Home
http://www.faz.net/-gqg-y6ug
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Markenproduktionen Original oder Fälschung

Die Wirtschaft lebt vom Abkupfern. Denn Patentrecht und Copyright schränken nur den freien Wettbewerb ein. Erfinder werden maßlos überschätzt, denn Imitation bringt Gewinn.

© AFP Vergrößern Eine Original-Anfertigung der Marke Louis Vuitton

Sie heißen Speedy, Keepall oder Agenda, die Kultobjekte von Louis Vuitton. Eine besonders schöne Tasche, die SC Monogram im Design von Sofia Coppola, gibt es mit Besätzen aus naturfarbenem Rindsleder, Mikrofaserinnenfutter, Messingbeschlägen und dem Markenzeichen „LV“ im offiziellen Katalog für satte 1850 Euro. Wer dagegen bei Google „Louis Vuitton Replica“ eingibt, kann das gleiche Modell in Sekundenschnelle auch schon für 219 Dollar finden – mit etwas Geduld sogar noch günstiger.

Rainer Hank Folgen:  

Überraschend ist das nicht. „Vuitton-Taschen sind die meistkopierten Objekte der Welt“, schreibt Marcus Boon in seinem gerade bei Harvard University Press erschienenen Buch „Lob des Kopierens“. Schätzungen nehmen an, dass allenfalls ein Prozent der LV-Taschen vom Unternehmen LVMH produziert werden. Die restlichen 99 Prozent sind Nachahmungen!

Mehr zum Thema

In Taiwan, so erzählt Marcus Boon, gibt es fünf „Qualitätsstufen“ des Louis-Vuitton-Plagiats. Die edelsten sind handgemacht und selbst von Fachleuten nicht vom Original zu unterscheiden. „Sie können damit in einen Louis-Vuitton-Flagship-Store gehen und sich mit offenen Augen und fühlenden Händen von der Authentizität überzeugen“, werben die Kopisten. Entsprechend teuer sind solche Plagiate. Weil es eine Zeitlang schick war, sich als Louis-Vuitton-Plagiator zu outen (mit den Großbuchstaben FAKE auf dem Täschchen), wurden die Replikate manchmal sogar teurer als das Original verkauft. Die billigen „Plastic Fakes“ gab es dagegen immer schon für ein paar Dollar auf den asiatischen Märkten.

Louis vuitton Fälschung in Peking © AP Vergrößern Eine gefälsche Louis Vuitton Tasche in einem Geschäft in Peking

Produktionen in der gleichen Fabrik

In der Wirtschaft (nicht nur in der Wissenschaft) wird kräftig abgekupfert. Die Übergänge von ganz legal zu halblegal bis gänzlich illegal sind fließend. „Bevor wir uns mit rechtlichen und moralischen Abgrenzungsfragen herumschlagen, sollten wir zunächst klären, was ,Kopieren‘ überhaupt ist und welche vielfältigen Möglichkeiten es gibt“, sagt Marcus Boon.

Louis Vuitton ist nur ein besonders prominentes und womöglich extremes Beispiel. Bekannt sind jene Turnschuhfabriken in der südchinesischen Provinz Kanton, in denen zahllose Arbeiter und Arbeiterinnen die immer gleichen Sneakers je nach Abnehmer mit den Initialen von Adidas, Nike oder Puma versehen. Produziert wird für legale wie illegale Märkte in der gleichen Fabrik: „Ausschussware“ landet auf Russenmärkten im Westen, das Gros kommt als „Original“ in die Markenstores in Berlin, London und New York. Der Schuh ist der gleiche. Was macht ihn zur Fälschung? Was macht ihn zum Original? Was unterscheidet die Marken?

„Die Nachahmung ist ein verbreiteter Weg zu geschäftlichem Wachstum und wirtschaftlichem Erfolg“, wusste schon vor fünfzig Jahren Theodore Levitt, ein damals bekannter Marketingprofessor an der Harvard Business School. Häufig sind die Imitatoren sogar wirtschaftlich erfolgreicher als die Innovatoren. Legendär ist das Beispiel des MP3-Players, also die Möglichkeit, Musik elektronisch zusammenzupressen, im Netz zu verschicken und daheim abzuspielen. 1995 von deutschen Wissenschaftlern am Fraunhofer-Institut erfunden und patentiert, bot die Idee zunächst, wider die Intention der Erfinder, die fabelhafte Möglichkeit, über das Internet Musik illegal herunterzuladen. Erst Apple gelang der Coup, mit dem Nachahmer iPod (nichts anderes als eine geschmackvoll designte Gerätschaft zur Nutzung der MP3-Technik) in großem Stil Geld zu verdienen. Der Nachahmer sahnt ab, der Erfinder begnügt sich mit Brosamen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Zalando & Mehr Die Samwers und die Kunst des Kopierens

Drei Brüder aus Köln kupfern mit ihren Firmen ab, was in Amerika erfunden wird. Und verdienen damit Milliarden. Darf man das? Aber sicher! Ein Lob auf die Copycats. Mehr

10.09.2014, 12:06 Uhr | Finanzen
Chinesen bauen sich ihre eigene Sphinx

Die Chinesen sind als dreiste Plagiatoren verschrien. In Shijiazhuang ist das Klischee klar erfüllt: Dort gibt es seit kurzem in einem Freizeitpark einen originalgetreuen Nachbau der ägyptischen Sphinx. Mehr

16.05.2014, 21:57 Uhr | Gesellschaft
Apple-Aktie Und ewig lockt das Gewinnpotential

Apple-Fans weltweit sind vom neuen iPhone 6 und der Smartwatch begeistert. An der Börse wurde das Spektakel nüchtern aufgenommen. Der Aktienkurs gibt nach, doch das Papier ist im Hightech-Bereich nach wie vor eine Klasse für sich. Mehr

10.09.2014, 13:27 Uhr | Finanzen
Kaffemühle Lehnartz

Kaffeemühle Lehnartz Jahrzehnt: nicht bekannt Typ, Name: nicht bekannt Hersteller, Marke: Lehnartz Mehr

17.07.2014, 15:37 Uhr | Gesellschaft
Neues Supermarktkonzept Berliner ohne Verpackung

Zwei Jungunternehmerinnen in Berlin haben mit ihrem Supermarkt ohne Verpackungen ein neues Verkaufskonzept entwickelt. Der Laden Original Unverpackt ist theoretisch fundiert. Ob er auch in der Praxis Erfolg hat, wird sich zeigen. Mehr

22.09.2014, 12:28 Uhr | Stil
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 27.02.2011, 13:02 Uhr

Polen und der Euro

Von Sven Astheimer

Polen hatte bislang keine Eile der Euro-Zone beizutreten. Die Furcht vor Russland bringt nun Bewegung in die Debatte. Mehr 3


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Das alte Handy kann mehr als 300 Euro bringen

Wer sich ein neues iPhone zulegt, kann sein altes Handy zu Geld machen. Aber wieviel gibt es dafür noch? Ein Überblick. Mehr 1