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Mayers Weltwirtschaft : Gefährliches Bargeld-Experiment

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Überall auf der Welt wollen Zentralbanker und Politiker das Bargeld abschaffen. Das muss verhindert werden.

          Geld ist ein elementares Mittel für den wirtschaftlichen Austausch, das den Staat eigentlich nichts angehen sollte. Es ist ohne ihn durch gesellschaftliche Übereinkunft entstanden und kann auch ohne ihn existieren. Doch wie Murray Rothbart in seinem Büchlein „Das Scheingeldsystem“ anschaulich beschreibt, hat sich der Staat heimlich still und leise des Geldes bemächtigt. Sein Monopol über das Geld erlaubt ihm, Schulden aufzunehmen, ohne diese je begleichen zu müssen, und die Wirtschaft über die Manipulation der Geldversorgung zu lenken.

          Damit die staatliche Lenkung der Wirtschaft durch das Geld vor den Bürgern verborgen bleibt, haben viele Staaten die Geldpolitik an Zentralbanken ausgelagert, denen sie zwar formal politische Unabhängigkeit gewähren, in die sie jedoch über die Besetzung wichtiger Funktionen kräftig hineinregieren. Meist funktioniert dieses System der staatlichen Machtausübung über das Geld so geräuschlos, dass die Bürger nicht aus ihrer Ignoranz über die Zusammenhänge gerissen werden. Manchmal kommt es aber doch zu einem Paukenschlag, wenn der Staat zu dreist eingreift. Ein gutes Beispiel dafür sind die Vorkommnisse in Indien im vergangenen November.

          Am 8. November gab der indische Premierminister Narenda Modi bekannt, dass die umlaufenden Banknoten für 500 und 1000 Rupien (im Wert von knapp sieben beziehungsweise 14 Euro) mit sofortiger Wirkung ungültig würden. Die alten Noten wären gegen neue zu tauschen, wobei der rechtmäßige Besitz geprüft würde. Mit dieser Maßnahme wollte die Regierung gegen Steuerhinterziehung, Geldfälschung und die Finanzierung terroristischer Aktivitäten vorgehen. Dabei nahm sie in Kauf, dass mit einem Schlag 86 Prozent des umlaufenden Bargelds außer Kraft gesetzt wurde. Die Wirkungen waren dramatisch.

          Arme Schichten besonders betroffen

          Im Dezember 2016 lag die Summe der umlaufenden Noten um mehr als 40 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres. Zwar stiegen die Bankeinlagen aufgrund der Umtauschpflicht um rund 27 Prozent an, aber das reichte nicht aus, um den Rückgang der Noten auszugleichen. In Indien ist Bargeld noch immer das wichtigste Zahlungsmittel. Folglich fiel die aus Bargeld und Sichteinlagen bestehende Geldmenge M1 um knapp 19 Prozent. Im Vergleich dazu erscheint die Kontraktion von M1 um knapp 13 Prozent im Jahr 1932 in der Bankenkrise der Großen Depression in den Vereinigten Staaten noch moderat. Zahlreiche Studien haben am Beispiel der amerikanischen Depression auf die verheerenden Folgen einer Geldvernichtung hingewiesen.

          Auch wenn die indische Wirtschaft Ende 2016 angeblich mit mehr als sieben Prozent gewachsen sein soll, ist es zu früh, die Wirkungen der mit staatlicher Willkür herbeigeführten Geldvernichtung zu beurteilen. Auffällig ist jedoch, dass die Konsumentenpreisinflation von einer Jahresrate von 5,3 Prozent im Schnitt der Monate Januar bis Oktober auf eine Rate von 3,4 Prozent in den Monaten November bis Januar sank. Besonders stark fiel die Inflation für Nahrungsmittel und Getränke von 6,0 Prozent in der ersten auf 2,0 Prozent in der zweiten Periode. Daraus wird ersichtlich, dass insbesondere die armen Schichten der Bevölkerung, die beinahe ihr gesamtes Einkommen für Essen und Trinken ausgeben müssen und keine Bankkonten haben, von der Geldumstellung besonders hart getroffen wurden. Sie konnten sich weniger leisten, so dass wegen mangelnder Nachfrage die Nahrungsmittelpreise weniger Auftrieb bekamen.

          EZB-Zinsen auf dem niedrigsten Stand seit 5000 Jahren

          Auffällig ist auch, dass der Einkaufsmanagerindex, der die wirtschaftliche Aktivität zeitnah misst, von einem Durchschnittswert von knapp 53 Prozent in den Monaten von Januar bis Oktober auf weniger als 49 Prozent in den Monaten November bis Januar fiel. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden die Wirkungen des indischen Geldexperiments weniger drastisch ausfallen als die Geldvernichtung während der Großen Depression. Aber mit deutlichen Spuren für die Wirtschaft ist zu rechnen. Nicht in den Zahlen enthalten ist das Elend, das dadurch den Ärmsten der Armen zugefügt wurde.

          Die satten Bürger Europas können sich kaum vorstellen, dass ihre Politiker sie als Versuchskaninchen für ähnlich drastische Geldexperimente nehmen könnten. Dabei sind wir schon mitten drin. Die Europäische Zentralbank hat zusammen mit anderen Zentralbanken die Zinsen auf den niedrigsten Stand seit 5000 Jahren gedrückt und auch bei uns wollen führende Politiker die Verwendung von Bargeld einschränken. Überall haben die Politiker den Bürgern das Medium Geld aus der Hand genommen und nutzen es als Mittel zur Durchsetzung ihrer politischen Vorstellungen. Es wäre an der Zeit, dass die Bürger die Politiker in die Schranken weisen und sich ihr Geld zurückholen.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Sroch Research INstitute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

          Quelle: F.A.S.

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