarktes nicht zurückzufallen.

Patiomed heißt die Gesellschaft, die dafür kürzlich in Berlin gegründet wurde. Ausgeschrieben heißt das: Patientenorientierte Medizin. Das klingt fast so, als gäbe es das bisher nicht. Patiomed will sogar werden, was Apotheken in Deutschland verboten ist: eine Kette. Ziel sei der "Aufbau einer Marke für ambulante Versorgung", sagt Vorstandschef Thomas Gardain. Bis 2020 wolle man 100 MVZ tragen, betreiben oder unterstützen, sagt der Facharzt für Innere Medizin. In einem internen Strategiepapier ist auch die Rede von der "Wahrnehmung von Versorgungsaufgaben im Gesundheitswesen auch außerhalb der bisherigen Kernbereiche der Kassenärztlichen Vereinigungen".

Gegen die Fremdbestimmung

Patiomed ist zwar eine Aktiengesellschaft, will aber nicht in erster Linie Gewinnerwartungen ihrer Aktionäre befriedigen. Sie strebt auch nicht an die Börse. Die AG könnte aber, so Gedankenspiele, eines fernen Tages neue Aktien an Ärzte und deren Verbände verkaufen, wenn sie frisches Geld nötig hat. Zunächst will die Gesellschaft vor allem Praxen betreiben und den Ärzten möglichst viele Freiheiten lassen. Die Palette reicht vom angestellten bis zum freiberuflichen Arzt als Partner. Pate ist das Modell der Rechtsanwaltskanzlei, neudeutsch "Law firm".

"Wir wollen vor allem auch einer zunehmenden Fremdbestimmung der ärztlichen Tätigkeit in MVZ-Strukturen, deren Träger sich primär an Renditezielen orientieren, deutlich etwas entgegensetzen", sagt Carl-Heinz Müller, Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Patiomed werde Vertragsärzten keine Konkurrenz machen und keinen Verdrängungswettbewerb initiieren, verspricht Gardain. Patiomed wolle aber nicht "die verlängerte Werkbank einer Klinik" sein. 20 Millionen Euro wollen die Gesellschafter lockermachen.

Patiomed ist nicht irgendeine Geschäftsidee. Dafür bürgen schon die Eigner. 49 Prozent der Aktien hält die Apotheker- und Ärztebank, 24 Prozent der Deutsche Ärzteverlag, zwei Prozent eine Züricher Beteiligungsgesellschaft. Durchgerechnet 25 Prozent hält die KVmed GmbH. Dahinter stehen die Äskulap-Stiftung, die von Chefs von Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) als Privatleuten finanziert wurde, sowie der Verband privatärztlicher Verrechnungsstellen und der Klinikkonzern Asklepios. Gewinne der KVmed sollen nur "der Förderung der vertragsärztlichen Versorgung dienen".

Spiritus Rector der Versorgungszentren in Ärztehand ist der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Köhler. Der sitzt auch im Aufsichtsrat der Apo-Bank, beaufsichtigt den Ärzteverlag und hat die Äskulap-Stiftung erfunden.

Klinikkonzerne haben viele MVZ gegründet

Patiomed kommt spät. Nach Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung gab es Anfang 2010 bereits 1454 MVZ. Mehr als jedes Dritte wurde von einem Krankenhaus getragen. Gerne auch in der Hoffnung, die vorgeschalteten Praxen würden helfen, Betten zu füllen. Große privatwirtschaftliche Klinikkonzerne haben Dutzende MVZ gegründet. Allein die Rhön-Klinikum AG 31, die Helios AG 24.

Olaf Jedersberger, bei Helios Konzerngeschäftsführer für das operative Geschäft, sagt, man gründe MVZ nur dort, "wo sie eine sinnvolle Ergänzung zu unseren Kliniken bilden und eine qualitativ gute ambulante Versorgung andernfalls nicht dauerhaft sichergestellt werden kann". Vielfach arbeite man mit Kassenärztlichen Vereinigung zusammen. RhönKlinikum-Chef Wolfgang Pföhler sagt, MZV spielten im Versorgungskonzept eine wichtige Rolle: "Indem wir die fachärztliche Versorgung über die ambulant-stationäre Sektorengrenze hinweg zum Nutzen unsere Patienten optimal organisieren, stellen wir eine hochwertige medizinische Versorgung wohnortnah sicher." So könne man trotz steigender Kosten hochwertige Medizin gewährleisten.

MVZ scheinen auch die richtige Antwort auf Wünsche junger Ärzte zu sein. Viele scheuen Investitionen für den Kauf oder die Gründung einer eigenen Praxis, wollen keine 55 Stunden in der Woche als "Freiberufler" arbeiten, sondern lieber als angestellter Arzt mit festem Einkommen und geregelter Arbeitszeit. Der Trend wird dadurch verstärkt, dass bald zwei von drei jungen Ärzten Frauen sind.

In einem wachsenden Gesundheitsmarkt nehme die Zahl der Existenzgründungen von Ärzten ab, stellt die Apo-Bank besorgt fest. Wurden 2007 noch 4269 Praxen gegründet, seien es 2009 nur noch 3442 gewesen, fast ein Fünftel weniger. "Ärztlicher Nachwuchs präferiert zunehmend Angestelltenverhältnisse zu Lasten freiberuflicher Existenzgründungen", zeigen sich die Banker alarmiert.

Patiomed soll auch eine ärztliche Antwort auf den Strukturwandel in der ambulanten Versorgung sein. Weg vom einzelnen Praxisinhaber, hin zu Gemeinschaftspraxen unterschiedlichster Rechtsformen, Trägerschaften und Beschäftigungsverhältnisse. So könnte die Gesellschaft Träger für Versorgungszentren auf dem Land werden, wo sich immer weniger Ärzte niederlassen. Vereinzelt stellen Kassenärztliche Vereinigungen heute schon Ärzte an, um die Versorgung zu sichern. Künftig könnte dann auf dem Praxisschild stehen: Patiomed.

Medizinische Versorgungszentren (MVZ)

können seit Anfang 2004 betrieben werden. Zuvor waren Versuche fehlgeschlagen, Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) die Einführung mit Verweis auf die Polikliniken der untergegangenen DDR madig zu machen. MVZ sind laut Gesetz fachübergreifend ärztlich geleitete Einrichtungen, in denen mindestens 2 Ärzte als Angestellte oder Vertragsärzte tätig sind. Zuletzt waren es im Schnitt 5 Ärzte je MVZ. Die Einrichtungen können von Vertragsärzten, aber auch von anderen Leistungserbringern wie Krankenhäusern, Apotheken und Heilmittelerbringern gegründet werden. Nicht zugelassen sind Krankenkassen, Pharmafirmen und Kassenärztliche Vereinigungen.

Nach Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung gab es Ende vergangenen Jahres 1454 MVZ: Im Schnitt kamen 70 bis 80 je Quartal hinzu. 554 oder 38 Prozent wurden von Krankenhausträgern gegründet. Ende 2009 arbeiteten 5793 Ärzte als Angestellte in MVZ. Das sind achtmal so viele wie Ende 2005. Die Zahl der dort tätigen freiberuflichen Vertragsärzte verdoppelte sich lediglich auf 1334. Zum Vergleich: In der ambulanten Versorgung sind laut KBV rund 150 000 Ärzte und Psychotherapeuten mit Kassenzulassung tätig.

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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