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Lust und Last der Arbeit Der Mehrarbeits-Virus breitet sich aus

10.04.2006 ·  Die 50-Stunden-Woche macht Spaß. Sagt ein Saarländer. Und hat schon 800 Mitstreiter um sich geschart. Zum ersten Mal hat sich in Deutschland via Internet eine Gegenöffentlichkeit zu den Streikenden formiert.

Von Judith Lembke
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Wie viele solcher Aktionen wurde auch diese aus einem Gefühl hilfloser Wut geboren. Heiko Banaszak steckte vor etwa drei Wochen auf der Autobahn irgendwo im Schwäbischen fest. Sein Navigator zeigte noch 280 Kilometer bis ins heimische Saarlouis, während er sich mit 20 Stundenkilometern durch den Schnee kämpfte. Im Radio hörte er immer wieder die Durchsage, die Autobahnen würden aufgrund des Streiks im öffentlichen Dienst nur sehr langsam geräumt.

Aus seinem persönlichen Ärger wurde ein grundsätzliches Unverständnis für die Verdi-Forderungen: „Arbeit ist doch nicht nur eine Last, sondern macht auch Spaß“, sagt Banaszak. Wenn man der gesellschaftlichen Diskussion folge, habe man jedoch fast das Gefühl, daß Arbeit grundsätzlich schlecht und nur Freizeit erstrebenswert sei.

Dabei würden in seinem Umfeld fast alle mehr als 40 Stunden in der Woche arbeiten - ohne zu murren. „Ich verstehe diese Diskussion über 18 Minuten Mehrarbeit am Tag nicht. Man kann doch nicht durch Verweigerung, sondern nur durch engagierte Arbeit dazu beitragen, daß Deutschland weiter wettbewerbsfähig ist“, findet Banaszak.

Das Unverständnis blieb

Zu Hause im Saarland angekommen, war die Wut zwar verraucht, das Unverständnis jedoch blieb. Auch bei seinen Freunden und Verwandten - teilweise selber im öffentlichen Dienst tätig - stieß er auf wenig Solidarität mit den Gewerkschaftern. Also setzte er sich mit einem Kommunikationsdesigner zusammen und entwarf eine Homepage für Gleichgesinnte.

Unter www.erfahren-sie-mehr.de offenbart sich, wer mit „Virus Ü-40“ infiziert ist, also diejenigen, die mehr als 40 Stunden in der Woche arbeiten und es nicht als Belastung empfinden. Der Seitenhieb auf Verdi ist unverkennbar, denn auch folgender Satz steht in Banaszaks Statement: "Ich habe für Streiks im öffentlichen Dienst kein Verständnis, weil ich mit meinen weit mehr als 40 Stunden einen Teil dessen erwirtschafte, womit im öffentlichen Dienst Arbeitsplätze finanziert werden."

Unerwartet viel Zulauf

Nachdem er den Link an 50 Freunde verschickt hatte, bekam seine Homepage unerwartet viel Zulauf. Mittlerweile haben sich fast 800 Ü-40-Infizierte registrieren lassen, darunter nicht nur Unternehmer wie er selbst, sondern auch Altenpfleger, Lastwagenfahrer und Beamte.

Es gab mehr als 16.000 Zugriffe auf die Seite, und in Internetforen wird darüber diskutiert. Die Reaktionen waren überwiegend positiv. „Ich habe viele E-Mails von Leuten bekommen, die schreiben, daß solch eine Aktion längst überfällig war“, sagt er. Kritiker würden vor allem bemängeln, daß er mit seinem Statement nicht den Kern treffe, weil es bei dem Streik um viel grundsätzlichere Dinge als 18 Minuten Mehrarbeit am Tag gehe.

Banaszak argumentiert dagegen mit seiner Erfahrung als Inhaber einer Beratungsfirma mit 16 Angestellten. „Wenn meine Mitarbeiter und ich nicht flexibel wären und nicht manchmal auch beherzt Überstunden machen würden, könnten wir uns gegen die größeren Konkurrenten gar nicht durchsetzen.“

In Baden-Württemberg ist der Streik mittlerweile beigelegt. Doch der Effekt bleibt: Zum ersten Mal hat sich in Deutschland via Internet eine Gegenöffentlichkeit zu den Streikenden formiert.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.04.2006, Nr. 14 / Seite 39
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