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Luftverkehr Das Ende des Haus-und-Hof-Geschäfts

22.11.2005 ·  Europäer und Amerikaner haben eine weitgehende Liberalisierung des transatlantischen Luftverkehrs beschlossen. Demnach dürfen Fluggesellschaften künftig von jedem Flughafen der EU jede Stadt in Amerika anfliegen und umgekehrt.

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Die Liberalisierung der internationalen Luftfahrt ist ein Stück weiter vorangeschritten. Im jahrelangen Streit um die Öffnung ihrer beiderseitigen Luftverkehrsmärkte haben die Vereinigten Staaten und die Europäische Union (EU) eine vorläufige Vereinbarung getroffen.

„Wir wollen die Türen für einen starken Wettbewerb öffnen“, sagte der amerikanische Verhandlungsführer John Byerly. Das „Open-Skies“-Abkommen muß nun von allen EU-Verkehrsministern genehmigt werden. Sollten die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten und der Vereinigten Staaten zustimmen, könnte das Abkommen bereits im Oktober 2006 in Kraft treten.

Keinerlei Beschränkungen

Unter "Open Skies" versteht man die Deregulierung des internationalen Luftverkehrs. Durch den Abschluß bilateraler Luftverkehrsabkommen - in diesem Fall durch die Europäische Gemeinschaft und den Vereinigten Staaten - sollen die noch bestehenden Tarif- und Streckenrestriktionen weitgehend aufgehoben werden. Nach einer abschließenden Genehmigung der Vereinbarung könnte jede amerikanische und jede europäische Fluggesellschaft jede beliebige Stadt im jeweils anderen Wirtschaftsraum und darüber hinaus anfliegen. Zudem wird es keinerlei Beschränkungen für die Zahl der Flüge in beide Richtungen, den Typ der eingesetzten Flugzeuge oder die Flugrouten geben.

Bevor das Vertragswerk endgültig in Kraft treten kann, will die EU aber noch sicherstellen, daß die von den Vereinigten Staaten vorgeschlagene Aufhebung der Begrenzung von Auslandsbeteiligungen an amerikanischen Fluggesellschaften auch tatsächlich vorgenommen wird und daß europäische Konkurrenten wirklich einen breiteren Zugang zu den großen amerikanischen Städten erhalten. Der amerikanische Kongreß braucht dem Vertragswerk nicht zuzustimmen. Unter Abgeordneten, Fluggesellschaften und Gewerkschaften gab es in Amerika freilich Widerstand gegen die Öffnung dieses transatlantischen Marktes.

Seit zwei Jahren gerungen

Um das "Open-Skies"-Abkommen wird seit mehr als zwei Jahren gerungen. Das gemeinsame Abkommen der 25 EU-Staaten mit den Vereinigten Staaten soll die vielen bilateralen Verträge über den Flugverkehr ersetzen, die von den Mitgliedstaaten seit dem Zweiten Weltkrieg abgeschlossen worden waren. Experten erhoffen sich mehr Wettbewerb auf den Transatlantikrouten, der zumindest theoretisch die Preise drücken dürfte. Doch allerdings ist nicht sicher, ob viele europäische Fluggesellschaften auch wirklich von dieser neuen Möglichkeit Gebrauch machen wollen.

Schließlich wird der Langstreckenverkehr zwischen Europa und Nordamerika von den drei großen Allianzsystemen der Luftfahrtbranche dominiert, die jeweils mindestens einen amerikanischen Partner haben und ihre Verbindungen und Flugpläne aufeinander abgestimmt haben. Allerdings sind die Allianzen auch durch die Beschränkung der bilateralen Luftverkehrsabkommen entstanden, weil diese bisher die nun sich abzeichnenden Freiheiten nicht gewährten. Auf Sicht könnte es so einer Aufweichung der Allianzverbindungen zwischen Europa und den Vereinigten Staaten kommen, zumal viele Partner - wie Delta und United - derzeit unter Gläuberschutz fliegen.

Marktabschottung dürfte wegfallen

Wohl kaum eine Branche ist derzeit noch so stark von Wettbewerbsbeschränkungen geprägt. Seit Jahrzehnten sind bilaterale Verträge die gesetzliche Grundlage für den Flugverkehr zwischen zwei Staaten. Die meisten Staaten haben Nationalitätenklauseln vereinbart, denen zufolge nur die jeweiligen nationalen Airlines Linienflüge zwischen den Vertragspartnern anbieten dürfen. Direktflüge zwischen London und New York dürfen nur britische oder amerikanische Fluggesellschaften anbieten.

Diese Marktabschottung auf der bislang lukrativsten Nordatlantikverbindung dürfte jetzt wegfallen. Bisher teilen sich zwei amerikanische Gesellschaften (American und United) und zwei britische Fluggesellschaften (British Airways und Virgin Atlantic) den bilateralen Verkehr zwischen London-Heathrow und nordamerikanischen Flughäfen. Wenn diese Beschränkungen fallen, dann könnten sowohl Air France/KLM als auch die Lufthansa Direktflüge von London in die Vereinigten Staaten anbieten. Das "Haus-und-Hof-Geschäft" der British Airways würde damit entfallen.

Experten rechnen nicht damit, daß im Zuge dieser Liberalisierung viele europäische Fluggesellschaften nun eine große Zahl von Direktverbindungen anbieten werden. Schließlich müssen sich diese Verbindungen wirtschaftlich - bei tendenziell weiter sinkenden Ticketpreisen - rechnen. Zudem besteht auf den großen europäischen Drehkreuzen meist eine Knappheit an Start- und Landerechten. Auch haben viele europäische Fluggesellschaften in der Vergangenheit darauf hingewiesen, daß die größte Wettbewerbsbeschränkung über dem Nordatlantik in den staatlichen Finanzhilfen der Vereinigten Staaten für ihre Fluggesellschaften besteht. Seit dem 11. September 2001 haben die amerikanischen Fluggesellschaften 32 Milliarden Dollar an staatlichen Finanzhilfen erhalten.

Quelle: noa., F.A.Z., 22.11.2005, Nr. 0 / Seite 13
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