25.07.2004 · Leistung hat ihren Preis, sagen die Manager. Vorstände sahnen nur ab, sagt der Volksmund. Daß es für die Millionengehälter ein Maß gibt, zweifeln selbst Ökonomen an.
Von Thiemo HeegEs war die Woche der Abrechnung mit den Spitzen der deutschen Wirtschaft. Deutsche-Bank-Chef Ackermann vor Gericht und Daimler-Chef Schrempp als Sparkommissar: regelrechte Steilvorlagen für die Kritiker dicker Managergagen. Die ließen sich die Chance nicht entgehen, eine lange schwelende Debatte wieder zu entfachen. Zuletzt giftete am Freitag SPD-Vize-Fraktionschef Joachim Poß: „Wußten Sie, daß der vierköpfige Vorstand der Deutschen Bank höhere Bezüge erhält als alle Bundestagsabgeordneten zusammengenommen?" Jetzt wissen wir's.
Poß traf exakt den Resonanzton der kochenden Volksseele, den nicht nur linke Politiker und Kapitalismusgegner anstimmen, sondern auch halbwegs neutrale Wissenschaftler. "Bescheidenheit tut wieder not", findet etwa Ulrich Thielemann, Institutsdirektor an der Universität St. Gallen. Schließlich sei es "unmöglich, daß eine Person tausendmal mehr leisten kann als eine andere". Das aber müßte theoretisch der Fall sein, wenn der Arbeitslohn das Äquivalent für die Arbeitsleistung darstellen soll - eine der Grundannahmen in der Marktwirtschaft.
Die Frage lautet, wie sich Leistung messen läßt
Aber: Wie läßt sich die Leistung von Managern messen? Geht das überhaupt objektiv? Sind Gehälter wie 20 Millionen Dollar wirklich sachlich begründbar (soviel hat jeder der Vorstandschefs amerikanischer Investmentbanken mindestens verdient)?
Leistung läßt sich messen. Davon ist Rainer Schätzle überzeugt. Der Fachmann für Bezahlungs- und Bewertungssysteme bei der Allianz hat sich mit diesen Themen schon viele Jahre lang beschäftigt. „Die wesentliche Funktion der Unternehmensführung besteht darin, gut zu wirtschaften, das heißt, Werte zu schaffen", schreibt Schätzle im Standardwerk „Sind Manager ihr Geld wert?" Weil sich diese "Werte", also der erwirtschaftete Gewinn, in den Aktienkursen niederschlagen, sind die Gehälter von Top-Managern praktisch immer an die Börsenentwicklung gekoppelt.
Ein Spitzenverdiener wie Josef Ackermann bekommt also nicht Jahr für Jahr zehn Millionen Euro bar auf die Hand. Vielmehr ist ein Großteil seiner Entlohnung variabel und ändert sich von Jahr zu Jahr. Manager wie Steve Jobs, der Chef von Apple, verzichten sogar ganz auf ein Fixum. Trotzdem verdient der Mann 75 Millionen Dollar im Jahr. Heißt es.
Offenlegung der Gehälter wird seit langem gefordert
Die Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen. Auch in Deutschland. Hier erfährt die Öffentlichkeit nur in den wenigsten Fällen, was der oberste Chef eigentlich verdient. In den Geschäftsberichten der Dax-Unternehmen ist meist nur die Gehaltszahl für den gesamten Vorstand zu finden. Und was bekommt zum Beispiel Jürgen Schrempp? Das können selbst Fachleute nur erahnen. Die Experten wenden den Schlüssel "2 zu 1,25 zu 1" an. Das bedeutet: Der Vorstandschef verdient das Doppelte eines normalen Vorstandsmitglieds, sein Stellvertreter das 1,25fache. Vor allem bei Telekom-Unternehmen und Banken kommt diese Schätzung der Wirklichkeit meist ziemlich nahe. Bei den klassischen Branchen wie Maschinenbau und Chemie wird der Chef-Multiplikator mit 1,5 angegeben.
Solche Geheimnistuerei prangert Bundesjustizministerin Brigitte Zypries seit langem an - bislang mit wenig Erfolg. Sie fordert, Vorstandsgehälter sollten individuell offengelegt werden. Viele Betroffene sehen darin nichts als eine neue Neiddebatte. Selbst wenn es so wäre - ändern läßt sich daran wenig: Die Debatte über Managergehälter ist längst im Gange und nicht mehr aufzuhalten.
Neid ist kein Argument
Für Ökonomen ist der Neid kein Argument. Für sie sollen sich die Löhne am Markt bilden. Ob es freilich überhaupt einen offenen Markt für Topetagen gibt, ist umstritten. "In der Praxis ist dieser Markt nicht vorhanden", sagt Harvard-Professor Rakesh Khurana. Vielmehr geht es hier zu wie in einem geschlossenen Club. Das heißt: Der Board - Aufseher und Vorstände eines Unternehmens - entscheidet über die Gehälter - ohne daß die Aktionäre gefragt werden.
Das Resultat: Exorbitant hohe Gehälter werden gezahlt, die sich nicht an tatsächlicher Leistung, sondern an unrealistisch hohen Erwartungen bemessen. Eine schlechte Kombination - und eine gute Munition für die Gehaltskritiker.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.383,71 | −0,75% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2452 | −0,29% |
| Rohöl Brent Crude | 104,88 $ | −1,84% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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